Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Der Turm zu Babel
Und es geschah in jenen fernen Tagen, nachdem die Wasser sich zurückgezogen hatten und die Erde wieder grün und still dalag, dass die Menschen begannen, sich auszubreiten über die weite Fläche der Welt. Sie zogen gemeinsam, alle miteinander, und ihre Schritte klangen gleich, und ihre Worte klangen gleich, denn es gab nur eine einzige Sprache auf der ganzen Erde. Eine Sprache, weich und vertraut wie das Licht des frühen Morgens, in der ein jeder den anderen verstand ohne Mühe, ohne Missverständnis, ohne die Stille des Nichtverstehens zwischen sich.
Die Welt war weit in jenen Tagen, und die Menschen wanderten durch Täler und über Hügel, vorbei an Flüssen, die silbern in der Sonne blinkten, und durch Ebenen, in denen das Gras sich im Wind wiegte wie ein schlafendes Kind. Und eines Tages kamen sie in ein Land im Osten, ein flaches, fruchtbares Land, das sich so weit erstreckte, dass man kein Ende sehen konnte. Das Gras war dort anders als anderswo, dichter, schwerer, durchtränkt vom Wasser zweier großer Ströme, die träge und ruhig durch die Ebene zogen. Die Menschen blieben stehen. Sie sahen das Land an. Und sie entschieden, dass dies der Ort war, an dem sie bleiben wollten.
So schlugen sie ihre Zelte auf, und aus Zelten wurden Häuser, und aus Häusern wurden Straßen, und die Straßen verbanden sich zu einer Stadt, die langsam wuchs wie ein Baum, der Zeit hat. Die Menschen lernten, Ziegel zu brennen, harten, gleichmäßigen Ziegel aus dem roten Lehm der Ebene, und sie fanden, dass Pech gut zusammenhielt, was zusammengehören sollte. Mit ihren Händen bauten sie Mauern, und die Mauern standen, und in ihnen lebten Familien, und die Familien kannten einander, und alle sprachen dieselbe Sprache, und alle verstanden sich, und eine große Gemeinschaft entstand dort in der flachen, weiten Ebene.
Und dann, eines Abends, als die Sonne rot hinter dem Horizont versank und die ersten Sterne über der Ebene erschienen, sprachen die Menschen miteinander. Sie saßen beisammen, wie Menschen es tun am Ende eines langen Tages, und jemand hob den Blick zum Himmel. Die Sterne waren unzählig in jener klaren Nacht, und sie leuchteten so nah, dass es schien, als könnte man die Hand ausstrecken und sie berühren. Und in diesem Staunen, in dieser Stille zwischen Mensch und Himmel, entstand ein Gedanke, ein großer, kühner, mächtiger Gedanke, der sich leise von Mund zu Mund weitertrug.
Wir könnten bauen, sagten sie. Wir könnten einen Turm bauen, so hoch wie nie zuvor. Einen Turm, der hinaufreicht bis in die Wolken, bis zu den Sternen selbst. Einen Turm, dessen Spitze den Himmel berührt. So würden wir uns einen Namen machen, sagten sie, und niemand von uns würde sich jemals verlieren in der Weite der Welt, solange dieser Turm steht. Und alle hörten diese Worte, und alle nickten, und das Feuer des Gedankens brannte hell in ihren Augen.
So begannen sie am nächsten Morgen. Als das erste Licht noch zart und golden über die Ebene fiel und der Tau noch auf dem Gras lag, trugen die Menschen Ziegel herbei. Viele Hände arbeiteten, und viele Stimmen sprachen, und alle sprachen dieselbe Sprache, und so verstand jeder den anderen ohne Zögern, und die Arbeit ging leicht voran. Der Turm wuchs. Jeden Tag wuchs er ein wenig höher, und jeden Abend standen die Menschen und sahen hinauf zu dem, was sie gebaut hatten, und das Staunen in ihren Augen wurde nicht kleiner, sondern größer, je höher der Turm stieg.
