Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Sommergarten und der Wintergarten

Ein Kaufmann wollte über Winter noch einmal auf die Messe, und ehe er den Schlitten anspannte, fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. Die älteste wünschte sich ein schönes Kleid, die zweite ein Paar hübsche Schuhe. Die jüngste stand am Ofen und wärmte sich die Hände und sagte, ich wünsche mir eine Rose. Die anderen lachten, denn draußen stand alles im Schnee, und wo sollte um diese Zeit eine Rose herkommen. Der Vater aber versprach es ihr, weil er ihr nie etwas abschlug.

Das Kleid fand er, und die Schuhe fand er auch. Nach einer Rose fragte er in jedem Gasthof und an jedem Stand, und die Leute sahen ihn an, als sei er nicht recht bei Verstand. Auf dem Heimweg wurde es früh dunkel, und der Weg ging durch einen Wald, in dem der Schnee von den Ästen fiel, wenn ein Vogel aufflog. Da sah er zwischen den Stämmen eine Mauer, und hinter der Mauer ein Schloss, und davor lag ein Garten, dessen Tor offen war.

Er ging hinein und blieb nach drei Schritten stehen. Der Garten war zur einen Hälfte Winter und zur anderen Hälfte Sommer. Rechts lagen die Beete kahl unter tiefem Schnee, und die Zweige waren weiß und hart, und die Luft schnitt in die Backen. Links blühten die schönsten Blumen, große und kleine, das Gras stand grün, Bienen gingen darüber, und es roch warm wie an einem Abend im Juni. Mitten hindurch lief eine Linie, so gerade, als hätte jemand sie gezogen, und keine Flocke fiel über sie hinüber.

Auf der Sommerseite standen die Rosen. Der Kaufmann dachte an das Gesicht seiner jüngsten Tochter, ging hin und brach eine ab, die schönste, die er sah, und steckte sie in den Mantel. Dann ging er hinaus und stieg auf und wollte weiterfahren. Er war noch nicht weit, da hörte er hinter sich etwas laufen, und eine Stimme rief, du gibst mir meine Rose wieder, oder ich mache dich tot.

Der Kaufmann hielt an und sah sich um, und da stand ein schwarzes Tier im Schnee, so schwarz, dass man nichts an ihm unterscheiden konnte als die Augen. Lass mir die Rose, sagte er, sie ist für meine jüngste Tochter, und die ist die schönste, die es gibt. Da sagte das Tier, gut, so behalte die Rose. Aber dann gibst du mir deine schöne Tochter zur Frau. Der Mann sagte in seiner Angst ja und dachte, es wird schon nichts daraus werden, und fuhr weiter. Das Tier aber rief ihm nach, in acht Tagen komme ich und hole meine Braut. Er sah sich nicht mehr um und war froh, als die Lichter seines Hauses kamen.

Zu Hause verteilte er das Kleid und die Schuhe, und zuletzt zog er die Rose hervor, und sie war so frisch, als wäre sie eben geschnitten worden. Die jüngste stellte sie ins Wasser und sah sie den ganzen Abend an. Von dem Tier sagte der Vater kein Wort. Am achten Tag aber saßen die drei Schwestern allein beisammen am Tisch, da kam etwas mit schwerem Gang die Treppe herauf, und an der Tür rief es, macht auf, macht auf. Sie machten auf, und das schwarze Tier trat herein und sagte, weil die acht Tage herum sind, hole ich sie mir selbst. Es fasste das Mädchen an und trug es fort, und niemand konnte es halten, und als der Vater heimkam, war sein liebstes Kind nicht mehr da. Der Schnee auf dem Hof war danach nur ein wenig zertreten, sonst hätte man meinen können, es sei nichts gewesen.

Im Schloss geschah ihr nichts Böses. Es war warm dort, es brannten Kerzen, und irgendwo spielte leise eine Musik, von der man nie herausfand, woher sie kam. Sie bekam alles, was sie brauchte, noch ehe sie es aussprach. Nur beim Essen musste sie dem Tier aufschöpfen, sonst rührte es nichts an. So saßen sie jeden Abend beieinander, sie auf dem Stuhl und das Tier auf dem Boden neben dem Feuer, und es sprach wenig, und mit der Zeit fürchtete sie sich nicht mehr vor ihm.

