Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 12 Minuten zu lesen

Der Zwerg Nase

In einer ansehnlichen Stadt lebte vor vielen Jahren ein Schuster namens Friedrich mit seiner Frau Hanne. Den ganzen Tag saß er am Fenster und flickte Schuhe, und auch ein neues Paar fertigte er wohl, wenn ihm jemand das Leder dazu anvertraute. Hanne aber, seine Frau, verkaufte auf dem Markt Gemüse und Kräuter aus ihrem kleinen Garten, und weil sie sauber und freundlich war, fehlte es ihrem Stand nie an Kunden.

Die beiden hatten einen Sohn, einen hübschen, wohlgestalteten Knaben von zwölf Jahren, mit Namen Jakob. Er war groß für sein Alter, hatte ein angenehmes Gesicht und half seiner Mutter fleißig auf dem Markt. Wenn die Frauen und Köche ihre Einkäufe gemacht hatten, trug Jakob ihnen die Körbe nach Hause, und selten kehrte er zurück, ohne ein kleines Trinkgeld oder eine Blume oder ein Stück Kuchen erhalten zu haben, denn die Leute hatten ihre Freude an dem schönen Kind.

Eines Tages nun saß Hanne wie immer auf dem Markt, und Jakob neben ihr, als ein altes, sonderbares Weib daherkam. Sie war in zerlumpte Kleider gehüllt, klein und gebrechlich, mit einem spitzen, wackelnden Kopf, einer langen, krummen Nase, die ihr fast bis ans Kinn reichte, und triefenden Augen. Mit dürren, langen Fingern wühlte sie in dem schönen Gemüse, befühlte alles, hielt es prüfend an die Nase und legte es wieder hin, sodass die frischen Kräuter unter ihren Händen welk und unscheinbar wurden.

Hanne ärgerte sich im Stillen, doch sie schwieg höflich. Jakob aber, der nicht ertragen konnte, wie die Alte die Ware der Mutter zerwühlte, ließ sich zu einem unbedachten Wort hinreißen. Alte Frau, rief er, was zaust du an unseren Kräutern herum? Und überdies hast du einen so langen Hals und so dünne Finger und eine Nase, die dir bis ans Kinn hängt — wer möchte bei dir kaufen?

Kaum hatte er es gesagt, da bereute er es schon, doch es war heraus. Die Alte sah ihn aus ihren triefenden Augen lange an, und ein sonderbares Lächeln spielte um ihren Mund. So, so, mein feiner Junge, sagte sie mit krächzender Stimme, gefällt dir mein Hals nicht und meine Nase nicht? Nun, du sollst sie auch bekommen, einen Hals tief zwischen den Schultern und eine Nase mitten im Gesicht. Dann wandte sie sich wieder dem Gemüse zu, wühlte in den Kohlköpfen und wählte sechs der schönsten aus. Trag sie mir nach Hause, mein Söhnchen, sagte sie, ich will dich auch belohnen.

Jakob, von der Mutter dazu angehalten, lud sich die schweren Kohlköpfe auf und folgte der Alten durch immer engere, immer stillere Gassen, bis an den entlegensten Rand der Stadt. Endlich blieb sie vor einem kleinen, baufälligen Haus stehen und öffnete die Tür. Wie staunte Jakob, als er eintrat! Im Innern war alles von edelstem Marmor, die Wände glänzten, die Decke war von Gold, und feine Düfte zogen durch die Räume, ganz anders, als das ärmliche Äußere hatte vermuten lassen. Noch seltsamer aber war die Dienerschaft. Eichhörnchen und Meerschweinchen liefen aufrecht umher, in kleinen Kleidern und Pantöffelchen, und besorgten die Arbeit des Hauses.

Die Alte setzte sich, lobte Jakob für seine Mühe und sagte, er solle als Belohnung von ihrer Suppe kosten, einer Suppe, wie er sie sein Lebtag nicht gegessen habe. Sie ließ die Eichhörnchen ans Feuer treten, und bald dampfte ein Töpfchen, aus dem ein Duft aufstieg, so köstlich und betörend, dass Jakob das Wasser im Munde zusammenlief. Er löffelte die Suppe, und sie schmeckte ihm wunderbar, würzig und süß zugleich, wie nichts, das er kannte.

Doch während er aß, wurde ihm seltsam müde zumute. Die Wärme, der Duft, die leisen Schritte der kleinen Diener — alles verschwamm vor seinen Augen, und ein tiefer, sanfter Schlaf überkam ihn. Er sank zurück und träumte, und es war ein langer, sonderbarer Traum. Ihm träumte, die Alte ziehe ihm sein Röcklein aus und hülle ihn in ein Eichhörnchenfell, und von Stund an sei er ein Eichhörnchen und diene ihr. Zuerst musste er, wie die anderen kleinen Tiere, im Hause die niedrigen Arbeiten tun, Pantöffelchen putzen und Stäubchen wischen. Doch nach und nach kam er in die Küche, und dort, so träumte ihm, lernte er bei der Alten und ihren geschickten Tierchen das Kochen, wie es kein Mensch sonst verstand.

