Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 15 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Trommler

Ein junger Trommler ging eines Abends allein über das Feld. Der Frost hatte die Furchen hart gemacht, und seine Schritte klangen darauf, als ginge jemand hinter ihm her. So kam er an einen See und sah am Ufer drei Stückchen weiße Leinwand liegen, dünn und fein und ordentlich hingebreitet, als hätte sie eben jemand aus der Hand gelegt. Was für feines Leinen, sagte er und steckte eines davon in die Tasche. Die beiden anderen ließ er liegen und ging heim.

Zu Hause dachte er nicht weiter daran, und den ganzen nächsten Tag fiel es ihm nicht wieder ein. Erst am Abend darauf, als er ins Bett gestiegen war und die Decke über die kalten Schultern zog, kroch ihm die Wärme langsam in die Füße zurück. Draußen stand der Mond über dem Feld, und irgendwo knackte das Eis auf dem See. Als er eben einschlafen wollte, war ihm, als riefe jemand seinen Namen. Trommler, Trommler, wach auf. Er konnte nichts sehen, denn die Kammer war dunkel, aber ihm war, als ginge etwas vor seinem Bett hin und her, ohne den Boden zu berühren. Was willst du, sagte er.

Gib mir mein Hemdchen wieder, sagte die Stimme, das du mir gestern Abend am Wasser weggenommen hast. Du sollst es haben, sagte der Trommler, wenn du mir sagst, wer du bist. Ach, sagte die Stimme, mein Vater ist ein mächtiger König, aber eine Hexe hat mich in ihre Gewalt gebracht und auf den Glasberg gebannt. Jeden Tag muss ich mit meinen zwei Schwestern hier im See baden, und ohne mein Hemdchen komme ich nicht wieder fort.

Sei ruhig, armes Kind, sagte er, ich gebe es dir gern zurück. Er holte es aus der Tasche und hielt es ihr in der Dunkelheit hin, und sie griff hastig danach und wollte damit fort. Warte doch, sagte er, vielleicht lässt sich für dich etwas tun. Für mich, sagte sie, lässt sich nur eines tun. Einer müsste den Glasberg hinaufsteigen und mich von der Hexe losmachen. Der Weg dahin geht durch den großen Wald, in dem die Menschenfresser hausen, und mehr darf ich dir nicht sagen. Dann war die Stimme fort, und in der Kammer war es so still, dass er das Holz im Ofen knacken hörte. Er schlief nicht mehr in dieser Nacht.

Am Morgen hängte er sich die Trommel um, wärmte sich noch einmal die Hände am Ofen und ging los, ohne jemandem etwas zu sagen. Er kam in den Wald, und der Wald wollte kein Ende nehmen. Die Stämme standen bereift, und unter den Sohlen brach der alte Schnee. Als er einen halben Tag gegangen war und noch immer keinen Menschenfresser gesehen hatte, dachte er, du musst die Herren wohl wecken, und schlug einen Wirbel auf seiner Trommel, dass es von den Bäumen zurückkam und der Reif von den Zweigen rieselte.

Es dauerte nicht lange, da richtete sich zwischen den Stämmen etwas auf, das er für eine Tanne gehalten hatte. Du Wicht, rief der Riese ihm zu, wer erlaubt dir, hier zu lärmen und mich aus dem besten Schlaf zu reißen. Ich schlage die Trommel, sagte der Trommler, damit die vielen tausend, die hinter mir herziehen, den Weg finden. Und was suchen die in meinem Wald, fragte der Riese. Dich, sagte er, und deinesgleichen, sie wollen den Wald von euch säubern.

Oho, sagte der Riese, ich trete sie tot wie Ameisen. Meinst du, du könntest etwas gegen sie ausrichten, sagte der Trommler. Wenn du dich bückst und nach einem greifst, so springt er fort und versteckt sich. Wenn du dich aber hinlegst und schläfst, so kommen sie aus allen Gebüschen und kriechen an dir herauf, und jeder hat einen Hammer von Stahl am Gürtel. Da wurde dem Riesen unbehaglich zumute. Er kratzte sich hinter dem Ohr und dachte, mit dem verschlagenen Volk ist nicht gut auskommen.

