Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Stormen flytter Skilt · 3 Minuten zu lesen

Der Sturm zieht mit den Schildern um

In alten Zeiten, erzählte der Großvater, da hatten die Handwerkszünfte noch ihre großen Umzüge. Wenn eine Zunft ihr Schild an ein neues Haus trug, dann ging das mit Musik und Fahnen durch die ganze Stadt, die Schuster voran mit einem Stiefel aus blankem Leder, so groß wie eine Wiege, die Schneider mit einer Schere, die zwei Mann tragen mussten, und die Bäcker mit einer goldenen Brezel an einer Stange. Das war ein Staat, sagte der Großvater, und wir Jungen liefen nebenher und kannten jedes Schild der Stadt auswendig, denn die Schilder, das waren damals die Bilderbücher der Straße.

Nun kam aber in einem Herbst ein Sturm über die Stadt, wie ihn die Ältesten nicht erlebt hatten. Er kam bei Nacht, riss an den Dächern und pfiff durch die Gassen — und am Morgen zeigte sich, was er angerichtet hatte: keinen großen Schaden an Haus und Leuten, aber einen heillosen Spaß mit den Schildern. Der Wind hatte sie abgehoben und durcheinandergeweht und im Weiterfliegen wieder aufgehängt, wie es ihm gerade passte. Über der Schule hing das Schild des Zuckerbäckers, was die Jungen sehr begrüßten. Über der Ratsstube hing der Vogelkäfig des Vogelhändlers, worüber die Stadt lange nachdachte. Der Barbier hatte das Schild der Bäckerei, und wer sich rasieren ließ, verlangte hinterher aus Gewohnheit zwei Semmeln dazu.

Auch dem Apotheker war ein Streich gespielt worden: Vor seiner Tür hing am Morgen das Schild der Tanzschule, Unterricht in feiner Bewegung, und die Leute, die ihre Tropfen holten, taten den ganzen Tag besonders zierliche Schritte auf seiner Schwelle, um dem Schild gerecht zu werden. Der Apotheker selbst, ein ernster Mann, ließ es eine volle Woche hängen, länger als jeder andere. Es sei, sagte er, gegen Trübsinn das Beste, was seine Offizin je im Angebot gehabt habe.

Am schönsten aber traf es das Wirtshaus Zum goldenen Anker: Dem hatte der Sturm das Schild der Leihbibliothek vor die Tür gehängt, Stille Einkehr für den Geist, und die Gäste, die abends kamen, wurden davon merkwürdig sanft und redeten leiser als sonst. Es dauerte Wochen, bis alle Schilder wieder an ihren richtigen Plätzen hingen, und ein paar Verwechslungen hielten sich hartnäckig; noch Jahre später gingen alte Leute zum Schuster, wenn ihnen ein Zahn wehtat, aus reiner Gewohnheit von damals. Und die Stadt hatte eine Redensart mehr: Wenn irgendwo etwas gründlich durcheinandergeriet, sagte man, da sei wohl der Sturm mit den Schildern umgezogen.

Der Großvater wusste auch noch, wie die Stadt in jenen Wochen miteinander umging: nachsichtiger als sonst, denn niemand konnte ja sicher sein, unter dem richtigen Schild zu stehen. Man fragte lieber zweimal freundlich nach, ehe man irgendwo eintrat, und man lachte viel, meistens über sich selbst, und das ist die gesündeste Sorte. Ein wenig davon, meinte der Großvater, hätte ruhig bleiben dürfen, auch nachdem die Schilder wieder festgeschraubt waren.

Der Großvater beschloss seine Geschichte immer gleich: So einen Sturm, Kinder, erlebt man nur einmal, und es ist gut, wenn man ihn nur aus Geschichten kennt. Aber ein bisschen, gab er dann zu, ein ganz kleines bisschen wünsche er sich manchmal, noch einmal am Morgen danach durch die Stadt zu gehen, wenn die Welt kopfstand und niemand böse darüber war. Heute hängen die Schilder fest, mit ordentlichen Schrauben, und der Wind mag rütteln, wie er will. Nur nachts, wenn er um die Ecken geht, hört man ihn manchmal an den Blechschildern fingern, ganz leise, wie einer, der an alte Streiche denkt. Er darf ruhig fingern. Die Schrauben halten, und die Stadt schläft längst.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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