Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 4 Minuten zu lesen

Der Teufelsfuß

Auf ärztlichen Rat hin hatte sich Sherlock Holmes für eine Weile von der Arbeit zurückgezogen, um in der einsamen, windumwehten Landschaft von Cornwall auszuruhen. Wir wohnten in einem kleinen Häuschen nahe der Küste, umgeben von Heide, alten Steinen und dem fernen Rauschen des Meeres. Doch die Ruhe währte nicht lange, denn auch hier, in dieser abgelegenen Gegend, ereignete sich ein dunkles und höchst rätselhaftes Unglück, das Holmes’ Geist sogleich wieder erwachen ließ. Ein Nachbar, der Pfarrer, brachte uns die erschütternde Nachricht: In einem nahen Haus, bei der Familie Tregennis, sei in der Nacht etwas Furchtbares geschehen.

Drei Geschwister, erzählte man, hätten am Abend noch friedlich beisammengesessen und Karten gespielt. Am Morgen aber fand man sie auf schreckliche Weise verändert: Die Schwester war leblos, und die beiden Brüder saßen mit starrem Blick und verwirrtem Geist da, als hätten sie in der Nacht ein unbegreifliches Grauen erlebt. Auf allen Gesichtern lag derselbe Ausdruck des Entsetzens, und doch fand sich keine Spur von Gewalt, keine Wunde, kein Gift im üblichen Sinne. Es war, als habe eine unsichtbare Macht zugeschlagen. Die einfachen Leute der Gegend flüsterten von Teufelswerk. Holmes aber sagte ruhig: Es gibt für alles eine irdische Erklärung, Watson. Wir müssen sie nur finden.

Bald geschah ein zweites Unglück: Auch Mortimer Tregennis, der vierte Bruder, der die Geschwister am Abend zuvor verlassen hatte, wurde tot aufgefunden, allein in seinem Zimmer, mit demselben Ausdruck des Schreckens, eine Lampe neben sich. Holmes untersuchte den Raum mit größter Sorgfalt und bemerkte etwas Feines: einen Rest pulvriger Asche auf dem Schirm der Lampe. Hier liegt der Schlüssel, sagte er leise. Ich vermute, dass ein seltenes Gift verbrannt wurde, ein Pulver aus der Wurzel einer fernen afrikanischen Pflanze, die man den Teufelsfuß nennt. Wird sie im geschlossenen Raum verglüht, so erfüllt ihr Rauch die Luft und ruft jenes furchtbare Grauen, jene Verwirrung des Geistes hervor, ja den Tod.

Um seine Vermutung zu prüfen, wagte Holmes einen kühnen Versuch: Er entzündete eine winzige Menge des Pulvers, und schon nach wenigen Augenblicken spürten wir beide, wie eine unsägliche Beklemmung uns überkam. Doch Holmes hatte achtgegeben; rasch zog er mich mit hinaus an die frische Luft, wo der Spuk von uns abfiel. Verzeihen Sie, Watson, sagte er erschüttert. Ich hätte Sie dieser Gefahr nicht aussetzen dürfen. So aber war der Beweis erbracht.

Nun fügte sich das traurige Bild zusammen. Es zeigte sich, dass Mortimer Tregennis selbst der Urheber des ersten Unglücks war: Aus Habgier und altem Familienzwist hatte er das tödliche Pulver heimlich auf die Lampe seiner Geschwister gestreut, ehe er sie verließ, und sie so dem Grauen preisgegeben. Doch seine Tat blieb nicht ungesühnt. Es gab einen Mann, der die sanfte Schwester der Tregennis von Herzen geliebt hatte, einen berühmten Afrikaforscher und Löwenjäger namens Doktor Leon Sterndale. Als dieser erfuhr, dass Mortimer seine geliebte Brenda auf so ruchlose Weise umgebracht hatte, übte er auf eigene Faust Vergeltung: Mit demselben Pulver, das ursprünglich ihm gehört hatte und das Mortimer ihm entwendet hatte, ließ er den Mörder dasselbe Schicksal erleiden, das dieser über die Unschuldigen gebracht hatte. So hatte die Vergeltung den Mörder ereilt, und das Grauen war auf den zurückgefallen, der es entfesselt hatte.

Holmes durchschaute auch dies und stellte den Afrikaforscher zur Rede. Sterndale, ein gebrochener, von Trauer erfüllter Mann, leugnete nichts. Er erzählte von seiner großen, verbotenen Liebe zu Brenda, die er nie hatte heiraten können, und von seinem Schmerz, als er sie verloren hatte. Ich bereue nichts, sagte er. Der Mann, den ich richtete, war ein kaltblütiger Mörder seiner eigenen Schwester. Holmes sah ihn lange an. Dann traf er eine Entscheidung, wie er sie nur selten traf: Er ließ den trauernden Mann ziehen. Ich bin nicht von der Polizei beauftragt, sagte er ruhig. Und ich maße mir nicht an, härter zu urteilen als mein eigenes Gewissen. Kehren Sie zurück nach Afrika, Doktor Sterndale, zu Ihrer Arbeit, und tragen Sie Ihren Kummer in Frieden. Der Forscher dankte ihm stumm und ging, hinaus in die Welt, um sich in der Wildnis zu verlieren, die er liebte.

So endete das Grauen von Cornwall, ein dunkles Rätsel, das sich in eine traurige Geschichte von Habgier, Liebe und Vergeltung auflöste, und ein Akt der Milde von Sherlock Holmes. Nun ist es still; nur das ferne Rauschen des Meeres ist zu hören, der Wind streicht sanft über die Heide, und alles Schwere ist vergangen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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