Sieben Jahre lang, so deuchte es ihn im Traum, diente er in jenem wunderlichen Haus. Er lernte, aus den feinsten Kräutern die herrlichsten Speisen zu bereiten, lernte alle Künste der Küche, vom kleinsten Gewürz bis zur kunstvollsten Pastete. Einmal sandte ihn die Alte, ein besonderes Kräutlein zu holen, und als er es fand, roch es so eigentümlich, so vertraut — genau wie jene Suppe, die er einst beim Eintritt gekostet hatte. Doch er achtete nicht weiter darauf.

Endlich, so träumte ihm, erwachte er auf der Bank in der Stube der Alten, als sei nur ein Augenblick vergangen. Verwirrt sprang er auf. Wie lange habe ich geschlafen, dachte er. Die Mutter wird mich auf dem Markt vermissen. Eilig lief er aus dem Haus, durch die Gassen, dem Markt zu, um Hanne nicht länger warten zu lassen. Er ahnte nicht, was ihn dort erwartete.

Als er den Markt erreichte, drängten sich die Leute zur Seite und tuschelten, und manche lachten und zeigten mit dem Finger auf ihn. Jakob verstand es nicht. Er eilte zum Stand seiner Mutter — doch Hanne sah ihn mit fremden Augen an. Was willst du, kleiner, hässlicher Zwerg, rief sie unwirsch. Geh, treib keinen Spott mit einer ehrlichen Frau.

Jakob erstarrte. Erst als er in einer blanken Schale sein Spiegelbild erblickte, begriff er das ganze Unglück. Aus dem schönen Knaben war ein kleiner, missgestalteter Zwerg geworden. Sein Kopf saß tief zwischen hohen Schultern, ohne Hals; seine Nase war lang und dick und hing ihm über das Kinn herab; seine Arme waren dürr und lang, seine Beine kurz und krumm. Sieben Jahre waren in Wahrheit vergangen, kein Traum, sondern bittere Wirklichkeit, und niemand erkannte in dem hässlichen Zwerg den verschwundenen Jakob.

Auch sein Vater, der Schuster Friedrich, wies ihn fort, als Jakob weinend an seine Tür klopfte und sich zu erkennen gab. Mein Sohn war ein schöner Knabe, sagte der alte Mann traurig und doch hart, und du bist ein hässlicher Wicht. Geh und treibe deinen Spott anderswo. Da wandte sich Jakob ab, und großer Kummer lag auf ihm.

Doch dann besann er sich auf das eine, was ihm geblieben war: In jenen sieben Jahren hatte er kochen gelernt wie kein Zweiter. So fasste er Mut und ging zum Palast des Herzogs, der in dieser Stadt regierte und weithin bekannt war als ein großer Freund guter Speisen. Am Tor bat er, man möge ihn beim Küchenmeister vorlassen. Man lachte zwar über den seltsamen Zwerg mit der langen Nase, doch der Küchenmeister, neugierig geworden, ließ ihn eine Probe seiner Kunst geben.

Jakob bereitete eine Suppe und kleine rote Klößchen, so fein und schmackhaft, dass selbst der verwöhnte Herzog entzückt war, als sie ihm aufgetragen wurden. Wer hat dies gekocht, rief der Herzog, ich habe nie Besseres gegessen. Und als man ihm den kleinen Zwerg vorführte, machte er ihn auf der Stelle zu seinem Unterküchenmeister. Von nun an lebte Jakob, den alle nur noch Zwerg Nase nannten, in Ehren und Wohlstand am Hofe. Zwei Jahre lang kochte er für den Herzog, der ihn um keinen Preis hätte missen wollen, und der Zwerg fand in seiner Kunst Trost für sein verlorenes Aussehen.

Eines Tages ging Zwerg Nase selbst auf den Markt, um Federvieh für die herzogliche Küche zu kaufen. Er erstand einige schöne Gänse, und unter ihnen war eine, die still und traurig in einem Winkel des Korbes saß und seltsam klagte. Als der Zwerg sie in die Küche trug, geschah etwas Wunderbares: Die Gans begann mit menschlicher Stimme zu sprechen. Töte mich nicht, flehte sie leise, ich bin keine gewöhnliche Gans.

Voller Staunen vernahm der Zwerg ihre Geschichte. Sie heiße Mimi, sagte die Gans, und sei in Wahrheit die Tochter des Zauberers Wetterbock; eine böse Fee habe sie in eine Gans verwandelt. Da fasste Zwerg Nase Mitleid mit der Verzauberten, denn er wusste ja aus eigener Erfahrung, wie es ist, in fremder Gestalt zu leben. Er verbarg Mimi in einem eigenen Ställchen, fütterte sie heimlich und behandelte sie wie eine Freundin, und die kluge Gans wurde ihm bald eine treue Gefährtin.

