Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen

Der Traum des Kaufmanns

In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch im Glanz seiner goldenen Tage erstrahlte und die Nacht sich wie ein samtener Mantel über die Kuppeln und Minarette legte, lebte in einer engen Gasse des Basars ein Kaufmann namens Dschafar. Er war nicht arm und nicht reich, nicht jung und nicht alt, ein Mann der Mitte, wie man sagt, dem das Schicksal weder besonders hold noch besonders feindlich gesonnen schien.

Sein Laden duftete nach Safran und getrocknetem Rosenblatt, nach Zimtrinde und dem leichten Rauch der Öllampe, die er jeden Abend entzündete, bevor er die Jalousien schloss. Doch was Dschafar besaß und was ihm niemand nehmen konnte, das waren seine Träume. Jede Nacht, wenn er sich auf sein Lager aus gestickten Kissen bettete und die Augen schloss, öffnete sich vor ihm eine andere Welt.

Er träumte von Palästen, deren Mauern aus Bergkristall gefügt waren, von Gärten, in denen der Jasmin in ewiger Blüte stand, von Brunnen, aus denen kein Wasser, sondern reines Mondlicht sprudelte. Und immer, in jedem dieser Träume, stand am Horizont eine Gestalt, eine Frau in einem Gewand aus Sternenlicht, die ihm winkte und lächelte und dann hinter den Kuppeln verschwand, ehe er sie erreichen konnte. So vergingen Monde, und Dschafar lebte mehr in seinen Träumen als in seinem kleinen Laden am Basar. Seine Nachbarn begannen, ihn mit mildem Spott zu bedenken.

Dschafar, du schläfst zu viel, sagten sie. Dschafar, ein Kaufmann, der träumt, wird arm. Er lächelte und schwieg und entzündete seine Öllampe und wartete auf die Nacht. Eines Abends aber — es war jene Stunde, da die ersten Sterne erscheinen und die Luft nach warmem Staub und Orangenblüten riecht, trat ein alter Mann in seinen Laden. Er war in ein einfaches weißes Gewand gekleidet, trug einen Stab aus dunklem Holz und hatte Augen, die so still und tief waren wie ein Brunnen ohne Grund.

Er kaufte nichts. Er fragte nichts. Er setzte sich auf den kleinen Hocker in der Ecke, betrachtete Dschafar lange und sprach dann: O Kaufmann, ich kenne deine Träume. Dschafar erschrak, doch nur einen Herzschlag lang. Dann überkam ihn eine Ruhe, so weich wie Seide. Wer bist du, o Fremder?, fragte er. Der alte Mann lächelte, und in diesem Lächeln lag etwas, das älter war als die Stadt und älter als die Wüste dahinter. Ich bin ein Weiser, sprach er, der viele Wege gegangen ist. Und ich sage dir: Die Frau in deinen Träumen ist nicht nur ein Bild der Nacht.

Sie ist eine Wirklichkeit, doch sie liegt weit, weit fort, jenseits der großen Wüste, in einer Stadt, die keine Karawane je in ihren Büchern verzeichnet hat. Die Worte des alten Mannes sanken in Dschafar wie Wassertropfen in trockene Erde. Er wollte fragen, wie weit, welchen Weg, wie lange, doch als er aufblickte, war der Hocker leer. Nur ein leichter Duft nach Sandelholz hing noch in der Luft, und auf dem Hocker lag ein kleines Amulett: eine silberne Scheibe, auf der eine Mondform eingraviert war. In dieser Nacht schlief Dschafar früher als sonst. Und der Traum, der zu ihm kam, war der klarste und schönste, den er je geträumt hatte.

Die Frau in dem Gewand aus Sternenlicht stand diesmal nicht am Horizont — sie stand dicht vor ihm, so nah, dass er die feinen Stickereien an ihren Ärmeln erkennen konnte, blaue Vögel auf silbernem Grund. Sie sprach kein Wort, aber ihre Augen sagten alles: Komm. Ich warte. Die Zeit ist reif. Am Morgen stand Dschafar auf, öffnete seine Truhe und zählte seine Ersparnisse. Es war nicht viel, aber es reichte für eine Karawane nach Osten und für Wochen des Reisens. Er schloss seinen Laden, gab den Schlüssel dem Nachbarn und sprach: Wenn ich nach einem Jahr nicht zurück bin, gehört der Laden dir. Der Nachbar schüttelte den Kopf und seufzte und dachte, der arme Dschafar sei endgültig dem Traum verfallen.

Die Karawane, der er sich anschloss, zog nach Osten, vorbei an Palmenhainen und kleinen Oasen, wo das Wasser smaragdgrün in der Mittagssonne schimmerte, vorbei an Ruinen alter Städte, die nur noch die Wüste kannte, und weiter, immer weiter, bis das Grün sich verabschiedete und nur noch der Sand blieb. Dschafar schlief auf dem Rücken eines Kamels und träumte, und in jedem Traum war die Frau näher als zuvor. Nach vielen Wochen trennten sich die Wege der Karawane. Die anderen Kaufleute bogen nach Norden ab, in eine bekannte Handelsstadt.

