Frei nach Hans Christian Andersens Fugl Phønix · 4 Minuten zu lesen
Der Vogel Phönix
Im Garten des Paradieses, so erzählt man, blühte unter dem Baum der Erkenntnis ein Rosenstrauch, und in seiner ersten Rose wurde ein Vogel geboren, dessen Gefieder leuchtete wie Licht selbst und dessen Gesang schöner war als alles, was je gesungen wurde: der Vogel Phönix. Als der Garten verschlossen wurde, flog er hinaus in die Welt, und seither lebt er unter uns — aber er zeigt sich nicht so, wie man einen Wundervogel erwartet.
Alle hundert Jahre, heißt es, verbrennt er in seinem eigenen Nest aus Zimt und Würzkräutern, und aus dem warmen Rest steigt ein neuer Phönix auf, jung und leuchtend wie am ersten Tag. So stirbt er nie wirklich; er fängt nur immer wieder an. Und er wohnt nicht in einem einzigen Land: Er fliegt an allen Orten der Welt vorbei, bei den Eisbergen wie in den heißen Wüsten, am Fischerboot wie am Königshof, und wo er ein Herz streift, da entsteht etwas — ein Lied, ein Bild, ein guter Gedanke, ein Trost zur rechten Zeit.
Man hat ihn übrigens oft zu fangen versucht, das gehört zur Geschichte dazu. Könige haben goldene Käfige bauen lassen, groß wie Gartenhäuser, und Gelehrte haben Netze aus feinsten Fragen geknüpft; Kaufleute haben Preise auf ihn ausgesetzt, die ein Königreich wert waren. Gefangen hat ihn nie jemand, und das liegt nicht an seiner Schnelligkeit. Es liegt daran, dass er zu niemandem gehört und darum bei allen wohnen kann. Ein gefangener Phönix wäre einfach keiner mehr; im Käfig säße nur ein hübscher Vogel, und das Singen wäre draußen. Die klügsten Könige haben das mit der Zeit begriffen und die Käfige zu Lauben umgebaut. In Lauben, heißt es, kehrt er gern ein.
In den Liedern der Völker kann man seine Spur verfolgen, wenn man mag: Bei den Wüstenvölkern heißt er der Feuervogel und wohnt in der einzigen Palme der weiten Leere; im hohen Norden fliegt er als Lichtstreif über den Winterhimmel, und die Fischer sagen, wer ihn sieht, dem geht ein Lied auf.
Denn das ist sein Geheimnis: Der Vogel Phönix ist der Gesang selbst, die alte, unsterbliche Kraft, die in den Menschen singt und dichtet und tröstet. In der Wiegenstube sitzt er auf dem Kissenrand, wenn die Mutter summt; in der Werkstatt fliegt er durchs Fenster, wenn einem Müden ein Lied einfällt; und am Krankenbett schlägt er leise mit den Flügeln, wenn jemand die richtigen Worte findet, ohne sie zu suchen. Man sieht ihn fast nie. Aber jeder Mensch hat ihn schon gehört, und die meisten schon oft.
Auch in den schwersten Zeiten ist er nicht ausgeblieben, das muss man ihm lassen. Wenn Krieg im Land war oder Hunger, haben die Menschen trotzdem ihren Kindern Lieder vorgesungen, leiser vielleicht, aber sie haben; und in den dunkelsten Wintern sind die schönsten Märchen erzählt worden, dicht am Ofen, eines wärmer als das andere. Das war er. Er ist am fleißigsten, wo es am nötigsten ist — darin gleicht er den guten Menschen, und vermutlich ist das kein Zufall, denn er wohnt ja in ihnen. Man muss sich um ihn also keine Sorgen machen, und das ist von allen Nachrichten dieser Geschichte die beste.
Alle hundert Jahre, wenn eine Zeit müde geworden ist, verbrennt er mit ihr — und steigt aus ihrer Asche in die neue Zeit hinauf und singt weiter, als wäre nichts gewesen, nur eben mit neuen Federn. Darum braucht niemand zu fürchten, das Schöne könne einmal ausgehen in der Welt. Es hat einen Vogel, der nicht sterben kann. Meistens sitzt er irgendwo ganz klein und unscheinbar, wie ein grauer Singvogel auf einem Fensterbrett — sie sagen, das sei seine liebste Verkleidung. Und wenn abends irgendwo jemand einschläft und noch von irgendwoher eine Melodie im Ohr hat, dann war er da. Er ist eigentlich immer da.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.