Hör zu, sagte er, ich lasse dich in Ruhe, und du sagst deinen Leuten, sie sollen mich in Frieden lassen. Ich kann das machen, sagte der Trommler, denn ich bin allein hier, und die anderen hören auf mich. Aber du musst mir dafür einen Gefallen tun. Trag mich an den Glasberg. Der Riese hob ihn ohne Umstände auf und setzte ihn sich auf die Schulter, und von dort oben sah der Wald aus wie ein Feld mit lauter kleinen dunklen Büscheln.

Am Abend übergab ihn der erste einem zweiten, und der steckte ihn in sein Knopfloch, das so groß war wie eine Schüssel, und darin saß er warm und windgeschützt wie in einer Stube. Der dritte nahm ihn heraus und setzte ihn sich auf die Krempe seines Hutes, und da ging der Trommler oben hin und her und sah, wie das Land unter ihnen weiß wurde und immer weißer. Dann setzten sie ihn ab und gingen zurück, und keiner von ihnen sah sich um.

Vor ihm lag der Glasberg, und er lag da, als wäre ein Stück Winterhimmel heruntergekommen und liegen geblieben. Kein Weg, kein Grat, kein Vorsprung, und die Abendsonne lag darauf und rutschte daran ab. Während er noch hinaufsah, hörte er zwei Männer streiten. Sie standen bei einem Sattel und zerrten daran, jeder an einer Seite. Es sei ein Erbe von ihrem Vater, sagten sie, und wer darauf sitze und sich irgendwohin wünsche, der sei im Augenblick dort, und weil keiner ihn dem andern gönne, hätten sie ihn nun schon einen Tag lang zwischen sich.

Es ist töricht, sagte der Trommler, dass ihr um ein Ding streitet und keiner es nutzt. Ich will euch teilen helfen. Er ging ein Stück Wegs, steckte seinen Stock in den Boden und rief zurück, wer zuerst hier ist, dem gehört der Sattel. Die beiden liefen los, und ehe sie den halben Weg hinter sich hatten, saß er auf dem Sattel und wünschte sich auf den Glasberg. Kaum hatte er es gedacht, war unter ihm nichts mehr als Helligkeit, und dann stand er oben.

Oben war eine Ebene, und die Ebene war so eben, wie nur Wasser ist, das gefroren ist, ehe der Wind darüberging. Da stand ein altes Haus aus Stein mit einem schweren Dach, und vor dem Haus lag ein großer Fischteich, und dahinter stand ein finsterer Wald bis an den Rand. Es war Abend geworden. Aus dem Schornstein stieg ein dünner Rauch gerade in die Höhe, und der Trommler stellte den Sattel ins Gras und klopfte sich den Schnee von den Ärmeln.

Die Tür des steinernen Hauses ging auf, und eine Alte trat heraus mit einem braunen Gesicht, roten Augen und einer Brille auf der langen Nase. Was willst du hier, sagte sie. Herberge, Essen und Trinken, sagte der Trommler. Das sollst du haben, sagte sie, wenn du mir dafür drei Arbeiten verrichtest. Warum nicht, sagte er, ich scheue keine Arbeit, und wäre sie noch so schwer. Da ließ sie ihn ein, gab ihm zu essen und abends ein gutes Bett, und das Feuer im Herd brannte niedrig und rot.

Am Morgen nahm die Alte einen Fingerhut von ihrem dürren Finger und sagte, nun geh an die Arbeit und schöpfe mir den Fischteich draußen mit diesem Fingerhut aus. Wenn ich am Abend komme, muss er leer sein, und alle Fische, die darin sind, müssen nach Art und Größe nebeneinander liegen. Der Trommler ging hinaus, kniete sich an das Wasser und schöpfte. Er schöpfte den ganzen Vormittag, und als er hinsah, stand der Teich so hoch wie zuvor, und der Fingerhut wog nichts in seiner Hand.