Doch das silberne Amulett an Dschafars Brust wurde warm, immer dann warm, wenn er es in der Hand hielt, und es zog ihn nach Osten, tiefer in die Wüste hinein, dorthin, wo kein Pfad mehr zu sehen war. Er ritt allein. Die Stunden wurden schwer. Der Himmel über ihm war ein einziges tiefes Blau, und die Stille der Wüste legte sich auf seine Schultern wie ein Gewicht aus Wolle.

Aber dann, am dritten Tag, als die Sonne gerade ihren höchsten Stand verlassen hatte und das Licht goldener und weicher wurde, erschien am Horizont etwas, das zunächst wie eine Fata Morgana wirkte: Mauern, Türme, Kuppeln, eine Stadt aus rötlichem Stein, die aus dem Sand wuchs wie ein Traum, der sich selbst erschafft. Dschafar ritt langsam näher, und je näher er kam, desto realer wurde sie, die Mauern trugen Mosaike aus Türkis und Gold, die Tore standen offen, und aus dem Inneren wehte ein Duft herüber, so süß und so vertraut, dass sein Herz sich zusammenzog.

Es war der Duft aus seinen Träumen: Jasmin und Rosenöl und etwas Unbenennbares, das nach Nacht und Frieden roch. An den Toren stand keine Wache. Er ritt hindurch. Die Gassen der Stadt waren schmal und von Oleander gesäumt; Katzen schliefen in Fensternischen, und aus einem Brunnen in der Mitte eines kleinen Platzes plätscherte Wasser mit einem Klang wie leise Musik. Die Menschen, die Dschafar hier begegneten, grüßten ihn, als hätten sie ihn erwartet, mit einem ruhigen Neigen des Kopfes, mit einem Lächeln, das sagte: Ja, du bist der Richtige. Und dann, auf einem Platz vor einem Haus mit einer blauen Tür, stand sie.

Das Gewand aus Sternenlicht, hier, im Tageslicht, war es ein Kleid aus tiefblauer Seide, bestickt mit silbernen Vögeln. Dieselben Augen, dieselbe Ruhe. Du bist gekommen, sprach sie, und ihre Stimme war so, wie Dschafar sie sich in tausend Nächten vorgestellt hatte: warm und klar, wie Wasser über Kieselsteinen. Ich wusste, dass du kommen würdest, denn ich habe auch von dir geträumt.

Dschafar stieg vom Kamel und stand vor ihr, und er wusste, so wie man im Traum Dinge weiß, die keiner Erklärung bedürfen, dass er am Ende seiner Reise angekommen war. Nicht weil er ein Schatz gefunden hatte, nicht weil ihm Macht oder Reichtum zugefallen waren, sondern weil er dem gefolgt war, was sein Herz seit Jahren flüsternd erzählt hatte, Nacht für Nacht. Die Frau hieß Layla, und sie war die Tochter eines alten Gelehrten, der die Sprache der Träume kannte.

Ihr Vater hatte ihr gesagt: Es gibt einen Mann im Westen, in einer Gasse nach Safran und Rosenblatt, er träumt von dir, so wie du von ihm träumst. Eines Tages wird er den Weg finden. Und so hatte Layla gewartet, und so war Dschafar gegangen, und so hatte die Wüste beide zusammengeführt, die sie nie getrennt hatte. In jener Nacht saßen sie in dem kleinen Innenhof des Hauses mit der blauen Tür, tranken Tee aus gläsernen Schalen und hörten dem Brunnen zu.

Der Mond stand groß und rund über den Kuppeln der namenlosen Stadt, und die Sterne funkelten so nah, als könnte man die Hand ausstrecken und sie berühren. Die Öllampe warf ein sanftes Licht auf die Mosaike der Wände, und die Nacht duftete nach Jasmin und dem leichten Rauch des Weihrauchs, der in einem kleinen Räuchergefäß glimmte. Dschafar erzählte von seinem Laden, von seinen Nachbarn, von dem alten Mann mit den stillen Augen, der eines Abends erschienen und verschwunden war wie ein Gedanke.

Layla lächelte und sagte, ihr Vater empfange manchmal Gestalt, um denen den Weg zu zeigen, die ihn suchen, ohne es zu wissen. Sie sprachen lange, bis die Nacht tief und voll geworden war, bis die Katzen von den Fensternischen verschwunden und die Gassen ganz still geworden waren. Und als Dschafar an jenem Abend die Augen schloss und einschlief, zum ersten Mal nicht allein, sondern in einem fremden Haus, das sich sofort wie ein vertrautes anfühlte, da träumte er nicht.

Oder vielleicht träumte er doch: von einem kleinen Laden, der nach Safran roch, von einem Schlüssel, den er einem Nachbarn gegeben hatte, von einer langen Reise durch goldenen Sand. Doch diesmal lag in jedem Bild eine Stille, die keine Sehnsucht mehr kannte, nur Ankommen, nur Ruhe, nur das leise Plätschern eines Brunnens in einer Stadt, die keiner Karawane auf der Karte stand. So endet die Geschichte des Kaufmanns Dschafar, der einem Traum folgte und am Ende des Weges das fand, was alle Träume von Anfang an gemeint hatten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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