Sie ging in den Garten hinaus, wenn sie unruhig war, und stellte sich auf den Streifen, wo der Winter aufhörte. Auf der einen Wange spürte sie den Frost und auf der anderen die Wärme, und das gefiel ihr, sie wusste selbst nicht, warum. Das schwarze Tier kam manchmal mit und legte sich in den Schnee, weil ihm der Sommer zu heiß war. Weil es keinen Namen hatte und sie es doch rufen wollte, gab sie ihm einen, den sie sich selbst ausgedacht hatte, und sie sprach ihn nur aus, wenn sie mit ihm allein zwischen den Beeten stand. Sie gewann es lieb, wie man ein Tier lieb gewinnt, das immer da ist und nie etwas verlangt.

Eines Tages sah es sie an und sagte, du bist traurig geworden. Komm mit. Es führte sie in einen Saal, in dem ein großer Spiegel hing, und sagte, da schau hinein. Sie sah ihre Stube daheim, so nah, als stünde sie darin, sie sah den Krug auf dem Sims und den Riss in der Ofenkachel, und sie sah ihren Vater im Bett liegen, und er war wirklich krank vor Herzeleid, und ihre beiden Schwestern saßen dabei und weinten. Der Spiegel gab keinen Ton her, und sie sah, wie ihr Vater den Mund bewegte, ohne dass etwas zu hören war. Geh nur hin, sagte das Tier, aber versprich mir, dass du in acht Tagen wieder da bist. Bleib ja nicht länger aus.

Sie ging heim, und der Vater freute sich so, dass er sich im Bett aufsetzte und nach einer Suppe verlangte. Aber es wurde nicht besser mit ihm, sondern schlechter, und nach wenigen Tagen starb er. Da war die Zeit vergessen. Sie blieb, bis er begraben war, und der Boden war so hart gefroren, dass die Männer zwei Tage brauchten, und danach blieb sie noch, weil ihre Schwestern weinten und weil man nach einem Begräbnis nicht einfach aufsteht und geht. Erst als sie eines Morgens am Fenster stand und sah, wie das Tauwasser von den Dächern lief, fiel ihr ein, dass die acht Tage längst herum waren.

Sie machte sich sogleich auf und kam abends an das Schloss, und es war nicht mehr wie vorher. Keine Musik. Kein Licht in den Fenstern. Als sie hineinging, hing alles voll schwarzem Flor, die Spiegel, die Stühle, die Türen, und ihre Schritte klangen so laut, dass sie leiser ging. Sie rief nach dem Tier durch alle Zimmer, sie ging in die Küche und in den Keller und ganz hinauf unter das Dach. Es war nirgends. Zuletzt öffnete sie die Tür zum Garten und trat hinaus, und der Garten war ganz Winter geworden, bis an die Mauer hin, kein Gras mehr, keine Blume, nur Schnee auf allen Beeten.

Hinter den Beeten, wo die Rosen gestanden hatten, lag ein Haufen alter Kohlhäupter, den jemand zusammengeworfen hatte, und der Schnee war darüber gefallen. Etwas Schwarzes sah daraus hervor. Sie räumte die Häupter mit bloßen Händen weg, und darunter lag das Tier, ganz still, und rührte sich nicht mehr. Sie kniete in den Schnee und legte die Hand darauf und spürte nichts. Dann stand sie auf und lief zum Brunnen und schöpfte, und das Wasser war so kalt, dass ihr die Finger weh taten.

Sie begoss es damit und ging wieder zum Brunnen und begoss es noch einmal und hörte nicht auf damit, und sie sagte dabei immerzu den Namen, den sie ihm gegeben hatte. Beim wievielten Mal es war, wusste sie nachher nicht. Auf einmal ging ein Zittern durch das schwarze Fell. Das Tier machte einen Sprung in die Höhe, und in der Bewegung war es keins mehr, sondern ein junger Prinz stand da im Schnee, ohne Mantel, und sah sie an und atmete.

Später am Abend gingen sie noch einmal hinaus. Der schwarze Flor war von den Spiegeln und den Türen genommen, drinnen brannten wieder die Kerzen, und irgendwo hatte die leise Musik von selbst wieder angefangen. Sie gingen den Weg zwischen den Beeten entlang bis dorthin, wo der Garten sich teilt, und dort blieben sie stehen. Vor ihnen war es Sommer und hinter ihnen Winter. Sie standen genau auf der schmalen Linie, auf der der Schnee zu Ende geht und das Gras anfängt, und es war so still, dass man den Frost unter dem einen Fuß knirschen hörte und unter dem anderen die Halme, die sich langsam wieder aufrichteten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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