Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 3 Minuten zu lesen

Der Rote Kreis

Eines Tages kam eine brave Zimmervermieterin, Frau Warren, zu Sherlock Holmes, geplagt von einer Sorge um ihren rätselhaften Untermieter. Ein sonderbarer Mensch, Herr Holmes, klagte sie. Er kam, mietete mein bestes Zimmer, zahlte großzügig im Voraus — doch seither hat ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen. Er bleibt eingeschlossen, lässt sich das Essen vor die Tür stellen und verständigt sich nur durch kurze, mit Bleistift gekritzelte Zettel. Und das Seltsamste, fügte sie schaudernd hinzu: Neulich glaubte ich, einen ganz anderen Menschen in dem Zimmer zu erspähen, als sei mein Mieter über Nacht ein anderer geworden.

Holmes’ Interesse war geweckt. Ein Mensch, der sich so verbirgt, sagte er, hat entweder etwas zu verbergen — oder er fürchtet etwas. Lassen Sie uns sehen, welches von beidem. Holmes beobachtete das Haus und stieß bald auf des Rätsels Anfang. Der verborgene Mieter war in Wahrheit gar nicht der Mann, der das Zimmer gemietet hatte, sondern eine Frau, eine junge Italienerin namens Emilia. Sie und ihr Mann Gennaro hielten sich abwechselnd verborgen und standen in geheimer Verbindung.

Sehen Sie dort hinüber, flüsterte Holmes mir eines Abends zu und deutete über den dunklen Hinterhof zu einem Fenster im gegenüberliegenden Haus. Dort flackerte ein Licht auf und nieder, einmal, zweimal, in einem bestimmten Rhythmus. Das ist kein Zufall, Watson — das sind Signale. Jemand buchstabiert mit dem Licht eine Botschaft. Holmes entzifferte das Flackern Buchstabe für Buchstabe, und es ergab eine Warnung in italienischer Sprache: Gefahr drohe, man möge auf der Hut sein.

Nach und nach enthüllte sich die ganze Geschichte, eine Geschichte von Liebe, Flucht und einem dunklen Geheimbund. Das junge Paar, Gennaro und Emilia, stammte aus Italien und war über Amerika nach London geflohen. Gennaro hatte sich einst in der Fremde einer geheimen verbrecherischen Bruderschaft angeschlossen, dem Roten Kreis, doch als er ihre wahren, finsteren Absichten erkannte, hatte er sich losgesagt und war geflohen. Eine solche Bruderschaft aber verzeiht keinen Verrat.

Sie hatte einen ihrer gefährlichsten Männer, einen brutalen Schläger namens Gorgiano, ausgesandt, um das Paar aufzuspüren und zu strafen. Darum hatten sich die beiden verborgen, einander durch Lichtsignale gewarnt und in ständiger Furcht gelebt, dass der Häscher sie aufspüre. Die Lage spitzte sich zu, doch sie löste sich auf gerechte Weise. In einem Zimmer ganz in der Nähe fand man den gefürchteten Gorgiano leblos auf, gefallen im Kampf mit Gennaro, der sich und seine Frau verteidigt hatte, als der Schläger ihn endlich stellte.

Es zeigte sich, dass auch ein amerikanischer Detektiv dem gefährlichen Gorgiano längst auf der Spur gewesen war, denn dieser hatte selbst manche Untat begangen. So wurde Gennaros Tat als das erkannt, was sie war: die Notwehr eines bedrängten Mannes gegen einen gefährlichen Verbrecher. Das junge Paar war nun endlich frei von der Furcht, die so lange über ihm gelegen hatte. Der lange Schatten des Roten Kreises war von ihrem Leben genommen.

Eine hübsche kleine Geschichte, sagte Holmes zufrieden, von zwei Liebenden, die einander durch die Dunkelheit Zeichen gaben und am Ende doch ans Licht fanden. So endete der Fall vom Roten Kreis: ein verborgener Mieter, geheime Lichtsignale und ein Liebespaar, das dem Schatten eines finsteren Bundes entkam. Nun ist es still, die Lichter im Hinterhof sind erloschen, und die Furcht ist gewichen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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