Nach Ludwig Bechstein · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Der weiße Wolf
Ein König war im Winter zu weit in den Wald hineingeritten. Die Jagd hatte sich verlaufen, die Hörner waren nicht mehr zu hören, und als er sich umsah, glichen alle Stämme einander wie die Zähne eines Kammes. Der Schnee fiel dicht und feucht und legte sich ihm auf die Schultern und in den Bart. Das Pferd blieb stehen und wollte nicht weiter. Da stieg der König ab und führte es am Zügel, und in einer Stunde war er nur noch tiefer im Holz.
Als es dunkel wurde, kam ihm ein kleines schwarzes Männchen entgegen, das eine Laterne trug, kaum größer als eine Faust. Ich bringe dich hinaus, sagte es, wenn du mir gibst, was dir aus deinem Hause zuerst entgegenkommt. Der König dachte an seinen alten Jagdhund, der immer als Erster über den Hof kam, und schlug ein, und unterwegs sagte er, wenn ihm sein bester Hund entgegenliefe, so wolle er ihn gern zum Lohn geben. Deinen besten Hund, den mag ich nicht, sagte das Männchen, mir ist was andres lieb. Es ging vor ihm her, und wo die Laterne hinleuchtete, war der Weg auf einmal breit und kenntlich, und ehe der Mond aufging, sah der König die Lichter seiner Stadt.
Im Schlosshof aber sprang der Hund nicht auf. Er lag in der Küche am Feuer und hörte nichts. Statt seiner kam die jüngste Tochter über die Freitreppe gelaufen, ohne Mantel, mit einer Kerze in der hohlen Hand, weil sie den Huftritt erkannt hatte. Sie umarmte den Vater, und er stand da und roch den Schnee in ihrem Haar und brachte es erst in der warmen Halle über die Lippen, was er versprochen hatte. Der Hund kam erst in die Halle, als alles gesagt war.
Acht Tage später stand ein weißer Wolf vor dem Tor. Er war größer als ein Wolf sein soll, und über seinem Rücken hatte sich der Schnee gelegt wie über ein Dach. Er sagte nichts, er wartete nur. Die Königstochter kam die Stufen herunter, band sich das Tuch fester und setzte sich ihm auf den Rücken, und sie hielt sich in dem dichten Fell fest, das unter der kalten Oberfläche warm war wie ein Ofen. So trug er sie fort, über die Felder und in den Wald.
Frage mich nichts unterwegs, hatte er gesagt, ehe sie losliefen. Sie ritt lange still. Der Wolf lief in einem gleichmäßigen Takt, und nach einer Weile fing sie an, halblaut dazu zu singen, ein Lied ohne Anfang und ohne Ende, das sie sich unterwegs zurechtmachte, und solange sie sang, lief er ruhiger. Aber der Wald wollte nicht aufhören, und als der Frost ihr in die Ärmel kroch, fragte sie doch, ob es noch weit sei bis zum Glasberg.
Der Wolf antwortete nicht und lief schneller, und der Schnee spritzte ihr unter seinen Läufen ins Gesicht. Als der Mond aufkam und die Stämme lange blaue Schatten warfen, hielt sie es nicht aus und fragte zum zweiten Mal, und diesmal lauter. Da wurde das Fell unter ihren Händen kalt, von den Schultern her, so wie Wasser kalt wird. Sie erschrak und fragte zum dritten Mal und hörte selbst, wie dünn ihre Stimme zwischen den Stämmen klang.
Da blieb er stehen und schüttelte sich ein einziges Mal, und sie saß im Schnee. Als sie aufsah, war zwischen den Stämmen nichts mehr, und seine Spur hörte drei Schritte vor ihr auf, als wäre er von dort aus fortgehoben worden. Es war so still, dass der Schnee, der von einem Zweig fiel, wie ein Schritt klang. Sie stand auf, klopfte sich den Schnee vom Rock und aus den Ärmeln und ging in die Richtung weiter, in die er gelaufen war, weil ihr nichts anderes einfiel.
Am Abend fand sie ein Häuschen, in dem die alte Waldmutter wohnte, und drinnen hing ein Topf über dem Feuer, aus dem es nach Hühnersuppe roch. Sie aßen miteinander von einem Brett, und die Alte legte noch ein Scheit nach, und es war das erste Warme seit zwei Tagen. Von einem weißen Wolf wisse sie nichts, sagte die Alte, aber vom Glasberg habe sie gehört. Sie wickelte die abgenagten Knöchelchen in ein Tuch und gab es ihr mit und sagte, wirf keines fort, du wirst sie brauchen.
