Nach Ludwig Bechstein · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Des kleinen Hirten Glückstraum
Am Ende eines armen Dorfes stand die Hütte eines Hirten, und darin wohnten der Hirt, seine Frau und ihr einziger Junge. Viel gab es nicht. Ein Bett, ein Tisch, ein Ofen, der besser wärmte, als er aussah, und über der Tür ein Nagel für die Peitsche. Sobald der Junge groß genug war, ging er mit hinaus. Am Morgen trieb er die Herde über die gefrorenen Äcker, und seine Holzschuhe klapperten auf der harten Erde, und er pfiff dabei, weil ihm sonst zu kalt wurde.
Um die Mittagszeit setzte er sich immer an dieselbe Stelle, in den Windschatten einer alten Eiche am Feldrain. Dort schlug er den Mantel um die Knie, zog die Mütze über die Ohren und ließ die Tiere machen, was sie wollten. Die Sonne stand tief und gab keine Wärme mehr, aber wenn man still saß, wurde es unter dem Tuch doch warm, und die Augen fielen einem von selber zu. So schlief er ein, mit dem Rücken an der Rinde, und die Schafe standen dicht beieinander.
Und da kam der Traum. Er reiste weit fort, weiter, als die Straße ging, und unterwegs klingelte Geld, viel Geld, als schüttete man es aus Säcken. Dann krachten Schüsse, und Reihen von Soldaten zogen an ihm vorüber, dass die Rüstungen blitzten. Zuletzt stieg er auf einen Berg, und oben auf dem Berg stand ein Thron. Er setzte sich hinauf, und neben ihn trat eine wunderschöne Frau, und er richtete sich auf und sprach ganz feierlich, ich bin König von Spanien.
Am Abend saßen sie zu dritt in der Stube, der Topf stand auf dem Tisch, und der Junge erzählte, was er geträumt hatte. Der Vater legte den Löffel hin und sagte, dummer Junge, dich macht man zum König, lass dich nicht auslachen. Die Mutter lachte selber und sagte es noch zweimal vor sich hin, König von Spanien, König von Spanien, und schüttelte den Kopf dabei. Der Junge sagte nichts mehr und aß seine Suppe aus, und der Ofen knackte dazu.
Am nächsten Tag legte er sich wieder unter dieselbe Eiche, und der Traum kam noch einmal, von Anfang bis Ende, kein Bild anders als vorher. Diesmal wartete er den Abend kaum ab. Wenn er mir ein drittes Mal kommt, sagte er, dann gehe ich nach Spanien. Der Vater winkte ab und ging in den Stall. Draußen fing es zu schneien an, und in der Nacht hörte man die Schafe unruhig werden. Die Mutter sah zu ihm hin und lachte diesmal nicht.
Am dritten Tag kam der Traum zum dritten Mal. Da stand der Junge auf, raffte Hut und Peitsche und Brotsack zusammen und trieb die Herde in einem Zug nach Hause, viel zu früh für die Tageszeit. In der Stube band er ein paar Kleidungsstücke in ein Bündel. Die Nachbarn redeten auf ihn ein, die Mutter weinte ein wenig, der Vater sagte kein Wort. Dann ging er, mit einem Nußholzstöckchen über der Achsel, den verschneiten Weg hinunter aus dem Dorf.
Am ersten Abend war er erst bis an einen großen Wald gekommen. Er kroch in einen dichten Busch, zog den Mantel über den Kopf und schlief, bis ihn ein Geräusch weckte. Zwischen den Stämmen ging eine Schar Männer vorbei, einer mit einer Blendlaterne voran. Der Junge dachte an ein warmes Nachtlager und lief hinterher, immer im Schatten, bis mitten im Wald ein stattliches Haus stand, aus dessen Ritzen Licht fiel. Er schlüpfte mit hinein.
Drinnen ging eine Tür in einen großen Raum mit Strohlagern an den Wänden. Es roch nach Rauch und nassem Leder. Der Junge duckte sich gleich neben der Tür unter einen Haufen Stroh und zog sich die Halme über den Kopf. Von dort sah er zu, wie die Männer die Waffen ablegten, und er begriff bald, was für Leute das waren, denn ihr Hauptmann stieg auf einen erhöhten Sitz und verlangte Rechenschaft über die Beute des Tages. Dem Jungen klopfte das Herz.
Der erste trat vor und legte eine lederne Hose auf den Tisch, abgegriffen und an den Knien speckig. Die habe ich einem reichen Edelmann vom Leib gezogen, sagte er, und er kehrte sie um und schüttelte sie, und ein Häuflein Dukaten fiel heraus und rollte über das Holz, und eines lief bis an die Kante und kippte ins Stroh. Der zweite brachte einen dreieckigen Hut, den er einem General vom Kopf genommen hatte, und drehte ihn nur ein wenig auf der Faust herum, da fuhr aus den Ecken ein Knall, dass der Rauch lange unter der Decke stehen blieb.
