Frei nach Hans Christian Andersens Der Torwächtersohn · 5 Minuten zu lesen
Der Torwächtersohn — zweiter Teil
Georg und Emilie hatten einander wiedergefunden, und was in Kindertagen unter der Akazie angefangen hatte, war mit den Jahren nur gewachsen. Also tat Georg, was ein gerader Mensch tut: Er ging zum General und hielt in aller Ehrerbietung um Emilie an. Der General bekam beinahe keine Luft. Ein Torwächtersohn! Aus dem Keller! Er sprach von Wahnsinn und von den Ordnungen der Welt, und Georg verneigte sich und ging — nicht geschlagen, nur vertagt. Denn er kannte eine Treppe, die der General nicht kannte: die, die man sich selber baut, Stufe um Stufe, aus Arbeit.
Man muss dem General ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er war nicht böse, er war nur alt möbliert. In seinem Kopf standen die Dinge seit fünfzig Jahren an ihren Plätzen — oben, unten, Rang, Herkunft, alles ausgerichtet wie seine Orden im Kasten —, und wenn jemand ein Möbel verrückte, empfand er das als Erdbeben. Georgs Antrag verrückte gleich das ganze Zimmer. Dass der junge Mann untadelig war, machte es nicht besser, es machte es schlimmer, denn gegen Untadelige lässt sich so schwer etwas sagen, und der General sagte darum das Einzige, was ihm blieb: das mit dem Keller. Es klang schon in seinem eigenen Mund nicht mehr ganz fest. Aber für fest genug hielt er es noch, und Emilie weinte an diesem Abend lange — und fügte sich nicht. Sie hatte vom Vater die Beharrlichkeit geerbt; das übersehen Väter gern.
Die Generalin, das sei nicht verschwiegen, war in dieser Sache klüger als ihr Gemahl, und zwar aus einem einfachen Grund: Sie hatte über die Jahre heimlich mitgezählt. Sie wusste, wer Emilie als Kind aus dem Feuerchen geholfen hatte, wer ihr in der Krankheit die Schlossbilder hinaufgeschickt hatte, und wer der Torwächtersfrau im Trauerjahr die Hand gehalten hatte — das war ja ihre eigene Tochter gewesen, und so etwas vergisst eine Mutter nicht. Sie sagte lange nichts, denn sie kannte ihren General: Der brauchte für neue Gedanken Anlauf, und man durfte ihm die Strecke nicht verkürzen. Aber sie sorgte still dafür, dass ihm die Hindernisse aus dem Weg kamen. Die Weltgeschichte nennt so etwas Diplomatie. In Familien heißt es einfach: die Mutter.
Und Georg baute. Seine Häuser wurden gerühmt, seine Pläne gewannen die Preise, die Akademie machte ihn zum Professor, und die Stadt sprach von ihm mit jenem Ton, mit dem sie sonst nur von alten Namen sprach. Die feine Welt, die nicht wusste, woher er kam, sagte untereinander: Man sieht doch gleich, der Mann ist von Herkunft. Und die es wussten, sagten es bald genauso, denn Erfolg ist ein großer Umschreiber von Stammbäumen. Nur Georg selbst machte aus seinem Keller nie ein Geheimnis. Meine Mutter wohnt dort, sagte er ruhig, und die Treppe hinunter ist mir die liebste im Haus.
Dann kam der große Kostümball des Winters. Emilie ging als Psyche, ganz in Weiß, und unter den Gästen war ein schwarzer Domino, der eine Akazienblüte am Mantel trug. Die beiden tanzten, und beim Tanzen braucht man keine Stammbäume, nur Takt, und den hatten sie miteinander seit jeher. Als der Domino sich zuletzt verneigte und die Maske hob, sah der General das Gesicht, das die ganze Stadt rühmte — und es war dasselbe, dem er in seinem eigenen Salon die Tür gewiesen hatte. Zum ersten Mal wollten die beiden Bilder nicht mehr auseinanderbleiben. Der General war alt genug, um noch klug zu werden. Er lud den Professor zu Tisch. Es ist ja, sagte er hinterher großzügig zu jedem, der es hören wollte, offensichtlich ein Mann von ganz besonderer Herkunft.
Über den Ball muss noch gesagt werden, wie es zu der Akazienblüte kam. Es war tiefster Winter, und Akazien blühen im Winter nirgends — außer bei einem Gärtner, der einem hartnäckigen jungen Professor einen Zweig im Glashaus vorgezogen hatte, gegen gutes Geld und ein besseres Lächeln. Emilie erkannte die Blüte, noch ehe sie den Tänzer erkannte, denn diesen Duft gab es für sie nur an einem einzigen Ort der Welt: in einem Hof ihrer Kindheit, treppauf, treppab. Da wusste sie, wer unter der Maske war, und tanzte weiter, ohne ein Wort, nur ein wenig leichter als vorher. Es gibt Botschaften, die kein Briefpapier brauchen. Ein Zweig genügt, wenn der Richtige ihn trägt.
So bekam die Geschichte das Ende, das sie verdiente: eine Hochzeit, bei der die Mutter aus dem Keller obenan saß, wie es sich gehörte, und mit den Jahren drei Enkelsöhne, mit denen der alte General auf dem Teppich Steckenpferd ritt und stolzer war als je auf seine Orden. Die paar Treppen zwischen oben und unten sind im Haus geblieben, aber es ging nun so viel Liebes darauf treppauf und treppab, dass sie keine Welt mehr trennten. Und die Akazie im Hof blühte jedes Jahr aufs Neue und streute ihre Blüten auf alle, die unter ihr spielten — sie hat nie danach gefragt, aus welchem Stockwerk eines kommt. Bäume sind darin weiter als Generäle.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.