Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 10 Minuten zu lesen

Der Schläfer und der Erwachte

In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch im Glanz seiner größten Tage lag und der Tigris die Spiegelbilder tausend erleuchteter Fenster in sich trug, da lebte in einer der engen, wohlriechenden Gassen der Stadt ein Mann namens Abu Hassan. Er war ein Händler von mittlerem Wohlstand, kein reicher Mann, aber auch kein armer, der seinen Laden am Basar mit Gewürzen und getrockneten Früchten führte und jeden Abend mit dem stillen Zufriedensein eines Menschen heimkehrte, der seine Arbeit getan hat. Sein Haus war schlicht, aber sauber, mit einem kleinen Innenhof, in dem ein einziger Orangenbaum wuchs, dessen Duft in den Sommernächten so schwer und süß war, dass man davon träumen konnte, ohne einzuschlafen.

Abu Hassan liebte diesen Baum und die Stille unter ihm, und es war sein tägliches Ritual, nach dem Abendgebet noch eine Weile dort zu sitzen und dem Rauschen der Stadt zu lauschen, die sich langsam in die Nacht zurückzog. Doch Abu Hassan trug auch einen Wunsch in sich, den er selten aussprach und den er selbst kaum zu denken wagte: Er wünschte sich, für einen einzigen Tag der Kalif zu sein.

Nicht aus Gier nach Macht, nicht aus Hochmut, sondern aus jener kindlichen Neugier, die manche Menschen nie ganz verlassen, die Frage: Wie fühlt es sich an, in dem anderen Leben zu wohnen? Was sieht man von dort oben, wo der Palast über der Stadt steht wie der Mond über dem Wasser? Dieser Wunsch lebte still in ihm wie eine kleine, beständige Flamme in einer windgeschützten Lampe, und er sprach ihn niemals aus, denn er wusste, dass solche Wünsche im Aussprechen sterben.

Doch das Schicksal, es hört auch die Gedanken, die man nicht denkt, und die Wünsche, die man nicht ausspricht. Denn in jenen Nächten pflegte Harun ar-Raschid, der Kalif und Beherrscher der Gläubigen, seine eigene Art von Sehnsucht zu pflegen: Er verkleidete sich als einfacher Händler oder Wanderer und zog durch die Gassen seiner Stadt, um zu hören, was die Menschen wirklich dachten, was sie wirklich brauchten, wie das Leben sich anfühlte ohne den schweren Mantel der Herrschaft.

Er liebte diese Nächte mit einer Intensität, die er seinem Wesir Dschafar nur andeutungsweise gestand, und in denen er mehr über seine Stadt lernte als in hundert Stunden des Audienzhaltens. So begab es sich an einem Abend, als der Mond noch jung und schmal war und die Gassen von Bagdad in ein weiches, bläuliches Licht getaucht lagen, dass Harun ar-Raschid in der Nähe von Abu Hassans Haus vorbeikam. Er hörte Musik, leise, von einer Laute gespielt, dazu eine angenehme Stimme, die ein altes Lied sang, und sein Schritt verlangsamte sich unwillkürlich.

Der Kalif trat an die offene Tür und sah im Schein einer Öllampe Abu Hassan sitzen, allein mit seiner Laute und seiner Stille. Abu Hassan blickte auf, erschrak zunächst, lud den vermeintlichen Fremden dann aber mit der Großzügigkeit ein, die dem echten Gastgeber eigen ist: ohne Fragen, ohne Zögern, mit Datteln und Wasser und einem Platz auf der Matte neben dem Orangenbaum. Sie sprachen lange miteinander, über die Stadt, über Händler und Träume, über das Leben in den Gassen und das Leben in den Palästen, von dem Abu Hassan nur träumte. Der Kalif hörte zu mit der stillen Freude eines Mannes, der endlich die Wahrheit hört, und Abu Hassan sprach mit der Offenheit eines Menschen, der nicht weiß, wem er gegenübersteht.