Und es geschah, dass Gott das Treiben der Menschen sah. Wie eine Stille vor dem Wind, wie das Innehalten der Natur in dem Moment, bevor etwas Großes geschieht, so lag etwas in der Luft über der Ebene. Und dann veränderte sich etwas. Nichts Gewaltsames, nichts Zerstörendes, nur eine leise, tiefe Verschiebung, wie wenn ein Fluss plötzlich ein neues Bett findet. Denn eines Morgens, als die Sonne aufging und die Männer ihre Arbeit wieder aufnahmen und der erste Maurer den zweiten ansprach, da geschah etwas Seltsames.
Die Worte kamen an, aber ihr Sinn kam nicht mit. Wie ein Brief, dessen Schrift man kennt, aber dessen Bedeutung sich entzogen hat. Der eine sprach, und der andere runzelte die Stirn. Der andere antwortete, und der erste schüttelte den Kopf. Eine Frau rief ihrem Mann etwas zu, und er drehte sich um, verwirrt, als hätte er eine fremde Stimme gehört. Überall auf dem Bauplatz hielten die Hände inne.
Und langsam, in der warmen Stille dieses Morgens, begriffen die Menschen, was geschehen war. Ihre Sprache, die eine, vertraute, gemeinsame Sprache, die sie alle miteinander verband wie ein unsichtbares Band — sie war zerbrochen. Nicht laut, nicht mit einem Knall, sondern still, wie ein Band, das man erst vermisst, wenn man danach greift. Wo vorher ein Klang gewesen war, der alle verband, gab es nun viele Klänge, viele Laute, viele Weisen zu sprechen, und keine davon verstand die andere.
Die Menschen standen und sahen einander an. Und in den Blicken lag Staunen, und lag Trauer, und lag eine leise Ahnung davon, dass das, was sie gebaut hatten und bauen wollten, nun anders war als gedacht. Der Turm ragte noch immer in den Himmel, hoch und kühn, und die Ziegel waren fest und gut, und das Pech hielt, was es halten sollte. Aber die Hände, die ihn weitergebaut hatten, verstanden einander nicht mehr, und langsam, ganz langsam, hörte die Arbeit auf. Und so zerstreuten sich die Menschen von jenem Ort, der fortan Babel genannt wurde, denn dort war ihre Sprache verwirrt worden, und das Wort blieb haften wie Staub an einem müden Wanderer.
Doch dies war nicht das Ende, sondern ein Anfang. Denn die Menschen, die nun in alle Himmelsrichtungen zogen, trugen ihre neuen Sprachen mit sich, und mit den Sprachen trugen sie ihre Lieder, ihre Geschichten, ihre Weisen, Brot zu backen und Kinder in den Schlaf zu singen. Sie zogen über Berge und durch Täler, über das große Meer und in Länder, die noch keinen Namen hatten. Und überall, wo sie ankamen, ließen sie sich nieder und bauten und pflanzten und liebten und erzählten. Die Erde füllte sich. Und die vielen Sprachen webten sich ineinander wie Fäden eines großen Tuches, jede anders, jede wertvoll, jede ein Weg, die Welt zu verstehen und von ihr zu erzählen.
Und der Turm in der Ebene blieb stehen, still und hoch, und der Wind strich um seine Seiten, und die Sterne zogen über seine Spitze hinweg, Nacht für Nacht, so wie sie es von Anfang an getan hatten, gleichmäßig und ruhig, wie alles, was bleibt, wenn die großen Bewegungen der Menschen längst verstummt sind. Und das Land lag still in der Nacht, und die Feuer der vielen, kleinen Lager brannten überall auf der weiten Erde, jedes für sich, und doch alle unter demselben Himmel, demselben unendlichen, sternbesäten Himmel, der über Babel und über allen anderen Orten gleich leuchtete, warm und fern und still.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.