Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Der Torwächtersohn · 5 Minuten zu lesen

Der Torwächtersohn — erster Teil

In einem großen Haus in der Stadt wohnte im ersten Stock der Herr General mit seiner Gemahlin und ihrem Töchterchen Emilie, und tief unten im Keller wohnte der Torwächter des Hauses mit seiner Frau und seinem Sohn Georg. Zwischen oben und unten lagen nur ein paar Treppen — und doch eine ganze Welt, wie die Erwachsenen fanden. Die Kinder fanden das nicht. Im Hof stand eine blühende Akazie, und unter der Akazie spielten die beiden miteinander, das feine blasse Generalstöchterchen und der Torwächterjunge mit den wachen Augen, und es war das beste Spielen, das das Haus je gesehen hatte.

Die Akazie im Hof war der heimliche Mittelpunkt des ganzen Hauses. Im Frühjahr hing sie voller weißer Trauben, dass der Hof aussah wie zu einem Fest geschmückt, und ihr Duft stieg treppauf bis in den ersten Stock und treppab bis in den Keller, ohne Unterschied der Herkunft — Düfte sind darin großzügiger als Hausordnungen. Unter ihr wurde Hochzeit gespielt und Kaufmannsladen, unter ihr wurden Geheimnisse getauscht und Splitter aus kleinen Fingern gezogen, und die Generalin oben am Fenster sah zuweilen hinunter und fand, man müsse das wohl dulden, solange die Kinder klein seien. Kinder bleiben aber nicht klein. Das ist der Punkt, an dem solche Geschichten anfangen.

Georg konnte etwas, das sonst niemand im Haus konnte: Er konnte zeichnen. Er zeichnete Emilie das Schloss, in dem sie einmal wohnen würde, mit Türmen und Gärten und einer Zugbrücke, und je öfter er es zeichnete, desto schöner wurde es. Als Emilie einmal lange krank lag, brachte er ihr jede Woche ein neues Blatt vom Schloss hinauf, und die Generalin, die sonst streng auf den Abstand zwischen den Stockwerken hielt, ließ es geschehen, denn das Kind wurde heller davon. Einmal auch, als im Hof beim Spielen Funken aus einem Feuerchen in Emilies Kleidchen sprangen, war es Georg, der schneller war als das Feuer und es mit bloßen Händen ausschlug. Da nickte sogar der General hinunter und sagte sein höchstes Lob: Charmant.

Das gezeichnete Schloss wurde mit den Jahren immer ausführlicher. Es bekam einen Turm für Emilies Puppen und einen Stall für vier Pferde, eine Bibliothek, weil Emilie Bücher liebte, und zuletzt sogar ein kleines Torwächterhaus am Eingang. Und wer wohnt da, fragte Emilie. Da wohne ich, sagte Georg, da muss einer wohnen, der aufpasst, dass dir nichts geschieht. Emilie fand das damals selbstverständlich; Kinder finden das Richtige oft selbstverständlich. Erst die Erwachsenen um sie herum hätten bei diesem Blatt die Stirn gerunzelt — aber die Erwachsenen bekamen es nie zu sehen. Manche Blätter zeigt man nur einem Menschen.

Die Zeichnungen des Jungen kamen herum, wie gute Dinge herumkommen. Ein Professor der Kunstakademie sah sie, dann der alte Graf aus dem Eckhaus, ein freundlicher mächtiger Herr, der Talente sammelte wie andere Leute Gemälde. Der Junge muss lernen, sagte der Graf, und Georg lernte: erst in der Stadt, dann, als junger Mann, weit fort in Rom, wo die Baukunst zu Hause ist. Aus dem Torwächterjungen wurde ein Baumeister, von dem die Zeitungen zu schreiben begannen. Sein Vater, der alte Torwächter, erlebte das Beste davon nicht mehr; er starb, während der Sohn in der Fremde war, und es war Emilie, die in jenen Wochen zu Georgs Mutter in den Keller hinunterging und ihr die Hand hielt. Das vergaß die Mutter nie — und wir merken es uns auch.

In Rom lernte Georg, was man in Rom lernt: dass die Größe alt ist und die Ehrfurcht gesund, und dass einer, der etwas werden will, früh aufstehen muss, weil die Sonne dort die Baustellen schon am Morgen heiß macht. Er lebte karg, schickte der Mutter, was er ersparen konnte, und schrieb Briefe nach Hause, in denen mehr Zuversicht stand, als er manchmal hatte — so machen es die guten Söhne. Nur einen Brief bekam niemand je zu sehen: den, den er nach der Nachricht vom Tod des Vaters begann und nicht zu Ende brachte. Er trug ihn ein Jahr lang bei sich, und dann, an einem Abend über den Dächern Roms, verstand er, dass manche Briefe nicht geschrieben werden wollen, sondern gelebt. Von da an arbeitete er noch einmal so ernst.

So standen die Dinge, als Georg nach Jahren heimkehrte: unten eine Kellerwohnung mit einer stolzen stillen Mutter, oben ein General, der älter geworden war, und dazwischen die paar Treppen, die eine ganze Welt sein sollten. Und auf dem Gut des alten Grafen, wohin der junge Baumeister nun geladen wurde, ging an einem Sommerabend eine junge Dame durch den Garten, fein und hell — Emilie, die das gezeichnete Schloss aus ihren Kindertagen aufgehoben hatte, jedes einzelne Blatt. Wie es weiterging mit den beiden und mit den Treppen dazwischen, das erzählt der zweite Teil. Es lohnt sich; so viel darf verraten werden: Die Akazie im Hof blühte in jenem Jahr besonders reich.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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