Nun begab es sich, dass ein fremder Fürst dem Herzog einen Besuch abstattete, ein großer Kenner und Freund der Tafel. Tag um Tag ließ der Herzog die herrlichsten Gerichte auftragen, und der Zwerg übertraf sich selbst. Schließlich aber verlangte der Fürst eine ganz besondere Speise: die königliche Pastete, Souzeraine genannt, die als die schwierigste und feinste von allen galt.

Mit klopfendem Herzen machte sich Zwerg Nase ans Werk und bereitete die Pastete mit all seiner Kunst. Der Fürst kostete — und runzelte die Stirn. Sie ist gut, sagte er, doch es fehlt ihr das Rechte. Es fehlt das Kräutlein, das man Niesmitlust nennt; ohne dieses ist die Souzeraine nur halb. Der Herzog erschrak und wurde zornig und drohte dem Zwerg, er werde ihn schwer bestrafen, wenn die Pastete am nächsten Tage nicht vollkommen sei. Doch Zwerg Nase kannte das Kräutlein Niesmitlust nicht und wusste nicht, wo es zu finden war, und große Angst befiel ihn.

In seiner Not klagte er der Gans Mimi sein Leid. Sei getrost, sagte Mimi, dieses Kräutlein kenne ich. Es wächst unter alten Kastanienbäumen und blüht im Mondschein. Komm, wenn alles schläft, in den Garten, und ich helfe dir suchen. So schlichen die beiden in der Nacht hinaus in den weiten Schlossgarten, und Mimi watschelte von Baum zu Baum, prüfte mit ihrem klugen Schnabel das Kraut am Boden und suchte geduldig im fahlen Mondlicht.

Endlich, unter einem uralten Kastanienbaum, blieb die Gans stehen und schnatterte leise vor Freude. Dort wuchs ein zartes Kräutlein mit blassgrünen Blättern und einem roten Blümchen. Zwerg Nase pflückte es — und im selben Augenblick fuhr ihm ein vertrauter Duft in die Nase, ein Geruch, den er zu kennen meinte. Es war derselbe Duft wie damals in der Suppe der Alten, vor sieben langen Jahren.

Sein Herz begann heftig zu schlagen. Mimi, flüsterte er bewegt, das ist das Kraut, das mich verzauberte. Die kluge Gans betrachtete es genau und sagte: Wenn dies das Kraut ist, das dich verwandelt hat, so kann es dich auch wieder erlösen. Rieche daran, tief und langsam, und vielleicht fällt der Zauber von dir.

Mit zitternden Händen hob der Zwerg das Kräutlein an die lange Nase, schloss die Augen und atmete den Duft tief in sich ein. Da geschah das Wunder. Ein Schauer durchlief seinen ganzen Körper. Er fühlte, wie sich seine Glieder streckten, wie der Höcker von seinem Rücken wich, wie der Hals sich hob und die lange Nase schrumpfte und klein und fein wurde. Als er die Augen wieder öffnete und sich im Wasser des Brunnens betrachtete, da blickte ihm ein hübscher, wohlgestalteter Jüngling entgegen — Jakob, wie er einst gewesen war, nur um sieben Jahre älter.

Vor Freude und Rührung umarmte er die Gans Mimi. Doch er vergaß über seinem eigenen Glück die treue Freundin nicht. Dir verdanke ich meine Rettung, sagte er, und nun will ich auch dich zu deinem Vater bringen, dass er den Bann von dir nehme. Sie beschlossen, noch in derselben Nacht den Hof zu verlassen, ehe man sie vermisste, und machten sich heimlich auf den Weg, hinaus in die weite, stille Welt.

Am herzoglichen Hofe aber, so erzählt man sich, erhob sich später ein großer Streit über die verschwundene Pastete und das geheimnisvolle Kräutlein. Der Herzog und der fremde Fürst gerieten darüber so aneinander, dass beinahe ein Krieg daraus geworden wäre — ein Krieg um eine Pastete. Doch das geht uns nichts weiter an, und gewiss haben sich die beiden hohen Herren am Ende wieder vertragen, denn um einer Speise willen führt selbst der hungrigste Fürst nicht lange Krieg.

Jakob aber brachte die Gans Mimi wohlbehalten zu ihrem Vater, dem Zauberer Wetterbock. Dieser erkannte seine Tochter sogleich, löste voller Freude den bösen Bann, und Mimi stand wieder als anmutiges Mädchen vor ihm. Reich beschenkt entließ der dankbare Zauberer den jungen Jakob und ließ ihn in seine Heimatstadt geleiten.

Dort kehrte Jakob zu seinen Eltern zurück — und diesmal erkannten ihn Friedrich und Hanne wieder und schlossen ihren verloren geglaubten Sohn unter Tränen in die Arme. So fand Jakob nach langen, sonderbaren Jahren wieder heim, und die kleine Familie war glücklich vereint. Was er in der Küche der Alten und am Hofe des Herzogs gelernt hatte, das blieb ihm, und nie wieder verspottete er einen Menschen um seines Aussehens willen, denn er hatte am eigenen Leib erfahren, wie schwer ein fremdes, hässliches Kleid zu tragen ist und wie viel mehr zählt, was im Herzen wohnt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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