Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Lille Tuk · 4 Minuten zu lesen

Der Traum vom kleinen Tuk

Ja, das war der kleine Tuk. Er hieß eigentlich anders, aber als er noch ganz klein war, hatte er sich selbst Tuk genannt, und dabei war es geblieben. An diesem Abend hatte Tuk zwei Dinge zu tun, und beide waren eigentlich zu viel: Er sollte auf seine kleine Schwester Gustave aufpassen, und er sollte für den nächsten Morgen seine Geographie lernen — alle Städte der Insel Seeland und alles, was man von ihnen wissen muss. Beides zugleich geht aber nicht, und so wiegte er erst die Schwester und kam erst spät zu seinem Buch, als es schon dämmrig wurde und zum Lesen kaum noch reichte.

Die kleine Gustave war an diesem Abend besonders schwer ins Träumen zu bringen. Tuk sang ihr alle Lieder vor, die er konnte, und erfand danach noch zwei dazu, er machte das Schattenspiel mit den Händen an der Wand — den Hasen konnte er am besten — und erzählte zuletzt die Geschichte vom Mann im Mond, so weit er sie wusste, und wo er sie nicht wusste, wusste er sie eben neu. Als Gustave endlich schlief, mit offenem Mund und einer Hand um seinen Finger, musste er den Finger vorsichtig auswickeln wie aus einem Päckchen. Draußen war es dunkel geworden. So viel Bruderdienst am Abend — und die Geographie noch keinen Schritt weiter. Es gibt solche Tage, und es sind nicht die schlechtesten.

Dazwischen klopfte auch noch die alte Waschfrau von nebenan an die Tür; sie konnte den schweren Wassereimer nicht mehr vom Brunnen holen. Da lief der kleine Tuk und holte ihr das Wasser, wie er es immer tat, denn er hatte ein Herz, das schneller half, als der Kopf fragen konnte. Gott lohne es dir, sagte die alte Frau, und das ist ein Satz, den man nicht unterschätzen soll; er hat schon manches bewirkt, wie sich gleich zeigen wird. Denn als Tuk endlich im Bett lag, das Geographiebuch unter dem Kopfkissen, weil er gehört hatte, das helfe beim Lernen, da fing die wunderlichste Nacht seines Lebens an.

Ihm träumte, es stünde jemand am Bett — und dann kamen die Städte selbst zu ihm, eine nach der anderen, und stellten sich vor. Das alte Korsör kam und sprach vom Meer und von seinen Schiffen und rühmte sich seiner Dichter, und Roskilde kam mit seinem großen Dom und den schlafenden Königen darin und ließ alle seine Glocken läuten. Das kleine Sorö kam ganz still, mit seinem See und seinen Büchern, und sagte kaum ein Wort, und das alte Vordingborg richtete sich im Traum noch einmal hoch auf mit seinem Gänseturm und seinen versunkenen Königshallen, und über allem flogen Namen und Jahreszahlen wie Vögel, die sich von selbst in die richtige Reihenfolge setzten.

Auch die kleinen Städte kamen im Traum zu Wort, und sie waren die liebsten Gäste. Das winzige Prästö kam mit seinem Krämerladen und roch nach Sirup und Seife, und das freundliche Köge brachte das Rauschen seiner Bucht mit und ließ es die ganze Zeit nebenher laufen, wie Musik im Nachbarzimmer. Jede Stadt sagte ihren Spruch auf, und wenn Tuk etwas durcheinanderbrachte, lachten sie nicht, sondern sagten es einfach noch einmal, geduldig wie gute Lehrer. Nur die Jahreszahlen drängelten sich manchmal vor, wie Jahreszahlen es tun. Aber im Traum hatte Tuk eine große Hand, damit winkte er sie an ihren Platz, und sie gehorchten. Das allein war die halbe Prüfung wert.

Zuletzt aber saß im Traum ein altes Mütterchen an seinem Bett, und es war die Waschfrau von nebenan, und sie sah ihn freundlich an und sagte: Du hast mir geholfen, kleiner Tuk, darum soll dir dein Lernen leicht werden — und mehr als das. Du wirst gesund heranwachsen und ein rechter Mann werden; halte dein Herz so, wie es heute Abend war, dann kommen die Städte und die Jahre von selbst zu dir und stellen sich vor, dein Leben lang. Das war ein großes Versprechen für einen kleinen Jungen mit einem Buch unterm Kissen, und der Traum meinte es ernst.

Am Morgen wachte Tuk auf und wusste seine Geographie — alle Städte, der Reihe nach, als wäre er überall selbst zu Gast gewesen; und im Grunde war er das ja auch. Die alte Waschfrau bekam ihr Wasser auch an diesem Tag, und sie wusste nichts von ihrem Auftritt im Traum, aber sie nickte ihm zu, als wüsste sie es doch ein bisschen. Tuk aber legte von da an öfter etwas unters Kissen, und es musste kein Geographiebuch sein. Ein guter Tag tat es auch. Aus dem träumt es sich am allerleichtesten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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