Der dritte zog ein Schwert unter dem Mantel hervor und sagte, wo ich das in die Erde stoße, da steht ein Regiment. Der Hauptmann erhob sich von seinem Sitz, als er das hörte, und ließ es an der hinteren Wand ablegen. Zuletzt stellte der vierte ein Paar Stiefel vor ihn hin, größer als alles, was hier einer an den Füßen trug, und der Lehm daran war noch nass. Jeder Schritt darin macht sieben Meilen, sagte er. Da wurde es still in dem Raum, und der Junge unter dem Stroh drückte sich die Halme über den Mund und atmete flach.
Der Hauptmann lobte alle vier, ließ die Sachen an einen Haken über seinem Sitz hängen und befahl, zu essen und zu schlafen. Es dauerte lange, bis es still wurde. Als aber nur noch das Feuer knackte und die Männer an den Wänden schnarchten, kam der Junge unter dem Stroh hervor. Die Halme raschelten, und er blieb einen Atemzug lang stehen und wartete, ob sich einer rührte. Dann zog er die lederne Hose an, setzte den Hut auf, gürtete das Schwert um und fuhr in die großen Stiefel, die ihm bis über die Knie gingen. Er ging zur Tür hinaus, und beim ersten Schritt lag das Haus schon hinter dem Wald.
So kam er nach Madrid, ehe der Frost aus seinen Ärmeln gewichen war. Auf der Straße fragte er einen Mann nach dem besten Gasthof, und der Mann sah ihn an und sagte, kleiner Wicht, geh du dorthin, wo deinesgleichen einkehrt. Da schüttelte der Junge ein Goldstück aus der Hose, und der Mann wurde freundlich und führte ihn selbst hin. Im Gasthof brannte ein Feuer, so groß, dass man drei Schritte davon abrücken musste, und er nahm die schönsten Zimmer.
Der Wirt zog ein langes Gesicht, als der Gast nach Neuigkeiten fragte. Der König rüste ein Heer von zwanzigtausend Mann, sagte er, es seien schlimme Zeiten und der Feind sei mächtig, und dabei wischte er dieselbe Stelle des Tisches immer wieder. Da kaufte sich der Junge Kleider und Waffen und ließ um eine Audienz bitten. Im Schloss war es kälter als draußen auf der Straße, und die Steine des langen Ganges gaben jeden Schritt doppelt zurück. Auf halbem Weg kam ihm die Königstochter entgegen, blieb stehen und verneigte sich vor ihm, und ihre Schuhe machten dabei kein Geräusch. Danach wusste er ganz genau, worum er den König bitten würde.
Er trat vor den Thron und bot sein Heer an und sagte, wenn er den Sieg bringe, so wolle er die Tochter zur Frau. Der König staunte über die kühne Rede und gab ihm sein Wort darauf. Draußen vor der Stadt stieß der Junge das Schwert in den gefrorenen Boden, einmal und wieder, und jedes Mal ging ein Beben durch das Feld, und wo es aufhörte, standen Reiter und Fußvolk im Nebel und warteten auf ihn. Was dann geschah, dauerte einen Tag und eine Nacht. Am Abend darauf wehten die Fahnen des Königs über dem eroberten Lager, und der Schnee davor war bis auf die schwarze Erde zertreten.
Er kam als Sieger zurück, und der König hielt sein Wort. Die Hochzeit dauerte drei Tage, und in den Höfen brannten Feuer, an denen sich auch die wärmen durften, die nicht geladen waren. Nicht lange danach legte der alte Herr Krone und Zepter in die Hände seines Schwiegersohnes. Als der junge König das erste Mal auf dem Thron saß und ihm sein Volk huldigte, dachte er an die Eiche am Feldrain und an zwei Leute in einer Hütte, die nicht wussten, wo er geblieben war. Er sagte es seiner Gemahlin, und sie sah ihn lange an und ließ ihn dann ziehen.
Er reiste schnell, denn er hatte die Stiefel. Unterwegs brachte er die Hose, den Hut und das Schwert dorthin zurück, wo sie hingehörten, und dem Mann, dem die Stiefel gehörten, gab er dafür ein Herzogtum. Dann holte er Vater und Mutter aus der Hütte, und die beiden saßen im Wagen und sahen aus dem Fenster, als könnten sie es nicht fassen. Im großen Saal aber hing seither die alte Peitsche an einem Nagel, und wenn man abends die Kerzen anzündete, lief ihr Schatten lang über den Boden.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.