Frei nach Hans Christian Andersens Vinden fortæller om Valdemar Daae · 5 Minuten zu lesen
Der Wind erzählt von Waldemar Daae und seinen Töchtern
Wenn der Wind über das Gras läuft, kräuselt es sich wie Wasser; wenn er über das Korn läuft, wogt es wie eine See. Und wenn er erzählt, dann klingt sein Lied in den Bäumen anders als in den Mauerritzen alter Häuser. Hörst du, sagt der Wind, so will ich dir von Waldemar Daae erzählen, dem stolzen Herrn auf Borreby, und von seinen drei Töchtern. Vorüber, vorüber — so geht mein Lied. Es war ein reiches Haus am großen Belt, mit Mauern wie eine Burg, mit Gärten und Wäldern, und der Herr darin war von altem Blut und wusste es.
Ich habe Borreby in seinen besten Tagen gekannt, sagt der Wind. Da wehte ich durch einen Lindengarten, in dem drei helle Kleider Fangen spielten, da trug ich den Duft der Festbraten über den Belt und das Lachen der Gäste dazu, da blähte ich die Segel der eigenen Schiffe des Herrn, wenn sie mit Korn und Holz nach Kopenhagen gingen. Waldemar Daae stand dann auf seiner Treppe, die Hände auf dem Rücken, und sah über alles hin, was ihm gehörte, und ich, sagt der Wind, ich fuhr ihm durchs volle braune Haar und dachte: Halte es fest, Herr. Aber das denkt der Wind bei allen, und noch keiner hat es gehört.
Drei Töchter wuchsen dort auf: Ide, Johanne und Anna Dorothea, drei helle Gestalten im Lindengarten, und es hätte ein gutes Haus bleiben können bis ans Ende der Zeiten. Aber Waldemar Daae hatte einen Traum, der ihn fraß: Er wollte Gold machen. In den Kellern rauchten die Öfen, es brodelte in Kolben und Tiegeln, Jahr um Jahr, und der Herr saß über den Dämpfen und suchte das rote Gold — und der Wind, sagt der Wind, blies dazu durch den Schornstein: Vorüber, vorüber. Für die Öfen ging der Wald dahin, für die Gelehrten das Geld, für den Traum die Zeit, und das Gold kam nicht.
Es kam statt seiner der Tag, an dem fremde Männer mit Papieren durch das große Tor ritten, und Borreby mit allem, was darin war, gehörte einem anderen. An einem grauen Morgen — der Wind war dabei und hat es nie vergessen — ging Waldemar Daae zu Fuß aus seinem Schloss.
Es war ein rauer Tag, als sie gingen, das weiß ich genau, sagt der Wind, denn ich war es, der ihnen entgegenblies. Ide trug das Wenige in einem Tuch, Johanne ging aufrecht wie zu einem Fest, weil sie sich das geschworen hatte, und die kleine Anna Dorothea hielt den Mantel des Vaters, damit er nicht so allein ging. Am Tor drehte keiner sich um außer dem Alten, und die Leute vom Gut standen in den Türen und schwiegen, und manche weinten, denn hart war der Herr gewesen, aber ihrer war er gewesen, und das zählt bei einfachen Leuten viel. Am Hügel dann sah er noch einmal zurück, und da war er einen Augenblick lang nicht mehr stolz, nur alt; ich strich ihm durchs graue Haar und konnte nichts für ihn tun als das. Vorüber, vorüber, sang ich dazu, so leise ich konnte. Manchmal wünschte ich, ich hätte ein anderes Lied. Aber mir ist nur dieses eine gegeben.
In einer kleinen Kate auf der Heide wohnten sie dann, und die Jahre gingen über sie hin, wie die Wolken über die Heide gehen. Ide starb früh und still; Johanne kam bei fremden Leuten unter und trug ihr Los aufrecht wie eine Daae; und der alte Waldemar saß am Fenster und sah nach Borreby hinüber, bis er eines Abends die Augen zumachte und ausgeträumt hatte, vom Gold und von allem. Nur Anna Dorothea, die Jüngste, lebte noch lange, ganz allein zuletzt, in einer verlassenen Hütte auf der Heide, in der die Eule wohnte und der Wind durch alle Ritzen ging. Er ging behutsam, sagt der Wind, ich kannte sie ja, ich hatte sie als Kind im Lindengarten gewiegt.
Die Hütte auf der Heide war klein, aber Anna Dorothea machte ihr Bestes daraus, wie sie es aus besseren Tagen gewohnt war: Vor der Tür blühte die Heide bis an die Schwelle, in der Wand summte im Sommer ein Bienenvolk, das niemand eingeladen hatte und das trotzdem blieb, und auf dem Dachfirst stand in jedem Frühjahr ein Storch, als wollte er nachsehen, ob es der Tochter von Borreby gutgehe. Sie sprach mit den Bienen und mit dem Storch und mit mir, sagt der Wind, und niemals eine Klage. Nur einmal, an einem Sommerabend, sagte sie: Weißt du noch, Wind, die Linden daheim? Und ich wehte ihr eine Handvoll Heideblüten über die Schwelle, denn Linden hatte ich keine bei mir. Sie hat es verstanden. Sie war von der Art, die auch das Gemeinte annimmt.
Und in einer stillen Winternacht, als der Himmel hoch und voller Sterne stand, holte der Schlaf sie heim, sanft, wie er Kinder holt. Da war die Geschichte der Daaes zu Ende erzählt, und das große Borreby stand noch, aber es waren andere Namen darin, und auch die sind längst vorüber. Vorüber, vorüber, singt der Wind, und das klingt trauriger, als es ist. Denn alles, worüber der Wind singt, hat gelebt und geglänzt und ist geliebt worden — sonst wüsste er ja nichts davon. Nun läuft er wieder übers Korn, und das Korn wogt wie eine See, und morgen erzählt er die Geschichte woanders, und die Linden von Borreby rauschen leise mit.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.