Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen
Der Weg durch das Meer
Und es geschah in jenen Tagen, als das Volk Israel den langen Weg aus Ägypten angetreten hatte und nun durch die weite, staubige Wüste zog, dass sie sich zwischen dem Wasser und der Stille des Himmels wiederfanden. Hinter ihnen lagen die Jahre der Knechtschaft, die schweren Lasten, die gebeugten Rücken, all das, was Mose und sein Volk für immer verlassen hatten. Vor ihnen aber, so weit das Auge reichte, erstreckte sich das Meer: ruhig und tief und grenzenlos blau unter dem Licht der untergehenden Sonne.
Die Männer, Frauen und Kinder lagerten am Ufer. Die Kleinen schliefen an den Schultern ihrer Mütter, und die Alten setzten sich auf die Steine und schauten schweigend auf das Wasser. Es war eine seltsame, gespannte Stille, wie sie manchmal vor einem großen Geschehen liegt. Das Volk war müde. Monatelange Wanderschaft steckte in ihren Knochen, und das Meer, das vor ihnen lag, schien weder Weg noch Übergang zu kennen. Manche fragten sich leise, wie es weitergehen solle. Doch Mose stand aufrecht an der Küste und schaute in die Ferne, als höre er etwas, das nur er vernehmen konnte.
Mose war kein junger Mann mehr. Sein Bart war grau, und die Sonne hatte tiefe Linien in sein Gesicht gezeichnet. Doch seine Augen hatten etwas, das man nicht so leicht vergaß, eine ruhige Gewissheit, die schwerer wog als Zweifel oder Angst. Er hatte den brennenden Dornbusch gesehen und war nicht geflohen. Er hatte dem Pharao gegenübergestanden und nicht geschwiegen. Und jetzt stand er am Ufer des Meeres und wartete, weil er gelernt hatte zu warten. Weil er wusste, dass das Warten selbst manchmal die stärkste Form des Vertrauens ist.
Die Nacht zog herauf über das Wasser. Die ersten Sterne traten hervor, klein und klar, wie hingestreut von einer stillen Hand. Das Volk hatte Feuer entzündet, und der Geruch von Rauch und Brot lag in der Luft. Kinder schliefen auf ausgebreiteten Tüchern, die Erwachsenen sprachen leise miteinander. Dann aber hörte man aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, das dumpfe Rollen von Rädern und das Stampfen vieler Hufe, und die Angst, die einen Augenblick geschwiegen hatte, erwachte wieder.
Doch Mose trat vor das Volk und hob die Hand. Seine Stimme war ruhig, wie die Oberfläche eines tiefen Sees. Fürchtet euch nicht, sagte er. Steht still und schaut, was heute Nacht geschehen wird. Denn die Kraft, die euch bis hierher getragen hat, wird euch auch durch dieses Wasser tragen. Und die Menschen hörten zu, und manche schöpften tatsächlich ein wenig Atem, und die Angst in ihren Gesichtern wurde weicher, wie Wachs, das sich erwärmt.
Dann geschah es. Ein Wind kam auf, nicht wild und reißend, sondern stark und stetig, wie ein Atem aus einer anderen Welt. Er kam vom Osten, und er traf das Wasser des Meeres, und das Wasser wich zurück. Zunächst kaum sichtbar, wie das Einatmen vor einem langen Ausatmen. Dann weiter und weiter, bis das Ufer sich öffnete, und wo eben noch tiefes Wasser gewesen war, lag nun ein Weg, ein breiter, trockener Weg durch die Mitte des Meeres, mit Wasser wie Mauern zu beiden Seiten, hoch und ruhig und schimmernd im Licht der Sterne.
Das Volk schwieg. Es war eine Stille, die schwerer war als alle Worte, die man hätte sprechen können. Die Menschen standen und schauten, und der Wind strich ihnen durchs Haar, und die Wände des Wassers zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten standen aufrecht wie dunkle Berge, und doch war der Weg dazwischen hell und klar und gangbar. Kein Mensch sagte etwas. Kein Kind weinte. Es war, als hätte die Welt für einen Atemzug aufgehört, sich zu drehen.
Dann setzte sich Mose in Bewegung. Er trat auf den Weg zwischen den Wassern, und sein Fuß berührte den festen Grund, und er ging. Und hinter ihm gingen die anderen, zuerst einzelne, dann Familien, dann das ganze große Volk, langsam und staunend, mit Kindern auf den Armen und Bündeln auf dem Rücken. Das Wasser stand zu beiden Seiten, und der Weg war trocken unter ihren Füßen, und über ihnen wölbte sich der Sternenhimmel, weit und still und dunkel und voller Licht.