Am zweiten Abend kam sie zum Haus des Windes. Der Wind kam spät heim, laut und mit rotem Gesicht, und ehe er die Tür schloss, fuhr er ihr eiskalt um die Knöchel. Er roch nach Schnee und nach weiter Ferne. Auch er wusste nichts von einem weißen Wolf. Er teilte seine Suppe mit ihr, und als der Topf leer war, sammelte sie die Knöchelchen und legte sie zu den anderen. Dann schlief sie auf der Bank, und das Haus knarrte die ganze Nacht wie ein Schiff.
Am dritten Abend war sie bei der Sonne. Dort war es warm bis in die Wände hinein, und die Fensterscheiben waren blank und ohne Frost. Die Sonne war müde vom kurzen Tag und wusste nichts, aber sie setzte ihr auf, was sie hatte, und dazu gab es heißes Brot. Als das Mädchen aufbrach, lag noch ein Knöchelchen unter dem Rand des Tellers, und sie sah es nicht. Sie band das Tuch zu und ging in die Kälte hinaus, und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Der Mond war der letzte. Er saß in einer kleinen Kammer, sehr blass, und rührte in seiner Suppe, ohne viel zu essen. Auch bei ihm stand ein Topf über dem Feuer, und sie aßen zusammen. Von einem weißen Wolf, sagte er, wisse er nichts, er sei in letzter Zeit spät aufgegangen und habe wenig geschienen. Aber im gläsernen Berg wohne ein schwarzes Männchen, und das halte heute Hochzeit, und auf den Berg komme niemand zu Fuß. Er gab ihr die Knöchelchen und stellte sich dann vor sein Fenster und schien ihr den ganzen Weg, und wo sein Licht auf den Schnee fiel, war der Schnee blau und ohne Schatten.
Der Berg stand am Ende der Ebene und war ganz aus Glas. Er war so glatt, dass der Schnee an ihm nicht liegen blieb, und so kalt, dass die Hand daran klebte. Ihr Atem stand vor ihr in der klaren Luft. Sie kauerte sich nieder und band das Tuch auf und machte aus den Knöchelchen eine Leiter, Sprosse für Sprosse, und steckte sie in das Glas, das darunter nachgab wie Wachs. Sie stieg langsam und sah nicht hinunter, und der Mond stand hinter ihr und hielt still.
Oben am Rand fehlte eine Sprosse. Sie tastete das Tuch ab und fand nichts mehr darin, und sie wusste, wo sie es gelassen hatte, und wusste auch, dass sie nicht zurückkonnte. Was sie dann tat, tat sie schnell, und sie sah dabei nicht hin. Das oberste Glied ihres kleinen Fingers wurde die letzte Sprosse, und sie hielt. Das Herz schlug ihr bis in den Hals. Sie zog sich über die Kante und lag eine Weile im Schnee und atmete, und über ihr stand ein Schloss mit erleuchteten Fenstern.
Drinnen war Hochzeit, aber keine fröhliche. An der langen Tafel saß das schwarze Männchen neben einer fremden Frau in einem steifen Kleid, und beide sahen an einander vorbei. In der Ecke stand eine Harfe. Die Kerzen brannten hoch und ohne Zug. Die Königstochter ging hin, setzte sich und legte die Hand an die Saiten, und dann sang sie das Lied, das sie auf seinem Rücken angefangen hatte und dem sie jetzt erst das Ende gab. Deinen besten Hund, den mag ich nicht, mir ist was andres lieb, die jüngste Königstochter. Der weiße Wolf, der lief davon, sie weiß nicht, wo er blieb, die jüngste Königstochter. Am Tisch wurde es still, und das Männchen hob den Kopf. Sie ist dem Wolfe nachgereist, schnitt ab ihr Fingerglied, die jüngste Königstochter. Nun ist sie da, du kennst sie nicht, traurig singt dir dies Lied die jüngste Königstochter.
Das Männchen stand auf, ging durch den Saal und blieb vor ihr stehen, und mit jedem Schritt wurde es größer und heller, bis ein junger Prinz vor der Harfe stand und ihr die Hand gab. Die fremde Frau war fort, und mit ihr das steife Kleid, und die Kerzen brannten auf einmal ruhig. Noch in derselben Nacht beschlossen sie, dass sie zu ihrem Vater reisen wollten, sobald der Morgen käme, damit der alte König seine Tochter wiedersähe. Draußen aber, unten am Rand des Glasberges, stand noch die kleine Leiter aus Knöchelchen im Schnee, und der Mond ging über sie hinweg und ließ sie weiß aufleuchten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.