Andreas’ Nacht

Nach Ludwig Bechstein · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Schmied von Jüterbog

Am Rand der Stadt Jüterbog stand eine Schmiede, und in ihr brannte auch dann noch Feuer, wenn in der ganzen Gasse sonst nichts mehr brannte. Draußen lag der Januar über den Feldern, hart und weiß, und die Pfützen auf dem Weg waren bis auf den Grund gefroren. Drinnen aber war es so warm, dass die Reisenden die Handschuhe auszogen, ehe sie richtig eingetreten waren. Über der Esse hing der Ruß in Fäden, und im Halbdunkel glomm die Kohle rot vor sich hin.

Der Schmied hieß Peter. Er war als junger Bursche in die Welt gegangen und hatte sich einen Namen gemacht, weil ihm keiner die Rüstungen so härtete wie er, und der Kaiser hatte ihn zu seinem Rüstmeister gemacht und ihn mitgenommen, als das Heer über die Berge nach Mailand und nach Apulien zog. Von dort war er zurückgekommen, alt und wohlhabend, und dann war er noch einmal alt geworden. Wie viele Jahre er zählte, wusste in Jüterbog niemand mehr, und er selber rechnete nicht nach.

An einem Abend im Winter hielt vor seiner Tür ein kleines graues Männchen auf einem Esel. Der Weg sei glatt, sagte es, und das Tier habe sich das Eisen abgelaufen. Der Schmied nahm den Huf zwischen die Knie und arbeitete, und das Männchen sah ihm zu und sprach nicht. Als es zahlen wollte, wehrte Peter ab. Für einen Huf am Abend nehme er nichts, sagte er, und schob die Tür wieder zu, damit die Wärme im Haus blieb. Der Esel stand geduldig daneben und ließ den Kopf hängen.

Da nahm das Männchen zwei Eisenstangen von der Wand, wog sie in der Hand, und als es sie zurücklegte, klangen sie anders am Holz, denn sie waren aus Silber. Drei Wünsche hast du frei, sagte es, und es sah dabei nicht auf die Stangen, sondern auf den Schmied. Aber vergiss das Beste nicht. Peter dachte an den Birnbaum vor der Tür, an dem ihm die Jungen jedes Jahr die harten grünen Birnen herunterholten, ehe eine einzige reif geworden war, und er lachte und wünschte, dass keiner mehr von diesem Baum herunterkomme ohne seinen Willen.

Vergiss das Beste nicht, sagte das Männchen noch einmal und trat einen Schritt näher an die Esse, so dass ihm die Kohle von unten ins Gesicht schien. Der Schmied dachte an seine Stube hinter der Werkstatt, an die Bank am Ofen und daran, wie oft ihm einer die Tür aufriss und die Kälte hereinließ, ohne zu fragen. So wünsche ich, sagte er, dass keiner ohne meine Erlaubnis über diese Schwelle kommt, es wäre denn durch das Schlüsselloch. Das Männchen antwortete nicht gleich. Draußen scharrte der Esel mit dem neuen Eisen auf den Steinen.

Vergiss das Beste nicht, sagte das Männchen zum dritten Mal, und es sagte es leise, und Peter merkte, dass es das letzte Mal war. Er sah sich um in seiner Werkstatt, an der Wand entlang, über die Zangen und die Feilen hin, und blieb an dem steinernen Krug auf dem Sims hängen, aus dem er abends trank, wenn das Feuer niedrig wurde. Das Beste, sagte er, das Beste ist ein guter Schnaps nach einem langen Tag. Und so wünsche ich, dass dieser Krug niemals leer wird.

Das Männchen sah ihn lange an und sagte nichts mehr dazu. Es stieg auf den Esel und ritt in die Nacht hinaus, und der neue Huf klang auf dem gefrorenen Weg heller als die drei anderen, immer der vierte Schlag, bis auch das nicht mehr zu hören war. Peter schob den Riegel vor, nahm den Krug vom Sims und fand ihn voll bis an den Rand, und es roch nach Wacholder. Er trank einen Schluck, stellte ihn zurück und war mit dem Abend zufrieden.

Es vergingen Jahre, mehr als Peter zählte, und an einem Abend im Herbst stand der Tod in der offenen Tür und sagte, es sei so weit. Der Schmied legte den Hammer hin und wischte sich die Hände am Schurz ab. Das treffe sich gut, sagte er, er habe nur noch eine einzige Bitte. Oben im Birnbaum hängen die letzten, und meine Knie tragen mich die Leiter nicht mehr hinauf. Hol sie mir herunter, dann gehe ich mit dir, und du sollst nicht lange warten müssen.

Das war kein großes Verlangen, und der Tod stieg hinauf. Die Rinde war feucht vom Nebel, und die Äste gaben unter ihm nach und federten hinter ihm zurück. Oben in der Krone hingen die letzten Birnen, klein und braunfleckig und hart, und er pflückte eine nach der anderen und ließ sie fallen, und jede kam mit einem dumpfen Ton unten im nassen Gras an. Der Schmied stand darunter, hielt den Kopf im Nacken und sah zu und zählte nicht mit.

Als der Ast leer war, wollte der Tod wieder herunter. Er setzte den Fuß und kam nicht weiter, er griff nach dem Stamm und blieb, wo er war, und die Zweige über ihm bewegten sich und wurden wieder still. Peter las die Birnen aus dem Gras auf und sammelte sie in seiner Schürze, eine nach der anderen, und sie waren nass und kalt in der Hand. Bleib nur sitzen, sagte er, ging hinein und zog die Tür zu, und drinnen fing das Feuer wieder an zu ziehen.

Er saß dort den Winter und das Frühjahr und den Sommer, und der Schmied ging unter ihm her und schürte sein Feuer. In der Zeit starb kein Mensch mehr. Die Alten lagen in ihren Betten und wurden nicht müder und nicht kränker, sondern blieben, wie sie waren, und die Leute wussten nicht mehr, ob sie darüber froh sein sollten. Der Tod aber wurde immer dünner, bis er nur noch ein dürres Gestell war, das in den Zweigen klapperte, wenn der Wind ging.

Zuletzt war von ihm nicht mehr übrig als Haut und Knochen. Da kam der Tod zu einem Vergleich. Er versprach dem Schmied, ihn fürderhin in Ruhe zu lassen, wenn er ihn nur wieder herunterlasse, und Peter ließ ihn los, und im Land wurde wieder gestorben wie zuvor, nur in der Schmiede nicht. Der Tod aber trug es ihm nach und hetzte ihm den Teufel auf den Hals. In die Stube hinein kam der nicht, so sehr er es versuchte, und es blieb ihm nur das Schlüsselloch. Der Schmied hielt mit seinen Gesellen einen ledernen Sack davor, und als der Teufel hindurchfuhr, banden sie den Sack zu, legten ihn auf den Amboss und taten ein paar Schläge darauf, ohne sich groß anzustrengen, und danach hat sich in Jüterbog nie wieder jemand über den Teufel beklagt.

So lebte er weiter, und weil er nicht sterben konnte, sah er die Kinder groß werden und alt werden und sah ihre Enkel in seiner Werkstatt stehen. Irgendwann machte ihm das Feuer keine Freude mehr. Er ließ die Kohle ausgehen, hängte die Zange an den Nagel, schloss die Tür ab und nahm nur seinen Hammer mit. Dann machte er sich auf den Weg dorthin, wo er meinte, dass man ihn nach so vielen Jahren wohl einlassen werde. Die Nachbarn nannten ihn längst nicht mehr beim Namen, sondern nur den Alten.

An der Himmelstür stand ein Mann mit einem Schlüsselbund, und der Schmied erkannte ihn sofort, denn es war das graue Männchen vom Esel. Sankt Peter sah ihn an, nicht unfreundlich, und sagte, drei Wünsche habe er gehabt und dreimal sei er gewarnt worden. Den Birnbaum hast du bedacht, sagte er, und die Stube und den Krug. Die Seligkeit hast du vergessen. Und die Tür blieb zu, und der Schmied stand davor und wusste nichts zu erwidern.

Er ging also hinunter zum anderen Tor und klopfte dort an. Aber kaum sah der Teufel, wer da stand, und kaum erkannte er den Hammer unter dem Arm, da schob er den Riegel vor und rief durch das Holz, für den sei hier nichts frei, weder heute noch später, und er solle gehen, wohin er wolle, nur nicht hierher. Dann wurde es still hinter dem Tor, und Peter drehte sich um und stieg den Weg wieder hinauf, den er gekommen war. Es roch dort nach kaltem Rauch.

Da fiel ihm der Berg ein, in dem der alte Kaiser sitzt, dem er einst die Rüstungen gehärtet hatte, und er ging hin und wurde eingelassen. Der Kaiser fragte ihn als Erstes, ob die Raben noch um den Turm flögen, und als Peter es bejahte, seufzte der Alte und sagte weiter nichts. Man sagt, der Schmied beschlage dort unten die Pferde des Kaisers und die der Prinzessin und warte mit den anderen. In Jüterbog steht die Schmiede leer. Auf dem Rathsfeld aber, nahe am Kyffhäuser, steht ein alter Birnbaum, dürr und schwarz, und er soll wieder ausschlagen, wenn die Stunde kommt. Bis dahin liegt der Schnee in seinen Astgabeln, und die Spatzen sitzen darin und schütteln ihn herunter.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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