Nach E. T. A. Hoffmann · 16 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Bergwerke zu Falun
Ein reicher Ostindienfahrer war glücklich heimgekommen und lag im Klippa-Hafen vor Anker, dort, wo Göteborg zum Wasser hin offen liegt. Es war ein heiterer, sonnenheller Julitag, und alles Volk stand auf der Reede und sah hinüber. Die Taue dampften in der Wärme, an der Bordwand hing das Salz in weißen Rändern, und über den Masten strichen die Möwen und schrien in einen Himmel hinein, in dem nicht ein Wölkchen stand. Die Männer an Bord hatten die Fahrt überstanden, und wer eine Fahrt überstanden hat, der feiert.
Sie nannten das Fest die Hönsning, und es ging tagelang. In einem Haus nahe am Hafen standen alle Fenster offen. Es roch nach heißem Fett und nach Bier, eine Fiedel spielte, und wer hereinkam, brachte den warmen Staub der Gasse an den Schuhen mit. Die Matrosen sangen und stampften den Takt mit den Absätzen, und der Wirt trug auf, was das Haus hatte. Draußen wurde es an diesem Abend lange nicht dunkel, und der Himmel über den Dächern blieb hell bis tief in die Nacht. Vor Mitternacht ging keiner nach Hause.
Einer saß abseits auf der Bank am Türpfosten und sang nicht mit. Er hieß Elis Fröbom und war ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, gut gewachsen, mit einem stillen Gesicht. Sein Vater war auf See geblieben, und seine beiden Brüder waren als Soldaten in der Schlacht geblieben, in einem Jahr, in dem viel verloren ging. Es war ihm niemand mehr geblieben als die Mutter, und für sie hatte er einen ledernen Beutel mit seinem ganzen Lohn im Kittel.
Er hatte den ganzen Weg über das Meer ausgerechnet, was er ihr davon kaufen würde und wie sie den Winter über nicht mehr würde spinnen müssen. Am Nachmittag war er zu ihrem Haus gegangen, und eine Nachbarin, die ihn von klein auf kannte, war an die Tür gekommen und hatte ihn angesehen, und ehe sie etwas gesagt hatte, wusste er es. Die Mutter war gestorben, vor drei Monaten schon, und sie lag längst begraben. Er hatte sich bei ihr bedankt, weil ihm nichts anderes einfiel, und war zurück zum Hafen gegangen, weil er nicht wusste, wohin sonst. Nun saß er da, und hinter ihm spielte die Fiedel.
Dann ging er hinaus. Der Lärm blieb hinter der Tür zurück und war plötzlich weit weg. Am Wasser stand eine steinerne Bank, auf die setzte er sich, und der Stein war kühl von der Nacht und gab die Kühle langsam an ihn ab. Vor ihm lagen die Schiffe, schwarz und ruhig, und das Wasser schlug gegen die Bohlen, immer derselbe Schlag. Er hatte den Beutel in der Hand und wusste nicht mehr, wozu er ihn hielt, und er legte ihn neben sich auf den Stein, als gehöre er niemandem.
Nach einer Weile saß jemand neben ihm, ohne dass er hatte kommen hören. Es war ein alter Mann in der Tracht der Bergleute, mit einem dunklen Kittel und einem Gesicht, in dem jede Falte scharf stand. Ihr müsst gar großes Unglück erfahren haben, junger Mensch, sagte er, und seine Stimme war tief und ohne Eile. Elis antwortete ihm, und er antwortete mehr, als er vorgehabt hatte, weil der Alte ihn nicht unterbrach und weil er nirgends hinsah, während er zuhörte.
Das Meer ist nichts für Euch, sagte der Alte danach. Wer immer auf dem Wasser lebt, sieht sein Leben lang nur eine Fläche, die sich bewegt. Kommt nach Falun, in Dalarne, und geht in den Berg hinunter. Dort unten wächst das Erz wie Bäume in einem Garten wachsen, in Ästen und Zweigen, und es steht in Farben da, für die es oben keine Namen gibt. Wer den Berg versteht, der liest darin. Und tief unten herrscht die Königin, und wer ihr Antlitz einmal gesehen hat, der kommt nicht mehr davon los.
