Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 4 Minuten zu lesen

Der Vampir von Sussex

Eines Tages erreichte Sherlock Holmes ein höchst sonderbarer Brief, der von Vampiren sprach, von blutsaugenden Wesen aus alten Schauergeschichten. Holmes lächelte nur kühl. Vampire, Watson? Unsinn. Diese Welt ist groß genug für uns; Gespenster haben darin nichts zu suchen. Was auch immer hier geschieht, es hat einen irdischen Grund. Der Mann, der bald darauf verzweifelt zu uns kam, hieß Robert Ferguson, ein aufrechter Familienvater aus Sussex, und seine Geschichte war in der Tat beunruhigend. Herr Holmes, sagte er mit bebender Stimme, ich fürchte, mit meiner Frau geht etwas Schreckliches vor. Man hat sie dabei beobachtet, wie sie sich über unser kleines Baby beugte und, ich kann es kaum aussprechen, Blut von seinem Hälschen sog, wie ein Vampir. Seither hat sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und benimmt sich seltsam. Ich weiß nicht mehr ein noch aus.

Ferguson erzählte mehr von seiner Familie. Seine Frau, eine warmherzige Frau aus dem fernen Peru, liebte ihr Kind über alles. Im Haus lebte außerdem Fergusons älterer Sohn aus erster Ehe, Jacky, ein kränklicher, zarter Junge, der seinen Vater abgöttisch verehrte. Und das Kindermädchen, fügte Ferguson hinzu, schwört, meine Frau mit Blut an den Lippen gesehen zu haben, am Bettchen des Kleinen. Was soll ich nur denken? Holmes hörte aufmerksam zu, und ich sah, wie sich hinter seiner ruhigen Stirn bereits ein Bild zu formen begann. Sagen Sie mir, fragte er beiläufig, stammen aus der Heimat Ihrer Frau nicht auch gewisse Waffen, kleine Pfeile vielleicht, mit Gift bestrichen, wie man sie in jenen fernen Ländern kennt? Ferguson stutzte. In der Tat, es hängen solche fremdartigen Waffen an unserer Wand.

Holmes reiste mit uns nach Sussex und durchschaute die traurige Wahrheit rasch und vollständig. Es war kein Vampir, keine Untat der Mutter, im Gegenteil. Das kleine Baby war in tödlicher Gefahr gewesen: Jemand hatte versucht, ihm mit einem jener vergifteten Pfeile aus dem fernen Land Schaden zuzufügen. Die Mutter aber hatte es bemerkt. In ihrer Verzweiflung hatte sie sich über das Kind gebeugt und das Gift aus der kleinen Wunde gesogen, um ihr Baby zu retten, nicht um ihm zu schaden, sondern um sein Leben zu bewahren. Das war das ganze Geheimnis: die selbstlose Tat einer liebenden Mutter. Aber warum, rief Ferguson, hat sie mir das nicht gesagt? Holmes sah ihn mitfühlend an. Weil sie Sie schonen wollte, sagte er leise. Denn der, der dem Baby nach dem Leben trachtete, war jemand, den Sie lieben.

Behutsam enthüllte Holmes den wahren Urheber: den älteren Sohn Jacky. Der kränkliche Junge, von glühender, doch krankhafter Eifersucht erfüllt, hatte es nicht ertragen, die Liebe seines Vaters mit dem neuen kleinen Bruder zu teilen. In seiner Verblendung hatte er dem Kleinen heimlich nachgestellt. Die Mutter hatte das erkannt, doch um ihren Mann nicht mit der furchtbaren Wahrheit über seinen geliebten älteren Sohn zu treffen, hatte sie lieber selbst geschwiegen und sich dem schrecklichen Verdacht ausgesetzt, ein Vampir zu sein. Es war eine Geschichte von tiefer mütterlicher Liebe und Opferbereitschaft. Ferguson war erschüttert, doch auch unendlich erleichtert, dass seine Frau unschuldig, ja edelmütig gehandelt hatte. Für den unglücklichen, eifersüchtigen Jacky wurde beschlossen, ihn für eine Weile fortzuschicken, auf eine Reise zur See, damit er fern der Familie zur Besinnung käme und Heilung fände.

So löste sich das schaurige Rätsel in eine zutiefst menschliche Geschichte auf. Sehen Sie, Watson, sagte Holmes auf der Heimfahrt zufrieden, kein Gespenst, kein Vampir, nur Liebe, Eifersucht und ein wenig fremdes Gift. Hinter dem Unheimlichsten verbirgt sich am Ende stets etwas zutiefst Menschliches. Die Familie aber war gerettet: die verleumdete Mutter in ihre Rechte gesetzt, das Kind in Sicherheit, der Vater von seiner furchtbaren Angst befreit. Es war einer jener Fälle, die nicht mit einer Festnahme endeten, sondern mit der stillen Wiederherstellung von Vertrauen und Liebe.

So endete der Fall vom Vampir von Sussex: kein Ungeheuer, kein Spuk, nur das tapfere Herz einer Mutter und ein irdisches Rätsel, von Holmes’ klarem Verstand entwirrt. Nun ist es still und friedlich, alle Furcht ist gewichen, und über dem Haus liegt wieder Frieden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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