Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Der verlorene Sohn
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Mann mit seinen beiden Söhnen auf einem weiten Gut. Die Felder lagen golden in der Mittagshitze, die Olivenbäume warfen ruhigen Schatten auf die Erde, und abends brannte das Licht warm in den Fenstern des Hauses. Es war ein Ort des Friedens, ein Ort, an dem die Tage in ruhigem Rhythmus vergingen, einer wie der andere, getragen vom Duft des Bodens und dem leisen Rauschen des Windes durch die Zweige.
Doch in dem jüngeren der beiden Söhne lebte eine Unruhe, die keine Nacht stillen konnte. Er blickte über die Hügel in die Ferne und sah in Gedanken Städte und Märkte und das weite Meer, das er noch nie berührt hatte. Er sprach eines Tages zu seinem Vater, und seine Stimme war jung und ungeduldig und voller Sehnsucht, Vater, gib mir den Teil des Erbes, der mir eines Tages gehören soll. Gib ihn mir jetzt, denn ich will die Welt sehen. Der Vater schwieg einen Moment, länger als sein Sohn es erwartet hatte. Und dann teilte er, was er hatte, und legte die eine Hälfte in die Hände des Jüngeren, mit Augen, die nichts verbargen.
Nicht viele Tage vergingen, da hatte der junge Mann alles zusammengerafft und machte sich auf den Weg in ein fernes Land. Die Schritte, mit denen er das Tor hinter sich ließ, waren leicht und schnell, und er schaute nicht zurück. Er zog weit fort, dorthin, wo ihn niemand kannte und niemand nach ihm fragte. Und eine Weile lang schien die Welt ihm so, wie er sie sich erträumt hatte, bunt, laut, voll von Menschen und Licht und Stimmen bis in die späte Nacht.
Doch das Gold in seinen Händen schwand, wie Wasser im Wüstensand versinkt, schneller als er geglaubt hatte. Er gab es aus mit vollen Händen, ohne zu zählen, ohne zu denken, und die Menschen um ihn her lachten mit ihm, solange er geben konnte. Dann kam eine Zeit, in der wenig Regen fiel und das Land karg wurde, und die Vorräte wurden knapp überall, und die Freunde, die so zahlreich gewesen waren, zogen sich zurück wie Schatten vor dem Abend. Der junge Mann stand eines Morgens auf und sah, dass er nichts mehr hatte.
Er suchte Arbeit, irgendeine Arbeit, und fand schließlich eine Stelle bei einem Bauern des Landes, der ihn auf seine Felder schickte, die Schweine zu hüten. Er saß auf hartem Boden unter fremdem Himmel und sah den Tieren beim Fressen zu, und sein Magen war leer, und niemand gab ihm auch nur das Geringste. Und in dieser Stille, fern von allem, was er kannte, begann etwas in ihm aufzuwachen, langsam, wie ein Licht, das jemand in einem dunklen Raum entzündet.
Er dachte an das Haus seines Vaters. Er dachte an die Männer, die dort für Lohn arbeiteten und die genug zu essen hatten, mehr als genug. Und er dachte an sich selbst, hier in der Fremde, hungrig und allein, weit fort von allem, was er einmal hatte. Er erhob sich von seinem Platz, und seine Gedanken formten leise Worte, Worte, die er bei sich übte, wie man eine schwere Last aufhebt und trägt: Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gefehlt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Nimm mich an wie einen deiner Tagelöhner.
Er sprach es leise in die leere Luft hinein, und dann stand er auf und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Die Straße war weit, und seine Schuhe waren dünn geworden, und die Sonne stand hoch. Er ging durch Staub und über Steine, durch Tage, die sich dehnten, und Nächte, die kalt wurden. Je näher er dem Land seiner Kindheit kam, desto schwerer wurden seine Schritte, nicht vor Müdigkeit allein, sondern vor dem Gewicht dessen, was er getan hatte, und vor dem, was er sagen musste.
Doch noch während er weit entfernt war, noch ein gutes Stück den Weg herunter, da sah der Vater ihn. Er sah ihn, denn er hatte Ausschau gehalten, ob er je wieder kommen würde, dieser Sohn, dieser Jüngere mit den ungeduldig leuchtenden Augen. Und der Vater lief. Er lief, der alte Mann, dem Sohn entgegen, lief über den trockenen Boden, und als er ihn erreichte, fiel er ihm um den Hals und hielt ihn fest und küsste ihn, und keine Worte kamen zuerst, nur das Festhalten.
Dann hob der Sohn an zu sprechen, mit gesenktem Blick, mit leiser, brüchiger Stimme, Vater, ich habe gefehlt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Und der Vater hörte es, ja, er hörte jedes Wort, und dann rief er zu seinen Dienern, laut und voller Freude: Bringt das schönste Gewand und legt es ihm an, und gebt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe an die Füße. Und holt das gemästete Kalb und richtet ein Fest an, denn dieser mein Sohn war verloren, und er ist wiedergefunden. Er war wie tot, und er lebt.
Und das Haus füllte sich mit Musik und dem Duft von Speisen, und die Stimmen der Menschen klangen durch den Abend. Der Vater saß inmitten all dessen und sah seinen Sohn, der gewaschen und gekleidet und gespeist dasaß, und etwas in seinem Inneren war wieder ganz, was lange zerbrochen gewesen war. Draußen jedoch stand der ältere Sohn. Er war vom Feld zurückgekehrt, hatte den ganzen Tag gearbeitet wie an jedem anderen Tag, und er hörte die Musik und fragte einen der Knechte, was geschehe. Als er vernahm, was sich zugetragen hatte, blieb er draußen stehen und wollte nicht hineingehen.
Er war müde und hatte Recht in seiner Müdigkeit, und er hatte treu gedient all die Jahre, und nun brannte in ihm etwas, das nicht Freude war. Der Vater kam selbst heraus zu ihm, in die kühle Abendluft, und sprach zu ihm sanft und ohne Vorwurf. Mein Sohn, sagte er, du bist immer bei mir gewesen. Alles, was ich habe, ist dein. Sei nicht traurig in dieser Stunde. Dein Bruder war verloren, und er ist wiedergefunden worden. Er war fern, und nun ist er hier. Wie sollten wir da nicht feiern?
Die Nacht senkte sich über das Gut, leise und kühl, und die Sterne traten hervor, einer nach dem anderen, über den Olivenbäumen und den Weinbergen und dem weiten offenen Land. Das Licht aus den Fenstern des Hauses fiel warm auf den Boden vor der Schwelle, und drinnen saßen sie beieinander, der Vater und seine Söhne, in einer Stille, die größer war als alle Worte. Und so endet diese Geschichte, wie sie begann: mit einem Haus voller Licht in einer weiten, ruhigen Nacht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.