Ein alter Mann, der die ganze Wanderung über geschwiegen hatte, nahm auf diesem Weg das Kind seiner Enkelin auf den Arm und hielt es hoch, damit es die Wasserwände sehen konnte. Das Kind streckte die kleinen Hände aus und berührte die feuchte Luft und lachte leise, das unbefangene Lachen eines Kindes, das noch nicht weiß, was Staunen ist, weil für ein Kind alles staunenswert ist. Und der alte Mann lächelte, und in seinem Lächeln war alles, was er in seinem langen Leben getragen hatte.
Und sie gingen. Die ganze Nacht über gingen sie, still und beharrlich, und der Sand unter ihren Füßen war fest und eben. Manchmal weinte jemand leise vor Erschöpfung oder Erleichterung oder aus einem Gefühl, das noch keinen Namen hatte. Manche beteten mit geschlossenen Lippen und gesenktem Blick. Manche hielten sich einfach an den Händen, weil Hände in solchen Nächten mehr sagen können als alle Worte.
Der Mond zog seinen stillen Bogen über den Himmel, und das Wasser schimmerte, und die Nacht war kühl und klar. Kein Lärm, kein Aufruhr, nur das leise Rauschen des aufrechtstehenden Meeres, das klang wie das tiefe Atmen eines schlafenden Riesen. Und Mose ging voran, wie er immer vorangegangen war, nicht weil er keine Angst kannte, sondern weil er trotz der Angst weitergegangen war.
Und dann, noch bevor die Sonne aufging, noch im letzten Grau vor der Dämmerung, berührten die ersten Füße das andere Ufer. Das Gras dort war weich und von Tau bedeckt. Die Erde roch nach Wasser und Morgen. Die Kinder, die die ganze Nacht getragen worden waren, wurden sanft abgesetzt und taten erste, taumelnde Schritte auf dem neuen Land. Manche Menschen fielen auf die Knie und drückten die Hände flach auf die Erde, als wollten sie prüfen, ob sie wirklich dort war, ob das wirklich wahr war, was diese Nacht geschenkt hatte.
Als die Sonne aufging über dem Horizont, warf sie ihr erstes rotes Licht auf das Meer, das nun wieder still und glatt und gewöhnlich aussah, als wäre nichts gewesen, als hätte das Wasser nur kurz einen Weg geöffnet und ihn dann leise wieder geschlossen. Und von denen, die das Volk verfolgt hatten, kam keiner mehr hindurch, das Meer hatte sich hinter den Ziehenden geschlossen, und die Bedrohung war vergangen wie ein schwerer Traum im ersten Licht des Morgens. Das Volk stand am Ufer des anderen Landes und schaute zurück auf das Meer und auf das Licht, das es nun vergoldete, und niemand sprach. Es war ein Schweigen voller Dankbarkeit, voller Staunen, voller Müdigkeit und Frieden.
Dann, aus der Mitte des Volkes, begann eine Frau zu singen. Miriam, die Schwester des Mose, nahm eine Pauke in die Hand und schlug sie, und ihre Stimme stieg auf in den klaren Morgen. Es war kein großes, lautes Lied — es war leise und getragen und voller dieser besonderen Wärme, die nur Menschen kennen, die gerade durch etwas sehr Schweres hindurchgegangen sind. Und andere Frauen sangen mit, und dann mehr, und der Gesang breitete sich aus über das versammelte Volk wie das Licht der Sonne, das nun das ganze Land ergriff.
Und die Wüste lag vor ihnen, weit und offen und voller Ungewissheit. Doch in diesem Morgen, in diesem Lied, in diesem Licht war etwas, das schwerer wog als die Ungewissheit, ein Wissen, das tiefer saß als Worte, ein Wissen, das die ganze Nacht in ihre Herzen geschrieben worden war, Schritt für Schritt, auf einem trockenen Weg durch die Mitte des Meeres. Sie waren hindurchgegangen. Was auch immer noch kommen mochte — sie waren hindurchgegangen. Mose setzte sich auf einen Stein am Ufer und schaute lange auf das Wasser.
Die Sonne stieg höher, und die Luft wurde warm, und hinter ihm ruhte sein Volk im Gras des neuen Ufers, und Kinder schliefen in der Wärme des frühen Morgens, und das Meer lag still und blau und endlos vor ihm. Er legte die Hände auf die Knie und schloss für einen Augenblick die Augen, und sein Gesicht war ruhig, wie das Gesicht eines Mannes, der sehr weit gegangen ist und nun, für diesen einen, kostbaren Moment, angekommen ist. Und so ruhte das Volk Israel in jenem Morgen am Ufer des Meeres, und die Sonne wärmte ihre Glieder, und der Wind strich leise durch das Gras, und alles war still und gut und voller Licht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.