Um Mittag setzte er sich hin und dachte, es ist alles umsonst, und es ist gleich, ob ich arbeite oder nicht. Da kam ein Mädchen über die Ebene, so schön, dass er meinte, sie brächte die Farbe mit. Sie hatte ein Brot bei sich, das noch warm war, und setzte sich zu ihm und sagte, du sitzest da und bist traurig, was fehlt dir. Ach, sagte er, ich soll den Teich mit einem Fingerhut ausschöpfen, und ich bringe es nicht fertig, und heute Abend ist es zu spät.

Leg dich hin und schlaf, sagte sie, ich mache es schon. Er aß von dem Brot und legte sich in das kurze harte Gras, und ehe er noch daran denken konnte, ob es recht sei, war er eingeschlafen. Sie drehte einen Ring an ihrem Finger und sprach, Wasser herauf, Fische heraus. Als er aufwachte, war der Grund des Teiches trocken wie eine Straße, und die Fische lagen in langen Reihen daneben, jede Art für sich, die großen zuoberst und die kleinen zuletzt. Nur ein einziger Fisch lag für sich allein, und ehe das Mädchen ging, sagte es, wenn die Alte heute Abend fragt, was dieser Fisch allein soll, dann wirf ihn ihr ins Gesicht und sprich, der soll für dich sein, alte Hexe.

Am Abend kam die Alte, sah die Reihen an und wurde blass. Dann sah sie den einen Fisch. Was soll dieser da allein, fragte sie. Da nahm der Trommler ihn auf und warf ihn ihr ins Gesicht und sagte, der soll für dich sein, alte Hexe. Sie tat, als hätte sie nichts gemerkt, und schwieg, aber ihre roten Augen blieben an ihm hängen, bis sie im Haus war. Am nächsten Morgen führte sie ihn an den Rand des finsteren Waldes und sagte, diesen ganzen Wald sollst du mir umhauen, das Holz spalten und in Klaftern setzen, und am Abend muss alles fertig sein.

Sie gab ihm eine Axt aus Blei, einen Schläger und Keile aus Blech. Beim ersten Hieb bog sich die Axt zusammen wie ein Löffel, der Schläger drückte sich platt, und die Keile ließen sich zwischen zwei Fingern biegen wie nasse Pappe. Der Trommler stand da und hielt das weiche Zeug in den Händen, und über ihm rauschten die Wipfel, die er fällen sollte, hoch und schwarz und ohne ein einziges Blatt. Er ging den Rand des Waldes ab und suchte einen Stamm, der dünn genug wäre, und fand keinen.

An diesem Tag kam sie später. Er sah sie schon von weitem über die Ebene gehen, und er stand auf und ging ihr entgegen, weil er das Warten nicht aushielt. Das Brot, das sie brachte, war nicht mehr warm. Sie fragte nicht, wie weit er gekommen sei, und sie sah auch den Wald nicht an, sondern setzte sich neben ihn in das kurze Gras, und ihr Gesicht war schmaler als am Tag zuvor. Iss, sagte sie, und dann leg dich hin. Er aß und legte sich hin und schlief ein, ehe er sie noch etwas fragen konnte.

Als er die Augen aufschlug, war der Wald verschwunden. Die Ebene lag frei bis dorthin, wo eben noch die Wipfel gestanden hatten, und das Holz stand in Klaftern aufgesetzt, eine neben der anderen wie eine Mauer, und das frische Holz roch bis zum Haus herüber. Nur ein einziger Ast lag noch im Gras, und das Mädchen hatte ihm gesagt, was er damit tun solle. Die Alte kam, sah die Klaftern an und fragte, für wen liegt der Ast noch da. Für dich, du Hexe, sagte der Trommler und gab ihr einen Schlag damit. Sie tat, als spürte sie es nicht, und lachte höhnisch. Nun ist nur noch eins übrig, sagte sie. Du sollst all das Holz auf einen Haufen bringen und es anzünden und verbrennen.

In der Nacht kam das Mädchen noch einmal und setzte sich zu ihm an das erloschene Feuer. Morgen ist das Schwerste, sagte sie. Tu alles, was sie von dir verlangt, ohne Furcht, dann kann sie dir nichts anhaben. Fürchtest du dich aber, so hat das Feuer dich. Er sah sie an und wollte fragen, wer sie sei und woher sie komme und warum sie ihm helfe, aber sie legte ihm die Hand auf den Arm, und ihre Hand war kalt wie Glas, und dann war sie wieder fort, ehe er den Mund auftat.

