Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Nissen hos Spekhøkeren · 6 Minuten zu lesen

Der Wichtel beim Krämer

Es war einmal ein richtiger Student; er wohnte in der Dachkammer und besaß nichts. Und es war einmal ein richtiger Krämer; der wohnte im Erdgeschoss und besaß das ganze Haus. Bei dem Krämer aber wohnte noch ein Dritter: der kleine Wichtel. Denn dem gab es jeden Weihnachtsabend eine Schüssel Grütze mit einem großen Stück Butter darin, und das konnte der Krämer sich leisten — und darum blieb der Wichtel im Laden und hielt zum Krämer, wie man eben hält, wo die Butter ist.

Der Wichtel hatte es beim Krämer wirklich nicht schlecht. Nachts, wenn der Laden geschlossen war, ging er zwischen den Schubladen auf und ab wie ein kleiner Hausherr, probierte hier eine Rosine und dort ein Krümchen Kandis, rückte die Bindfadenrolle gerade und sah nach, ob die Mäuse sich an die Abmachungen hielten. Und einmal im Jahr, am Weihnachtsabend, stand dann die Schüssel für ihn bereit, dampfende Grütze mit dem großen Stück Butter in der Mitte, das langsam zerging und goldene Straßen durch die Grütze zog. Der Wichtel aß feierlich und gründlich. Wer so eine Grütze bekommt, dachte er dabei stets, der weiß, wo er hingehört.

Eines Abends kam der Student durch die Hintertür, sich Käse und ein Licht zu kaufen. Der Käse wurde in ein Blatt Papier gewickelt, das aus einem alten Buch gerissen war — einem Buch voller Gedichte. Der Student las das Blatt, und dann las er es noch einmal, und dann sagte er: Da liegt ja noch mehr davon. Gebt mir das Buch für den Käse, ich kann mein Brot auch ohne Käse essen, aber das Buch dürft ihr nicht zerreißen. Der Krämer lachte und gab es ihm, und der Student stieg mit dem Buch unterm Arm in seine Dachkammer hinauf.

Den Wichtel ließ das nicht in Ruhe. In der Nacht schlich er die Treppe hinauf und sah durchs Schlüsselloch in die Dachkammer — und da saß der Student und las in dem zerrissenen Buch. Aber wie hell es in der Kammer war! Aus dem Buch stieg ein heller Schein auf, der wurde zum Stamm, und der Stamm wurde zu einem mächtigen Baum aus Licht, der seine Zweige weit über den Studenten breitete, und jedes Blatt war grün und lebendig, und in den Zweigen saßen singende Stimmen wie Vögel. So etwas hatte der Wichtel nie gesehen.

Was da drinnen sang, das waren keine gewöhnlichen Stimmen. Es klang, als sängen alle guten Dinge auf einmal: die Wälder und das Meer, die alten Helden und die kleinen Kinder, und über allem lag ein Glanz wie von tausend Kerzen, die nicht heiß werden. Der Wichtel stand auf den Zehenspitzen auf der kalten Treppe, und die Zehen froren ihm, und er merkte es nicht. Er hatte in seinem langen Wichtelleben viel Gutes gesehen — volle Speisekammern, ehrliche Waagen, gestapeltes Winterholz —, aber so etwas wie diesen Baum aus Licht hatte er nicht gewusst. Und das Wunderlichste: Er wuchs aus einem zerrissenen Buch, das beinahe als Käsepapier geendet hätte.

Von da an ging es ihm wie einem, der zwei Zuhause hat. Jeden Abend, wenn der Laden still war, zog es ihn die Treppe hinauf ans Schlüsselloch, und je öfter er hindurchsah, desto größer wurde der Baum aus Licht. Aber jeden Weihnachtsabend roch es unten nach Grütze und zerlassener Butter, und dann saß der Wichtel wieder beim Krämer und war dem Krämer treu.

Damit das Gewissen Ruhe gab, arbeitete der Wichtel unten im Laden nun doppelt so gewissenhaft wie zuvor. Er hielt die Mäuse strenger zur Ordnung, er rückte nachts die Gewichte an der Waage zurecht, dass sie aufs Gran stimmten, und wenn ein Sack Rosinen ein Loch hatte, stopfte er es, ehe eine einzige verloren ging. Der Krämer wunderte sich in jenem Winter, wie gut der Laden lief, und schrieb es seiner eigenen Tüchtigkeit zu, wie Krämer das tun. Der Wichtel gönnte es ihm. Es war ja auch eine Art Miete, die er da abzahlte — für ein Schlüsselloch im ersten Stock, das mehr wert war als der ganze Laden.

So lebte der Wichtel den Winter über sein doppeltes Leben. Unten gehörte er dem Krämer: Er wachte über den Laden, wie es sein Amt war, und tat es ehrlich, denn Grütze verpflichtet. Oben aber, am Schlüsselloch, gehörte er niemandem — oder allem, je nachdem, wie man es nimmt. Manchmal, auf der Treppe dazwischen, blieb er stehen und dachte über sich selbst nach, was Wichtel selten tun. Zwei Zuhause, dachte er, das ist eines zu viel für einen kleinen Kerl. Aber welches soll ich hergeben? Und weil er darauf keine Antwort fand, ging er eben weiter treppauf, treppab, und darin war er nicht der Erste und nicht der Letzte in dieser Welt.

Mitten in einer Winternacht ging draußen der Lärm los: Feuer, riefen die Leute, Feuer in der Straße! Es brannte beim Nachbarn, das ganze Haus kam auf die Beine, und jeder griff nach dem Liebsten, das er hatte — der Krämer nach seinen Papieren, die Krämersfrau nach ihren goldenen Ohrringen. Und der Wichtel? Der war mit zwei Sprüngen die Treppe hinauf und in der Dachkammer und hatte das Gedichtbuch vom Tisch — das rettete er, hoch hinauf bis auf den Schornstein, und dort saß er, das Buch im Arm. Das Feuer beim Nachbarn wurde bald gelöscht, und es war niemandem etwas geschehen.

Auf dem Dach war es kalt und klar, unten lief der Lärm der Menschen durch die Gasse, und der Feuerschein vom Nachbarhaus leckte rot über die Schornsteine. Der Wichtel saß auf dem Schornsteinrand, das gerettete Buch fest unter dem Arm, und sein kleines Herz klopfte bis in die Mütze hinauf. Er sah auf seine leeren Hände — keine Grütze hatte er gegriffen, keinen Rosinensack, nicht einmal das Kassenbuch des Krämers, das doch amtlich sein Schutzbefohlener war. Das Gedichtbuch hatte er gegriffen, ohne zu überlegen, so wie man im Feuer eben nach dem Liebsten greift. Da wusste er es also. So genau hätte er es lieber gar nicht gewusst.

Als alles wieder still war, dachte der Wichtel auf seinem Schornstein lange nach. Dann teilte er sich die Sache ehrlich ein: Der Student sollte das Herz haben und jeden Abend das Schlüsselloch — aber beim Krämer wollte er wohnen bleiben, wegen der Grütze. Und das war sehr menschlich gedacht. Wir anderen gehen ja auch zum Krämer. Unten wurde der Laden dunkel, oben brannte noch eine Weile das kleine Licht des Studenten, und dazwischen, auf der Treppe, saß ein Wichtel und war mit der Welt zufrieden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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