Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen
Der weise Wesir und der König
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über Bagdad so zahlreich leuchteten wie Sandkörner in der Wüste, lebte ein König, dessen Reich so weit war wie der Blick vom höchsten Minarett reicht. Sein Name war Maarouf, und er regierte mit gerechter Hand über Städte, Gärten und Karawanenwege, die sich bis ans Meer erstreckten. Doch wie viele Könige vor ihm trug er die Krone schwerer als er dachte, denn Macht ohne Weisheit, so sagt man, ist wie ein Schiff ohne Steuer.
Es hatte sich gefügt, dass an seinem Hof ein Wesir diente, der älter war als die ältesten Zedern des Palastgartens, dessen Name Harun ibn Rashad war und dessen Augen noch im Dunkel zu leuchten schienen wie zwei milde Sterne. Dieser Harun ibn Rashad hatte drei Königen gedient, bevor Maarouf den Thron bestieg, und er kannte die Wege der Macht wie ein Hirte seine Weiden kennt. Sein Bart war weiß wie der erste Schnee auf den fernen Bergen, und wenn er sprach, wurde es still im Saal, nicht aus Furcht, sondern weil jedes seiner Worte die Stille um sich einlud wie ein Brunnen das klare Wasser einlädt.
König Maarouf schätzte diesen Mann über alle anderen, doch er war jung und ungeduldig, wie junge Könige es sind, und manchmal fragte er sich, ob der alte Wesir nicht zu langsam dachte für eine Welt, die sich schnell drehte. Es kam ein Tag, an dem ein fremder Kaufmann aus dem fernen Osten an den Hof gebracht wurde, gekleidet in Seide wie flüssiges Wasser, mit einem Lächeln so breit wie ein Flussdelta und Worten, die süß waren wie Granatapfelkerne in Honig.
Dieser Kaufmann, er nannte sich Rahim al-Gharib, den Fremden, sprach von unervorstellbaren Reichtümern, von Gewürzinseln und goldenen Häfen, und er bot dem König einen Handel an: ein Drittel seines Reichtums gegen das Recht, drei Monate lang allein und ohne Aufsicht durch das Reich zu reisen. König Maarouf, dessen Augen leuchteten beim Gedanken an voll beladene Schatzkammern, wollte sofort einwilligen. Doch da erhob sich der alte Wesir langsam von seinem Platz, beugte das Haupt und sprach: O mein Herr, erlaube deinem alten Diener eine einzige Nacht der Überlegung, bevor das Wort gegeben wird.
König Maarouf runzelte die Stirn. Was gab es zu überlegen? Der Kaufmann war offenbar wohlhabend, sein Angebot glänzend wie frisch gegossenes Gold, und ein König, der zögert, so dachte Maarouf, wirkt schwach. Doch er liebte seinen Wesir, und so nickte er, wenn auch ungern. Rahim al-Gharib wurde in die Gästekammern geleitet, wo er auf Polstern aus roter Seide ruhte und aus dem feinsten Porzellan trank, und der Palast atmete die Stille der Nacht.
Der alte Harun ibn Rashad aber begab sich in die Bibliothek, wo die Lampen bis zum Morgen brannten. Was er dort tat, wusste niemand genau. Manche der jüngeren Hofdiener flüsterten, er schliefe dort ein, wie alte Männer es tun. Andere sagten, er spreche mit den Geistern der vergangenen Wesire, deren Porträts an den Wänden hingen. Doch was wirklich geschah in dieser Nacht, war viel einfacher und doch tiefer als jedes Geheimnis: Harun ibn Rashad saß still und dachte nach. Er dachte an die Karawanenwege, an die Berichte der Händler aus dem Osten, an die Zeichen in Rahim al-Gharibs Rede, das Zuviel des Lächelns, das Zuwenig des Blickes, der einem direkt begegnet.
Er dachte daran, was ein Mann wohl sucht, wenn er nicht sagen will, was er sucht. Als der Morgen die Minarette in rosiges Licht tauchte und der Ruf des Muezzins über die Dächer wehte, trat Harun ibn Rashad vor den König. Maarouf saß bereits auf seinem Thron, ungeduldig wie ein junger Falke, und Rahim al-Gharib stand daneben, noch immer lächelnd, noch immer glänzend. Der Wesir verneigte sich tief und sprach ruhig: O mein Herr, ich habe die Nacht genutzt, um Nachfragen zu stellen durch unsere Händler im Osten.
Wisse, o weiser König: Der Name Rahim al-Gharib ist bekannt, doch nicht als Kaufmann, sondern als einer, der in fremden Reichen nach dem Verlauf verborgener Wasserquellen forscht. Er sucht nicht Handel. Er sucht Wissen über dein Land, das er anderen verkaufen kann. Die Stille, die auf diese Worte folgte, war schwerer als Stein. Rahim al-Gharib verlor für einen Herzschlag sein Lächeln, nur für einen, doch der alte Wesir hatte ihn gesehen. König Maarouf blickte vom Kaufmann auf seinen Wesir, dann wieder zurück, und in ihm arbeitete etwas, das keine Ungeduld war: Erkenntnis. Er erhob sich von seinem Thron, langsam und mit einer Würde, die er selbst überraschend fand, und er sprach: Wir danken dir für deinen Besuch, Kaufmann.
Doch unser Reich braucht deinen Handel nicht. Rahim al-Gharib wurde freundlich, doch bestimmt zum Stadttor begleitet, und seine Karawane verließ Bagdad noch vor dem Mittag. Als der Palasthof wieder still war und nur die Brunnen plätscherten, setzte sich König Maarouf neben seinen alten Wesir im Garten. Die Dattelpalmen warfen lange Schatten, und irgendwo blühte Jasmin, dessen Duft schwer und süß die Luft erfüllte. Wie hast du es gewusst?, fragte der König leise. Harun ibn Rashad lächelte, ein Lächeln, das langsam war und warm wie Brot aus dem Ofen. Ich habe nicht gewusst, o mein Herr, antwortete er. Ich habe nur gefragt. Die Wahrheit antwortet immer, wenn man ihr Zeit lässt.
König Maarouf schwieg lange und betrachtete das Wasser im Brunnen, das sich in kleinen Ringen kräuselte, ruhig und ohne Eile. Er dachte an all die Male, da er zu schnell gesprochen hatte, zu schnell entschieden, zu schnell das Schiff ohne Steuer fahren lassen. Und in diesem Garten, unter Palmen und Jasminduft, während die Hitze des Tages sanft nachließ und die Kühle des Abends sich ankündigte, beschloss er, nicht mehr zu fragen: Ist der Wesir zu langsam für diese Welt? Sondern: Bin ich zu schnell für die Weisheit? Von jenem Tag an war es Brauch am Hofe des Königs Maarouf, dass keine Entscheidung von Gewicht gefällt wurde, bevor nicht eine Nacht des Schweigens vergangen war.
Manche nannten es die Nacht der Überlegung, und dieser Brauch verbreitete sich mit den Karawanen durch das Land, von Bagdad bis zu den fernen Häfen, von den Bergen bis zur Wüste. Und der alte Harun ibn Rashad saß noch viele Jahre im Garten, unter Dattelpalmen und blühendem Jasmin, und lächelte das langsame Lächeln eines Mannes, der weiß, dass Weisheit keine Eile kennt. So ruhte das Reich in seinen Händen wie ein schlafendes Kind in den Armen seiner Mutter, getragen, bewacht und still.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.