Elis wollte fragen, wer er denn sei, und sah zur Seite, und da war die Bank leer. Über den Bohlen lag der Nebel, und die Schritte, die er zu hören meinte, waren nur das Wasser. Er ging zurück in das Haus und fragte die Matrosen an der Tür nach einem alten Bergmann, aber keiner hatte einen gesehen, und einer sagte lachend, in Göteborg gehe kein Bergmann um. Er nahm sich ein Lager in der Kammer über dem Stall und schlief ein. Draußen schlug eine Uhr, und er hörte sie nicht mehr zu Ende.
In dieser Nacht träumte er, er sei auf See, aber das Wasser unter dem Kiel wurde klar und wurde fest, und das Schiff sank leise in einen Grund aus Kristall hinunter. Ringsum standen Pflanzen und Blumen aus blinkendem Metall, aus deren Kelchen Funken stiegen, und zwischen ihnen gingen holde Jungfrauen und sahen ihn an. Über allem wölbte sich ein Gestein, in dem es funkelte wie in einem Himmel, und alles war still und ohne jedes Geräusch.
Dann teilte sich der Grund noch einmal, und tief darunter lag ein Antlitz, so groß, dass er es nicht auf einmal fassen konnte. Es war aus dem Gestein selbst, und was wie Haar aussah, waren Adern von Erz, die sich durch den Fels zogen, so weit er sehen konnte. Die Augen standen still und sahen ihn an, und ihr Licht war kalt wie das Licht, das im Winter von Schnee zurückkommt. Irgendwo fiel ein einziger Tropfen ins Wasser, und der Ton hing lange nach. Schmerz und Freude gingen zugleich durch ihn hindurch.
Da rief oben die Stimme seiner Mutter seinen Namen, so deutlich, als stünde sie am Fenster und riefe ihn zum Essen. Er wollte hinauf, und der Grund wollte ihn nicht lassen, und über ihm streckte eine junge Frau, die er nie gesehen hatte, die Hand nach ihm aus. Er griff danach und fasste nichts. Dann wachte er auf, und über dem Hafen wurde es hell, und unten schlug das Wasser gegen die Bohlen wie in der Nacht. Der Traum blieb ihm ganz, so wie er gewesen war.
Den Sommer über blieb er noch in Göteborg und half an den Kais, wo Hände gebraucht wurden, und ging jeden Abend an das Wasser, und es war ihm, als müsse er auf etwas warten. Als die Birken gelb wurden, schnürte er sein Bündel und ging landeinwärts. Der Weg führte über abgeerntete Felder und dann in die Wälder hinein, wochenlang an stillen Seen entlang, und als der erste Frost kam und die Ränder der Seen weiß wurden, war er noch immer unterwegs. In den Höfen, an denen er vorbeikam, brannten schon die Kienspäne.
Als er endlich vor Falun stand, sah er zuerst den Rauch. Er lag über der Stadt und über den Wäldern ringsum wie eine zweite Wolkendecke, und der Wind brachte einen Geruch heran, scharf und schwefelig, der in der Nase brannte. Die Häuser waren rot gestrichen, ein sattes, dunkles Rot, und zwischen ihnen war der Schnee grau. Vor der Stadt hörte alles auf, was grün war. Kein Baum stand mehr da, kein Halm, nur nackter Boden unter dem Frost.
Dann kam er an den Rand und sah hinunter. Da war das Loch, das sie die Pinge nennen, eine ungeheure Tagesöffnung, so weit, dass die Männer auf der anderen Seite klein waren wie Vögel. Die Wände fielen schwarzbraun in die Tiefe, dazwischen lagen Halden von Schutt und Gerüste und Leitern, und aus dem Grund stieg der Dunst herauf und stand in der kalten Luft. Elis trat einen Schritt zurück und dann noch einen und stand dann still.
Er setzte sich auf einen Stein am oberen Rand und blieb dort, bis der Tag zu Ende ging. Unten in der Stadt fingen die Fenster an zu leuchten, eines nach dem anderen, und aus den Schornsteinen kam der Rauch gerade nach oben, weil kein Wind mehr ging. Das Loch aber wurde dunkel, ehe alles andere dunkel wurde, und aus ihm heraus kam ein Geräusch von Hämmern und Rädern, weit unten und gleichmäßig, das nicht aufhörte, auch als es Nacht war.
Am nächsten Tag ging Elis Fröbom durch die Gassen und geriet vor ein Haus, aus dem Stimmen kamen, und es war das Haus des Pehrson Dahlsjö, und er kam gerade recht, denn im Flur saßen die Bergleute an langen Tischen und aßen. Draußen ging ein Wind, der den trockenen Schnee über die Gasse trieb, drinnen aber war es hell und voll und warm von den vielen Leuten. Der Hausherr war ein ruhiger Mann mit breiten Händen, er hörte sich Elis an, sah ihn dabei genau an und sagte dann, es sei Arbeit da und ein Bett auch.
