Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen

Der Sämann

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub und dem Duft reifer Feigen, saß ein Mann am Ufer des Sees. Das Wasser lag still vor ihm, silbern im Morgenlicht, und die Hügel ringsum schliefen noch halb im blauen Schatten der frühen Stunde. Die Menschen aber kamen schon herbei, erst einzeln, dann in kleinen Gruppen, dann in einer Menge, die so groß war, dass der Mann in ein Boot stieg und ein wenig vom Ufer abstieß, sodass er vom Wasser aus sprechen konnte und alle ihn sehen und hören mochten.

Und er erzählte ihnen eine Geschichte. Nicht von fernen Königen oder gewaltigen Schlachten. Er erzählte von einem Mann, der auszog, um sein Feld zu bestellen. Von etwas so Alltäglichem und so Vertrautem, dass die Menschen lauschten wie Kinder, die eine Geschichte erkennen, die sie schon immer kannten, ohne sie je gehört zu haben. Das Licht breitete sich aus über den See, und seine Stimme trug weit über das Wasser.

Es war, sprach er, ein Sämann. Ein einfacher Mann mit einer Tasche voller Samen, der auszog an einem Morgen, wie es viele solche Morgen gibt im langen Lauf eines Lebens. Er griff in seine Tasche und warf die Körner weitschweifig aus, so wie Säleute es tun, mit einer ruhigen, fließenden Bewegung des Armes, die das Korn in einem weiten Bogen über das gepflügte Land schleudert. Und manches Korn fiel dort, wo der Sämann es hinwünschte. Manches aber fiel woandershin.

Einige Körner fielen auf den Weg, den die Füße der Menschen ausgetreten hatten, hart und verdichtet wie Stein. Dort konnte der Samen nicht eindringen in die Erde. Er lag offen und ungeschützt, und ehe der Morgen verging, kamen die Vögel des Himmels und pickten ihn auf, Korn für Korn, bis nichts mehr von ihm übrig war. Der Weg blieb, wie er war, fest und leer.

Anderes Korn fiel auf felsigen Boden, wo die Erde dünn lag wie eine Decke über dem nackten Stein. Dort keimte der Samen rasch, denn die Flachheit des Bodens wärmte sich schnell in der Sonne, und die Pflanze schoss auf, jung und grün und voller Verheißung. Doch ihre Wurzeln fanden keinen Halt, keine Tiefe, kein kühles Dunkel, in das sie hätten sinken können. Als dann die Tage heißer wurden und die Sonne unnachgiebig auf das Land brannte, da welkte die junge Pflanze, weil sie keine Wurzel hatte, die ihr Kraft hätte geben können. Sie war aufgegangen im Jubel und vergangen in der Stille.

Wiederum anderes Korn fiel zwischen Dornen und Disteln, dort wo das Land nicht vorbereitet war, wo anderes Wachstum schon seinen Anspruch erhoben hatte. Auch dieses Korn keimte, und die Pflanze reckte sich dem Licht entgegen. Aber die Dornen wuchsen mit ihr, rasch und ungezügelt, und sie drängten das zarte Grün zur Seite, nahmen ihm Luft und Licht und Nahrung aus dem Boden, bis die gute Pflanze erstickte unter all dem, was um sie herum stärker war und lauter und hungrig nach demselben Raum.

Und dann, dann fiel manches Korn auf gute Erde. Auf Erde, die tief und dunkel war und weich und bereit. Dort senkte der Samen seine Wurzel hinab in die Stille des Bodens, still und ohne Eile, wie alles, was wirklich wächst, ohne Eile wächst. Die Tage kamen und gingen, Regen fiel und trocknete wieder, die Sonne drehte ihre Bahn, und die Pflanze wuchs. Sie wuchs zu einem Halm, und der Halm trug Ähre, und die Ähre war voll und schwer und leuchtete golden im Spätlicht des Sommers. Manches brachte dreißig Körner hervor, wo eines gesät worden war. Manches sechzig. Manches hundert.

Er schwieg einen Augenblick. Das Wasser des Sees glitzerte. Irgendwo rief ein Vogel über den Hügeln. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Mehr sagte er nicht. Er ließ die Geschichte stehen wie einen reifen Baum, der keiner Erklärung bedarf, weil seine Früchte für sich selbst sprechen. Später, als die Menge sich zerstreut hatte und die Kühle des Abends über das Wasser zog, kamen seine Freunde zu ihm. Sie setzten sich um ihn herum auf dem Ufer, wie Schüler um einen Lehrer sitzen, und fragten ihn nach dem Gleichnis. Und er erklärte es ihnen, ruhig und ohne Ungeduld, so wie ein Gärtner einem Kind erklärt, warum ein Baum beschnitten werden muss, um zu gedeihen.

Der Same, sprach er, ist wie ein Wort, das in ein Herz fällt. Manchmal fällt es auf einen Weg, der zu viel begangen worden ist, um noch aufzunehmen, was auf ihn fällt. Manchmal fällt es in ein Herz, das es freudig empfängt, aber keine Tiefe hat, keine Stille, keine Ausdauer für die schwierigen Stunden. Manchmal fällt es zwischen all die Sorgen und Beschäftigungen eines Lebens, die sich dicht drängen wie Dornen, und das Wort geht unter in der Enge des Alltags. Aber manchmal, manchmal fällt es in gute Erde, in ein offenes, stilles, bereites Herz, und dort bringt es Frucht, mehr als irgendjemand erwartet hätte.

Die Nacht senkte sich herab über den See und die Hügel und das weite Land. Die Sterne traten hervor, einer nach dem anderen, und die Fischer auf dem Wasser waren nur noch Schatten auf dem dunklen Glanz des Wassers. Die Freunde saßen noch beisammen, leise redend, und der Same des Gehörten lag still in ihnen, wartend auf seine Zeit. Und irgendwo in der Erde, in der guten, dunklen, schweigenden Erde, schlief ein Korn und träumte davon, was es eines Tages sein würde.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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