Am Morgen trug er das Holz zusammen, und der Haufen wurde so hoch wie ein Haus. Er legte Feuer daran. Es brannte langsam an und dann auf einmal ganz, und die Flamme stand still und gerade in der kalten Luft, und der Schnee ringsum ging weg, als wäre er nie da gewesen. Der Boden der Ebene warf das Licht zurück, so dass es aussah, als brenne der Berg selbst mit. Da kam die Alte und sagte, geh in das Feuer hinein und hole mir den Klotz heraus, der mitten darin liegt.

Der Trommler besann sich nicht lange und ging hinein. Die Flammen schlugen über ihm zusammen und taten ihm nichts, und es war ihm nicht heißer zumute als an einem Ofen im Winter, wenn man aus dem Frost hereinkommt. Er fand den Klotz und trug ihn heraus, und kaum hatte das Holz die Erde berührt, da war es kein Holz mehr, sondern das Mädchen stand vor ihm in einem Kleid, das aussah wie aus Rauch gewebt. Nun wusste er, wer ihm dreimal geholfen hatte.

Die Alte streckte die Hand nach ihr aus und wollte sie fortziehen, aber der Trommler stellte sich dazwischen. Was dann geschah, ging schnell, und das Feuer schlug einmal hoch zusammen und war danach kleiner als vorher, und von der Alten war nichts mehr da als der Fingerhut im Gras. Die Königstochter drehte ihren Ring und wünschte sich mit ihm hinunter vor das Tor seiner Vaterstadt, und im Nu standen sie dort und hörten die Glocke schlagen.

Geh zuerst zu deinen Eltern, sagte sie, und sage ihnen, dass du wieder da bist. Nur eines bitte ich dich. Küsse sie nicht auf die rechte Wange, sonst wirst du alles vergessen. Ich warte hier auf dem Feld. Er versprach es und ging hinein, und die Mutter fiel ihm um den Hals, und in der Freude küsste er sie auf beide Wangen, und mit der rechten war es geschehen. Der Glasberg fiel aus ihm heraus wie ein Traum am Morgen.

Draußen wartete das Mädchen, bis es dunkel wurde, dann wünschte es sich ein einsames Häuschen im Wald und ging von da an jeden Abend an seinem Haus vorbei. Eines Tages hörte sie die Leute sagen, morgen werde seine Hochzeit gefeiert. Da machte sie sich drei Kleider, eines glänzend wie die Sonne, eines schimmernd wie der Mond, eines flimmernd wie die Sterne, und für jedes erkaufte sie sich von der Braut eine Nacht vor der Kammer des Bräutigams.

In der ersten Nacht saß sie in dem Kleid wie die Sonne vor seiner Tür und redete, bis das Licht kam, und er hörte nichts davon, denn man hatte ihm einen Schlaftrunk in den Wein getan. In der zweiten Nacht saß sie in dem Kleid wie der Mond und redete leiser und länger, und er hörte auch das nicht. Am dritten Abend erzählten ihm die Diener, vor seiner Tür sitze seit zwei Nächten jemand und rede die halbe Nacht. Da goss er den Wein hinter das Bett und legte sich wach hin, und unter der Tür durch kam ein schwaches Flimmern herein, als läge draußen Schnee im Sternenlicht. Und in der Stille hörte er die Stimme, die sagte, Trommler, Trommler, hör mich an, hast du mich denn ganz vergessen, hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen.

Da kam ihm alles wieder, der See und das Leinen, der Fingerhut und der kalte Griff auf seinem Arm, und er stand auf und öffnete die Tür. Am Morgen lagen die drei Kleider übereinander auf dem Stuhl in der Kammer, das sonnengelbe zuoberst. Wo das Frühlicht darauffiel, stand ein heller Fleck an der Wand, und der Fleck wanderte langsam an der Wand entlang, wie die Sonne wanderte, und niemand im Haus war wach genug, um ihm dabei zuzusehen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Eine kürzere Fassung derselben Geschichte ist in Grimms Märchen · Die große Sammlung schon zu hören, ab 8:35:24.

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