Und als der Abend tief wurde und der Wein der Gastfreundschaft, ein süßer Kräutertrank, der nach Minze und Kardamom duftete, Abu Hassan in einen friedlichen Schlaf zog, da saß Harun ar-Raschid noch eine Weile still und betrachtete diesen einfachen Mann, der so zufrieden aussah im Schlaf wie ein Kind. Und in ihm reifte ein Plan, verspielt, gütig, von jener Sorte, die nur großen Herrschern einfällt, die noch genug Kind in sich bewahrt haben. Er gab seinen Begleitern ein Zeichen, und in der Stille jener Nacht wurde Abu Hassan, sanft, ohne zu erwachen, auf einer Sänfte in den Palast des Kalifen getragen.

Man zog ihm neue Gewänder an, legte ihn auf ein Bett aus Seide und Brokat, dessen Pfosten aus Zedernholz geschnitzt und mit Einlagen aus Perlmutt verziert waren, und stellte Diener und Dienerinnen zu seinem Haupt, die darauf warteten, dass er erwache. Die Öllampen brannten in goldenen Leuchtern, der Boden war mit Teppichen bedeckt, so weich wie geschmolzenes Wachs unter den Füßen, und durch die vergitterten Fenster sah man die Gärten des Palastes im Mondlicht ruhen, Zypresse neben Zypresse, jede ein dunkler Strich gegen den hellen Himmel. Als Abu Hassan die Augen öffnete, geschah in ihm jenes seltsame, traumartige Erwachen, das man kennt, wenn man nicht weiß, ob man noch schläft oder bereits wach ist.

Er sah die Seide, er sah das Gold, er sah die Gesichter der Diener, die ihn mit tiefer Ehrerbietung ansahen, und er schüttelte den Kopf und schloss die Augen wieder, überzeugt, dass er träume, und entschlossen, den Traum zu genießen. Doch als er die Augen ein zweites Mal öffnete und immer noch die gleiche Pracht ihn umgab, und als einer der Diener in ruhiger, höflicher Stimme sprach: O Beherrscher der Gläubigen, der Morgen grüßt dich, da saß Abu Hassan aufrecht, und in seinem Herzen kämpften Staunen und Verwirrung miteinander wie zwei Winde auf offenem Wasser.

Er schwieg lange. Dann betrachtete er seine Hände — sie waren dieselben Hände, dieselben Schwielen vom Tragen der Gewürzsäcke, dieselben kleinen Narben von der Arbeit am Basar. Er betrachtete die Wände, Gold und Mosaik, Lapislazuli und weißer Marmor, Arabesken so fein wie Spitze. Er betrachtete die Diener, die gesenkten Augen, die wartende Haltung, die vollkommene Ruhe. Und weil er ein kluger Mann war, wenn auch ein einfacher, entschied er sich schließlich für das Naheliegendste: Wenn dies ein Traum war, so wollte er ihn träumen; wenn es die Wahrheit war, so wollte er sie annehmen. Er räusperte sich, richtete sich auf, und sprach mit einer Würde, die ihn selbst überraschte: Bringt mir das Frühstück.

Der Tag, der folgte, war von jener unwirklichen Kostbarkeit, die manche Augenblicke haben, wenn das Leben sich selbst übertrifft und das Mögliche die Grenze des Vorstellbaren überschreitet. Abu Hassan wurde gebadet in duftendem Wasser mit Rosenöl und Sandelholz, gekleidet in Gewänder aus Brokat, an denen mehr Gold eingewebt war als er in einem Jahr verdiente, und an einen Tisch geführt, der mit Speisen bedeckt war, deren Namen er nicht kannte und deren Geschmack er nicht vergessen würde.

Wesire kamen und verneigten sich, Beamte brachten Schriften und warteten auf Entscheidungen, und Abu Hassan, der Händler vom Basar, der Sänger unter dem Orangenbaum, saß auf dem Thron des Kalifen und tat sein Bestes, das zu sein, was alle anderen in ihm sahen. Er sprach wenig und bedächtig, und diejenigen, die ihm zugehörten, dachten, wie weise der Kalif an diesem Tage sei.