Dann kam ein Mädchen mit einer Kanne die Reihe entlang und schenkte den Männern ein. Sie war die Tochter des Hauses und hieß Ulla, und als sie an Elis vorbeikam und ihm den Becher füllte und ihn dabei ansah, wurde ihm heiß und kalt zugleich. Er kannte dieses Gesicht. Er hatte es in der Nacht am Hafen gesehen, als der Grund unter ihm aus Kristall gewesen war und eine Hand sich nach ihm ausgestreckt hatte. Er brachte kein Wort heraus und sah in seinen Becher.
So blieb er in Falun. Er fuhr mit den anderen an, lernte das Gezähe und die Gänge, und er lernte schnell, schneller als alle, die vor ihm gekommen waren. Die Bergleute mochten ihn, weil er wenig sprach und viel schaffte, und Pehrson Dahlsjö sah ihm zu und nickte manchmal. Wenn Elis am Abend heraufkam, war ihm der Frost auf der Haut angenehm, und wenn er das Licht in der Stube sah, ging er schneller. Ulla stand oft schon in der Tür, wenn er kam, und hielt die Hände so lange über den Kacheln, bis er über der Schwelle war, und drückte sie ihm dann warm um die kalten Finger.
Aber unten begegnete ihm einer. Zwischen zwei Fahrten stand plötzlich der alte Bergmann vor ihm im Gang, derselbe wie in Göteborg, und die Flamme in der Lampe des Elis legte sich zur Seite, obwohl kein Zug ging. Elis wusste inzwischen, dass er Torbern hieß und dass ein Bergmann dieses Namens vor sehr langer Zeit im Berg geblieben war. Du siehst zu oft nach oben, sagte Torbern und legte die Hand flach an den nassen Fels. Wer halb hier und halb dort ist, dem gehört keines von beiden. Und er sagte ihm auch, dass Ulla niemals seine Frau werde, und sagte es nicht drohend, sondern wie etwas, das feststeht.
Eines Abends saß Pehrson Dahlsjö am Tisch und sprach von einem Handelsherrn aus Göteborg, Eric Olawsen mit Namen, der um Ulla angehalten habe, und dass die Sache wohl ihren Weg gehen werde. Er sagte es ruhig und sah dabei niemanden an. Elis stand auf, ging hinaus in den Schnee und war am Morgen nicht mehr da. Sie fanden ihn erst nach vielen Stunden tief im Berg, an einem Ort, an den sonst keiner ging, und sie mussten ihn heraufführen wie einen Kranken.
Da stellte sich heraus, dass der Handelsherr längst eine Frau in Göteborg hatte und dass Pehrson das Ganze nur angestellt hatte, um zu sehen, wie es um die beiden stehe. Nun weiß ich es, sagte er und legte Ullas Hand in die von Elis. In der Stube brannte das Feuer, die Nachbarn kamen, es wurde gegessen und getrunken, und Ulla lachte an diesem Abend so viel wie in einem ganzen Jahr nicht. Elis saß neben ihr, hielt ihre Hand und sagte zu allen, was man an einem solchen Abend sagt.
Und doch war da etwas, das nicht ruhig wurde. Wenn er nachts wach lag, hörte er eine Stimme, die nicht von außen kam. Ist dir das nun das Höchste, fragte sie, dass du Ulla gewonnen hast. Du hast das Antlitz der Königin gesehen. Am Morgen fuhr er wieder an und blieb länger unten als die anderen, und er arbeitete an einer Stelle, an der die alten Hauer nur taubes Gestein sahen und die Achseln zuckten, und er sah dort, was sie nicht sahen.
Ulla merkte, dass er stiller wurde. Einmal, als sie am Ofen saßen, fragte sie ihn, was ihn denn hinunterziehe. Da erzählte er ihr von dem Stein. Tief in der Teufe, sagte er, eingeschlossen in Chlorit und Glimmer, liegt der Almandin, und er funkelt kirschrot. Er hängt dort im schwarzen Fels, wie eine einzige Kirsche in einem dunklen Baum hängt, und wer ihn ans Licht hält und hineinsieht, der liest darin die Tafel unseres Lebens, deines und meines, ganz und ohne Lücke.
