Frei nach Hans Christian Andersens Sneemanden · 6 Minuten zu lesen
Der Schneemann
Es knackt und knistert in mir, so herrlich kalt ist es, sagte der Schneemann. Der Wind kann einen wirklich beleben. Und wie die Glühende dort drüben glotzt! Damit meinte er die Sonne, die eben unterging. Mich soll sie nicht zum Wackeln bringen, ich stehe fest. Der Schneemann hatte zwei Dachziegelstücke als Augen und den Rest eines alten Rechens als Mund, und darum konnte er sogar lächeln, wenn auch etwas zackig. Die Jungen hatten ihn am Morgen gebaut, mitten im Hof, und er war ihnen gut gelungen.
Als die Sonne fort war, stieg auf der anderen Seite der Mond herauf, rund und blank. Da kommt sie schon wieder, sagte der Schneemann, ich habe sie mir nur eben abgewöhnt. Nun mag sie dort hängen und leuchten, damit ich mich selber sehen kann. Der alte Kettenhund vor seiner Hütte hob den Kopf. Die Sonne wird dich schon laufen lehren, sagte er heiser. Das da oben ist der Mond, und das vorhin, das war die Sonne, und wenn sie wiederkommt, wirst du es merken. Der Schneemann verstand das nicht, aber es klang, als wüsste der Hund Bescheid.
Die Nacht war hoch und klar, und der Schneemann bekam seinen ersten Sternenhimmel zu sehen. Er fand ihn gelungen. Das da oben, sagte er zum Kettenhund, sind wohl auch so kleine Glühende? Das sind die Sterne, sagte der Hund, die sind weit weg und tun keinem etwas. Weit weg und tun keinem etwas, wiederholte der Schneemann zufrieden, das nenne ich eine gute Einrichtung. Und dann standen sie beide still und sahen hinauf, der eine, weil er zum ersten Mal sah, der andere, weil er es nie müde geworden war, und der Frost knisterte dazu im Zaun wie ein kleines Feuer, das nicht wärmt.
In der Nacht kam Frost, und am Morgen war die Welt ein Wunder: Jeder Zweig stand weiß und glitzernd, der ganze Garten war wie ein Wald aus Korallen, und als die Sonne aufging, funkelte es über allen Bäumen, als sei Diamantstaub gestreut. Ein junges Paar ging durch den Hof, blieb stehen und sah den Schneemann an. Sieh, sagte das Mädchen, ein prächtigerer steht in diesem Winter nirgends. Der Schneemann hörte es wohl und fühlte sich noch einmal so fest.
Am Tag kamen die Jungen, die ihn gebaut hatten, und besserten ihn aus: Der eine drückte ihm die Dachziegelaugen fester, der andere brachte ihm einen alten Hut, und ein dritter opferte einen halben Schal. Nun bist du der feinste Mann im Hof, sagten sie, und der Schneemann glaubte es aufs Wort. Er stand den ganzen Nachmittag ein wenig gerader als vorher. Der Kettenhund sah zu und sagte nichts. Er kannte das mit den Hüten: Sie machen stolz, aber sie halten nicht warm, und gegen das, was kommen sollte, half kein Schal der Welt. Aber warum soll man einem glücklichen Schneemann den Winter verderben? Der Hund war alt genug, um schweigen zu können.
Gegen Mittag aber sah der Schneemann durch das Kellerfenster des Hauses in die Stube der Haushälterin — und da stand der Ofen, schwarz und blank, mit einem Feuerschein im Bauch. Ein wunderliches Gefühl überkam den Schneemann, ein Ziehen und Sehnen, das er sich nicht erklären konnte. Da hinein muss ich, sagte er, da hinunter, zu ihr. Der Kettenhund sagte: Dahin kommst du nie, und wenn du zum Ofen kommst, dann bist du weg, weg, weg.
Von seinem Platz aus konnte der Schneemann genau in die Kellerstube sehen, und abends, wenn drinnen angezündet wurde, begann für ihn die schönste Stunde. Erst kam der kleine Feuerschein, dann das warme rote Glühen, das über die Stubendecke lief, und manchmal öffnete jemand die Ofentür, und dann leuchtete es bis über den Hof herauf und lag rosig auf dem Schnee. Der Schneemann fühlte dann etwas, wofür er kein Wort hatte. Es zog in ihm, es sehnte sich, es war beinahe wie Schmelzen und doch süß. So etwas Schönes, dachte er, und so etwas Fernes. Und er konnte die Augen nicht abwenden, denn Dachziegelaugen können das nicht, die sind immer offen.
Ich habe hinter so einem Ofen gelegen, erzählte der Kettenhund in einer dieser blauen Stunden, damals, als ich jung war und Ami hieß und drinnen wohnte. Auf einem Samtkissen habe ich gelegen, gnädige Hände haben mich gekrault, und der Ofen schnurrte die ganze Nacht wie ein großes schwarzes Tier, das es gut mit einem meint. Und warum bist du nicht mehr drinnen, fragte der Schneemann. Ich habe gebissen, sagte der Hund ehrlich, einmal, den falschen Menschen am falschen Tag. Seither die Kette. Siehst du, sagte er dann, das ist der Unterschied zwischen uns: Ich darf nicht mehr zum Ofen. Du kannst nicht zum Ofen. Aber das Sehnen, das ist bei uns beiden dasselbe, und es wird abends schlimmer.
So verging der Winter, Tag um kalten Tag, und der Schneemann sehnte sich, und der Hund erzählte noch manches, und nachts knackte der Frost in den Zäunen, und das war eine Gesellschaft, mit der sich leben ließ.
Dann drehte der Wind, und das Tauwetter kam. Es tropfte von den Dächern, der Schnee wurde grau und müde, und der Schneemann wurde von Tag zu Tag kleiner und sagte kein einziges Klagewort. Eines Morgens war er in sich zusammengesunken, und wo er gestanden hatte, ragte nur noch ein Besenstiel auf — der Stiel eines alten Ofenkratzers, um den die Jungen ihn gebaut hatten. Sieh an, sagte der Kettenhund, ein Ofenkratzer hat in ihm gesteckt. Darum also die Sehnsucht. Nun hat sie ein Ende. Und er legte den Kopf auf die Pfoten.
Bald darauf war auch der Winter zu Ende. Die Mädchen sangen im Hof das alte Frühlingslied vom Waldmeister und vom Weidenbaum, und die Sonne bekam wieder warme Hände. An den Schneemann dachte dann niemand mehr — nur der Kettenhund vielleicht, an manchen kühlen Abenden, wenn er die Schnauze nach dem Keller drehte, in dem der Ofen leise bullerte. Aber so ist es mit den Schneemännern: Sie kommen mit dem ersten Schnee, sie gehen mit dem letzten, und dazwischen stehen sie still im Hof und sehen freundlich in die Welt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.