Nur einmal geriet er in Verwirrung, als ein schwieriger Rechtsstreit vor ihn gebracht wurde und er, nach einem langen Schweigen, sprach: Geht hin und gebt dem Ärmeren der beiden recht; denn wer arm ist, hat bereits genug verloren. Die Wesire tauschten Blicke aus, und einer von ihnen notierte den Satz, weil er ihn für bemerkenswert hielt. Der Satz fand seinen Weg in die Chroniken, und Gelehrte später zitierten ihn als Beispiel für die Weisheit Harun ar-Raschids, ohne je zu ahnen, dass er von einem Gewürzhändler stammte, der glaubte, zu träumen. Der Abend kam mit all seiner Sanftheit, mit dem langen, orangenen Licht, das durch die Bogenfenster fiel, und dem Ruf des Muezzin, der über die Gärten zog wie ein Atemzug.

Abu Hassan saß auf der Terrasse des Palastes und sah auf die Stadt hinunter, auf das Gewirr der Gassen und Dächer, auf die Minarette und die Kuppeln, auf den Tigris, der in der Ferne silbern glänzte. Und er erkannte seine Stadt, von oben, aus der Perspektive, von der er immer geträumt hatte, und sie war schön, sehr schön, aber auch irgendwie kleiner, als er gedacht hatte, und die Gasse, in der sein Haus stand, sein Orangenbaum, seine Stille, die suchte er mit den Augen und fand sie, und etwas in seiner Brust zog sich an wie ein freundlicher Schmerz.

In jener Nacht wurde ihm wieder ein Trank gereicht, wieder der süße Kräutertrunk, der nach Minze und Kardamom duftete, und wieder zog der Schlaf ihn sanft und unaufhaltsam hinunter. Und wieder trugen unsichtbare Hände ihn durch die Nacht, zurück durch die Gassen Bagdads, zurück in sein kleines Haus mit dem Innenhof, zurück unter den Orangenbaum. Als er erwachte, lagen die ersten Lichter des Morgens auf den Fliesen, der Hahn krähte irgendwo in der Ferne, und der Duft des Orangenbaums umhüllte ihn wie immer, vertraut, warm, unveränderlich. Abu Hassan saß lange still und betrachtete seine Hände. Dann betrachtete er den Orangenbaum. Dann den kleinen Innenhof mit den abgestoßenen Kacheln und der Mauer, durch deren Ritzen Farne wuchsen.

Und er wusste nicht — er wusste es wirklich nicht, was Traum gewesen war und was Wirklichkeit. War er der Gewürzhändler, der geträumt hatte, Kalif zu sein? Oder war er der Kalif, der träumte, ein Gewürzhändler zu sein? Die Frage kreiste in ihm wie eine Biene in einem Glas, und er ließ sie kreisen, ohne zu antworten, denn er ahnte, dass die Frage selbst das Kostbare war, nicht die Antwort. Harun ar-Raschid erfuhr später von seinen Vertrauten, wie Abu Hassan sich verhalten hatte, mit Würde, mit Güte, mit dem instinktiven Gerechtigkeitssinn eines Mannes, der sein Leben damit verbracht hatte, fair zu handeln.

Er lächelte in seinen Bart und sprach kein Wort darüber, und nur sein Wesir Dschafar, der alles wusste, sah das Leuchten in den Augen des Kalifen und verstand es. In den Monaten darauf ließ Harun ar-Raschid dem Gewürzhändler Abu Hassan eine kleine, aber beständige Unterstützung zukommen, anonym und ohne Erklärung, nur ein Beutel mit Goldmünzen, der einmal im Monat vor seiner Tür lag, als hätte ihn die Nacht selbst gebracht. Abu Hassan lebte sein Leben wie zuvor, am Basar, unter dem Orangenbaum, in der Stille des Abends. Doch etwas hatte sich verändert, so leise, dass er es selbst kaum benennen konnte.

Er saß nun anders unter seinem Baum: aufrechter, ruhiger, mit dem Blick eines Mannes, der die Welt von zwei Seiten gesehen hat und sie deshalb vollständiger versteht. Und wenn die Nacht kam und die Sterne über den Dächern Bagdads erschienen, dann lächelte er manchmal, ein kleines, stilles Lächeln, das niemand sah außer dem Orangenbaum. Und der Orangenbaum hielt das Geheimnis wie alle Bäume ihre Geheimnisse halten: schweigend, duftend, und für immer.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen