Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen

Der zweite Scheich und die Hunde

In den Zeiten der Kalifen, als die Nächte noch länger waren als die Tage und der Mond über den Minaretten von Bagdad seine silberne Bahn zog, saß ein alter Scheich an einem flackernden Feuer und erzählte seine Geschichte. Die Wüste lag still um ihn herum, das Knistern der Glut mischte sich mit dem fernen Ruf einer Eule, und die Sterne standen so tief, dass man glaubte, man könnte sie mit ausgestreckter Hand berühren. Der Scheich sprach leise, fast als flüstere er nur für sich selbst, doch seine Worte trugen sich weit in die warme Nacht hinein, getragen von jenem Hauch, den manche den Atem der Geschichte nennen.

Es begab sich, in alter Zeit, dass dieser Scheich drei Brüder hatte. Gemeinsam hatten sie das Erbe ihres Vaters geteilt, Goldmünzen, Tuchballen, Karawanenpferde, alles genau in drei gleiche Teile. Doch während der Scheich, der damals noch jung war, sein Erbteil mit Bedacht verwaltete, kaufte und verkaufte, reiste und handelte, taten seine Brüder etwas anderes. Sie wandten sich ab von allem, was der Vater sie gelehrt hatte, und folgten einem Leben der Leichtigkeit und des Vergessens, bis nichts mehr von ihrem Erbteil übrig war als die Erinnerung daran. Als die Brüder vor ihm standen, abgerissen, hungrig, die Augen groß vor Not, da öffnete der Scheich seine Kammern ohne Zögern.

Er teilte sein Gold, seine Vorräte, seine Handelswaren in drei gleiche Teile, so wie es der Vater einst getan hatte, und sprach zu seinen Brüdern: Wisse, o mein Bruder, dass das Vermögen ein Vogel ist — er kommt und geht. Was bleibt, ist das Band zwischen uns. Die Brüder weinten vor Dankbarkeit, und für eine Zeit lebten alle drei wieder in Wohlstand, handelten gemeinsam, reisten gemeinsam, aßen an einem Tisch.

Doch das Schicksal ist ein wunderlicher Weber, der seine Fäden nach eigenem Willen spinnt. Die Brüder begannen erneut zu verschwenden, langsam diesmal, fast unmerklich, wie Sand, der durch die Finger rinnt. Der Scheich sah es und schwieg zunächst, denn er liebte seine Brüder. Er sah es und mahnte dann, leise, wie man ein Feuer anfacht und nicht mit einem einzigen Zug löscht. Aber die Worte sanken nicht ein, und das Gold zerrann erneut, und abermals standen die Brüder vor seiner Tür, diesmal noch beschämter, die Augen zu Boden gesenkt, die Hände leer.

Da tat der Scheich etwas, das die Brüder zunächst nicht verstanden. Er teilte auch dieses Mal, zum dritten Mal, sein gesamtes Vermögen, und er sprach kein hartes Wort dabei, erhob keine Stimme, warf keine alten Fehler vor. Er reichte ihnen Brot und getrocknete Feigen, Öl und Seide, Silber und Gerstenvorräte, und sein Gesicht dabei war ruhig wie der Teich eines Palastgartens in windloser Nacht. Doch in seinem Inneren hatte er eine Entscheidung getroffen, still und endgültig wie das Fallen eines Vorhangs.

Denn jener Kaufmann, vor dem der Scheich nun saß, der Kaufmann, dem er diese Geschichte erzählte, um eine Gegengabe für eine außerordentliche Gunst zu erbitten, dieser Kaufmann war Zeuge geworden von etwas Wunderbarem. Er hatte gesehen, wie aus den beiden Brüdern des Scheichs zwei schwarze Hunde geworden waren, schwer wie Schatten, stumm wie Steine, mit Augen, die noch immer die Augen von Menschen trugen. Und er hatte gefragt: O Scheich, wer sind diese Tiere, und wie kam es zu dieser sonderbaren Verwandlung? Der Scheich streckte die Hand aus und berührte sanft den Kopf des einen Hundes, der zu seinen Füßen lag.

Das Tier hob die Augen, braune, tiefe Augen voller Trauer und Geduld, und der Scheich sprach ruhig weiter, als erzähle er nicht von seinen eigenen Brüdern, sondern von fernen Fremden. Als ich zum dritten Mal alles geteilt hatte und selbst nichts mehr besaß, beschloss ich, als Händler auf Reisen zu gehen. Denn ein Mann ohne Vermögen ist wie ein Brunnen ohne Wasser, er muss sich neu füllen, oder er wird vergessen. Die Wüstennacht hörte zu, und die Sterne rückten näher.

Er hatte also eine Karawane ausgerüstet, mit geliehenem Kapital, mit dem Vertrauen eines alten Freundes, mit der Entschlossenheit eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Die Reise führte ihn über weißglühende Sandebenen, vorbei an Oasen, deren Palmen wie schlafende Riesen im Mondlicht standen, durch Städte voller Gewürzdüfte und Stimmengewirr, bis er an einen fernen Markt gelangte, wo das Geschäft blühte wie ein Rosengarten nach dem ersten Regen. Dort blieb er lange, und sein Vermögen wuchs, und seine Karawane füllte sich mit Seide und Elfenbein, mit Ambra und Safran, mit allem, was das Herz eines Händlers erfreut.

Auf dem Heimweg, in der Einsamkeit der Wüste, als die Nacht tief und das Lagerfeuer klein war, da trat eine Gestalt aus der Dunkelheit. Sie war groß, in einen weiten Mantel gehüllt, und ihre Augen leuchteten wie zwei Mondscherben. Der Scheich griff nicht nach dem Messer, etwas in der Stille der Gestalt ließ ihn ruhig bleiben. Wisse, o Reisender, sprach die Gestalt, und ihre Stimme war wie das Rauschen von Wasser in einem tiefen Brunnen, ich bin eine Dienerin des Unsichtbaren, und ich komme mit einem Tausch.

Die Gestalt war eine Djinniya, ein Wesen aus Feuer und Lufthauch, alt wie die Dünen selbst. Sie sprach: Ich habe deine Reise beobachtet, o Kaufmann, und ich habe deine Geduld mit deinen Brüdern beobachtet. Dreimal hast du gegeben, ohne Bitterkeit, dreimal hast du neu begonnen, ohne Klage. Solche Seelen sind selten wie grüne Steine aus dem tiefen Meer. Der Scheich saß still und hörte zu, während das Feuer zwischen ihnen tanzte und die Kamele in der Ferne leise schnaubten.

Deine Brüder, fuhr die Djinniya fort, haben dich dreimal in den Staub gebracht. Und doch liebst du sie noch immer, das spüre ich in deinem Atem, das lese ich in deinen Augen. Sie nannte ihm keinen Preis, verlangte keine Gegenleistung. Sie sprach nur: Ich werde ihnen die Form geben, die ihrer Seele entspricht, nicht als Strafe, sondern als Spiegel. Für zehn Jahre werden sie als Hunde wandeln. Dann wird die Zeit über sie urteilen. Und ehe der Scheich etwas erwidern konnte, war die Nacht wieder leer und still, und nur das Feuer brannte noch.

Als er nach Hause zurückkehrte, fand er zwei schwarze Hunde vor seiner Tür. Er erkannte sie sofort, an den Augen, an der Art, wie sie sich vor ihm niederließen, an dem leisen Wimmern, das keine Sprache, aber dennoch ein Sprechen war. Er nahm sie auf, ohne Hass, ohne Triumph. Er gab ihnen Wasser und Schatten, ließ sie an seiner Seite reisen, fütterte sie aus seiner Hand. Denn er wusste: das Herz einer Djinniya ist gerecht, und was sie beschlossen hat, kann kein Menschenwille rückgängig machen, nur die Zeit und die Gnade tilgen es.

Und nun, in dieser Nacht unter dem großen Himmel, betrachtete der Scheich den Kaufmann, dem er diese Geschichte erzählt hatte, mit ruhigen Augen. Die Hunde lagen zu seinen Füßen, ihre Flanken hoben und senkten sich gleichmäßig, ihr Atem war tief und friedlich wie der Schlaf der Unschuldigen. Siehst du nun, sprach der Scheich leise, warum ich dir von diesen beiden Tieren berichtet habe? Wisse, o Weiser, dass dies meine Brüder sind, und dass ich sie liebe, heute noch, wie ich sie immer geliebt habe. Der Kaufmann schwieg lange. Die Glut des Feuers sank zu glühenden Kohlen herab, orangefarben und warm wie der Kern eines Granatapfels.

Die Wüste um sie herum war so still, dass man das leise Knistern der Asche hören konnte, das Atmen der Kamele, das ferne, kaum wahrnehmbare Seufzen des Windes über den Dünen. Alles in dieser Nacht schien zu ruhen, Stein und Sand und Tier und Mensch, alle gemeinsam geborgen in der weichen Hand der Dunkelheit. Der eine Hund bewegte sich leicht im Schlaf, legte seine Schnauze auf die Sandalen des Scheichs, und der Scheich ließ es geschehen.

Seine Hand ruhte auf dem dunklen Fell, warm und schwer, und sein Gesicht war offen und still wie ein Teich, in den kein Stein mehr geworfen wird. In zehn Jahren, so hatte die Djinniya gesprochen, würde die Zeit urteilen, und was auch immer das Urteil sein mochte, dieser Scheich würde es in Frieden empfangen, so wie er alles empfangen hatte: mit einer Stille, die tiefer war als jede Nacht, und weiter als jede Wüste.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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