Sie verstand ihn nicht und sagte es ihm auch. Sie sagte, sie brauche keinen Stein, um zu wissen, wie ihr Leben gehen solle, und sie legte ihm die Hände auf die Wangen, die ganz kalt waren, obwohl er am Feuer saß. Er lächelte und sagte, es sei nichts, und für eine Weile war es auch nichts. Der Winter ging vorbei, die Seen wurden frei, und im Haus wurde für die Hochzeit gebacken und genäht, und der Tag war auf den Johannistag gesetzt.
An diesem Morgen kam Elis früh in Ullas Kammer, ehe die Sonne über den Wäldern stand. Er war fein gekleidet und sah aus wie einer, dem eine große Freude widerfahren ist. Ich muss dir noch das Brautgeschenk holen, sagte er, den kirschroten Stein aus der Tiefe, dann ist alles beisammen. Bald bin ich wieder hier. Sie bat ihn zu bleiben. Er küsste sie, sagte es noch einmal, bald bin ich wieder hier, und ging die Treppe hinunter und über den Hof.
Der Hof lag noch im Schatten, und auf den Bohlen des Zaunes stand der Tau. Elis ging den harten Weg hinauf, den er tausendmal gegangen war, und die wenigen, die ihm begegneten, sahen ihm nach, weil er die guten Kleider trug. Oben am Rand der Pinge war es still, denn an diesem Tag arbeitete kaum einer. Er hängte den Rock an einen Nagel im Huthaus, nahm eine Lampe und stieg in die Fahrt hinunter, Tritt für Tritt, und über ihm wurde der Tag zu einem kleinen hellen Viereck und dann zu einem Punkt.
Gegen Mittag ging ein Stoß durch den Boden, und in ganz Falun hielten die Leute mitten in dem an, was sie gerade taten. Über der Pinge stieg eine Wolke aus Staub herauf, langsam und fast ohne Laut, und der Staub legte sich danach auf die Dächer und auf die Steine der Gassen und färbte alles grau. Dann fingen die Glocken an, erst die eine und gleich darauf die andere, und aus allen Gassen liefen die Leute den Weg hinauf, den er am Morgen allein gegangen war. Der alte Ort, in den er eingefahren war, war nicht mehr da.
Sie gruben, solange sich graben ließ. Ulla stand oben am Rand, in dem Kleid, das sie für die Kirche angezogen hatte, und rührte sich nicht, und ihr Vater stand neben ihr und legte ihr nach einer Weile den Mantel um die Schultern. Am Abend kamen die Männer herauf, grau bis in die Falten des Gesichts, und schüttelten die Köpfe. Später führte man sie ins Haus. Sie hat keinen anderen genommen, und eines Tages war sie fort aus Falun, und niemand wusste, wohin.
Fünfzig Jahre später brachen Bergleute in einer Tiefe von dreihundert Ellen in einen alten Ort ein, der auf keiner ihrer Zeichnungen verzeichnet war. Der Schlägel ging durch, und aus dem Loch kam eine Luft heraus, die sauer auf der Zunge lag. Sie leuchteten hinein. In dem grünlichen Wasser lag ein junger Mensch auf der Seite, unversehrt, das Haar glatt an der Stirn, als schlafe er nur. Sie trugen ihn ans Licht und legten ihn auf ein Brett neben der Halde.
Es war ein warmer Vormittag, und die Sonne stand schon hoch über dem Rand. Die Leute kamen von überall her und sahen ihn an, und keiner kannte ihn, denn keiner von ihnen war damals geboren gewesen. Da kam durch die Menge ein sehr altes Mütterchen an zwei Krücken, das jedes Jahr am Johannistag zur Grube kam und von dem man längst nicht mehr wusste, warum. Sie ließ die Krücken fallen, kniete neben dem Brett nieder und legte ihm die Hände an die Wangen.
Sie sagte seinen Namen und sagte, das sei ihr Bräutigam, und dann sagte sie nichts mehr, und als die Männer sie aufheben wollten, war ihr Atem schon gegangen. Und als sie den Jüngling forttragen wollten, sank er ihnen unter den Händen leise in sich zusammen, ohne einen Laut, und war nichts mehr als feiner Staub, und der Staub lag leicht auf ihren Handrücken und war warm von der Sommersonne. Sie sammelten ihn und brachten ihn in die Kirche von Falun, in der die Hochzeit hätte sein sollen, und legten die Alte dazu. Im Winter kommt die Sonne dort tief durch das Fenster und liegt eine Stunde lang quer über den Steinen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.