Frei nach Hans Christian Andersens Rosen-Alfen · 6 Minuten zu lesen
Der Rosenelf
Mitten in einem Garten blühte ein Rosenstrauch, und in der schönsten seiner Rosen wohnte ein Elf — so winzig, dass kein Menschenauge ihn je gesehen hat. Hinter jedem Blatt der Rose hatte er eine Schlafkammer, und er kannte jede Ader in jedem Blatt, wie man daheim die Wege kennt. Den Tag über flog er von Blüte zu Blüte, tanzte auf den Flügeln der Schmetterlinge und maß zum Zeitvertreib, wie viele Schritte er auf allen Straßen und Stegen eines einzigen Lindenblatts zu gehen hätte. Es waren viel mehr, als man denkt.
Abends, wenn die Rose sich schloss, saß der Elf in seiner innersten Kammer, wo der Duft am dichtesten ist, und lauschte auf den Garten. Er kannte alle seine Geräusche: das Klopfen des Nachtfalters an den hellen Blüten, das Rascheln des Igels unter den Johannisbeeren, den Brunnen, der nachts deutlicher spricht als am Tag. Und wenn der Tau kam, rückten die Blütenblätter enger zusammen, und der Elf schlief ein wie ein Kind zwischen lauter warmen Wänden aus Seide. So gut wohnte niemand im ganzen Garten, und er wusste es.
Eines Abends blieb er länger aus als sonst, und als er heimkam, hatten sich die Rosen längst geschlossen und schliefen. Da flog er zur Geißblattlaube am Ende des Gartens, um dort zu übernachten — und in der Laube saßen zwei Menschen: das schöne Mädchen, dem der Garten gehörte, und ihr liebster Freund, der noch in dieser Nacht fort musste, weit fort über Berge und Meere, denn ihr Bruder wollte den Fremden nicht dulden. Zum Abschied schenkte sie ihm eine Rose. Und ehe sie sie ihm reichte, drückte sie einen Kuss in die Blüte, so fest und innig, dass sich die Blätter öffneten — und der kleine Elf schlüpfte hinein.
Sie sprachen noch lange in der Laube, die beiden, und der Elf saß im Geißblatt und hörte alles mit an. Im Frühjahr komme ich wieder, sagte der junge Mann, wenn die Rosen zum ersten Mal blühen, dann stehe ich unter diesem Geißblatt, und dann fragt dein Bruder nicht mehr, dann frage ich selbst — und er sagte es so fest und leise, wie man nur Dinge sagt, die man ganz meint. Über ihnen fing eine Nachtigall an, als hätte sie auf ihr Stichwort gewartet, und das Mädchen lachte unter Tränen und sagte, nun habe er auch noch Musik zu seinem Versprechen. So schön kann ein Abschied sein, wenn keiner weiß, was der Wald schon weiß.
So reiste der Elf in der Rose an der Brust des Wanderers durch den dunklen Wald. Der Bruder aber war ihm leise gefolgt, und im dunkelsten Teil des Waldes geschah in dieser Nacht ein Unrecht, von dem nur die alten Bäume wussten — und ein sehr kleiner Elf, der unter einem zusammengerollten Blatt saß und zitterte. Der Wanderer kehrte aus dem Wald nicht mehr zurück. Ein trockenes Blatt aber wehte dem Bruder auf den Hut, als er heimging, und unter dem Blatt saß der Elf und musste mit, den ganzen Weg bis in das Haus, in dem das Mädchen schlief.
In der Nacht schlüpfte der Elf zu ihr, setzte sich an ihr Ohr und erzählte ihr alles wie einen Traum: den Wald, den Weg, die alte Linde und die Stelle darunter, an der die Erde frisch aufgeworfen war. Und damit sie nicht glaube, es sei nur ein Traum gewesen, legte er ihr ein welkes Blatt auf die Bettdecke.
Als der Morgen kam, wachte das Mädchen auf und wusste zuerst nicht, warum ihr Herz so schwer war. Dann sah sie das welke Blatt auf der Bettdecke liegen, und der Traum stand wieder vor ihr, Bild für Bild, deutlicher, als Träume sein dürfen. Sie sagte niemandem im Haus ein Wort. Sie nahm ihr Tuch, ging hinaus durch die taunassen Felder, in denen die Lerchen schon hoch standen, und der Weg kam ihr vor wie im Traum gegangen: die Wegbiegung, der Bach, die alte Linde — es stimmte alles, Schritt für Schritt, und sie hätte gern gehabt, dass es nicht stimmte.
An der stillen Stelle unter der Linde nahm sie eine Handvoll Erde und einen Zweig des Jasmins, der daneben blühte, trug beides heim und pflanzte den Zweig in einen großen Blumentopf an ihrem Fenster. Sie begoss ihn mit ihren Tränen, jeden Abend, und der Jasmin wuchs und trieb Knospe um Knospe, und sie saß darüber gebeugt, Abend für Abend, und der Bruder verstand nicht, warum sie weinte über einem grünen Zweig, und schalt sie dafür.
Der Jasmin am Fenster wurde ihr Ein und Alles. Sie sprach mit ihm, morgens und abends, wie man mit einem spricht, der nicht antworten kann und doch alles versteht, und der kleine Elf, der längst aus der welken Rose in die weißen Jasminblüten umgezogen war, saß darin und hörte ihr zu. Er hätte ihr gern etwas Tröstliches zugeflüstert, aber Elfen können nur in Träume sprechen; also wartete er auf ihren Schlaf, jeden Abend, und flüsterte ihr dann die einzigen Worte, die er hatte: dass nichts verloren ist, was geliebt wurde, und dass die Wurzeln des Jasmins tiefer reichten, als ihr Bruder je begreifen würde.
Eines Abends legte sie den Kopf an den Rand des Topfes und schlief ein, still und tief, mitten im Duft der weißen Blüten — und aus diesem Schlaf wachte sie nicht mehr auf; sie war dorthin gegangen, wo der auf sie wartete, den sie liebhatte. Der Jasmin aber blühte in dieser Woche schöner als je ein Jasmin zuvor, und der Bruder stellte den blühenden Topf in sein eigenes Schlafzimmer, denn der Anblick war prächtig und der Duft süß.
Aber es gefiel ihm von Abend zu Abend weniger, und er verstand selbst nicht, warum. Der Duft war ihm zu viel und die Stille auch, und wenn er das Fenster öffnete, wurde es nicht besser. Denn in jeder der weißen Blüten wohnte eine kleine Seele, die alles wusste, und sobald das Licht gelöscht war, begannen sie untereinander zu flüstern, leise wie Blätter, und der Elf flüsterte mit, und was sie flüsterten, ging in seine Träume ein wie Wasser in Sand. So schliefen in derselben Kammer der Schuldige und die Wahrheit, und die Wahrheit hatte den längeren Atem.
Nacht für Nacht ging das nun so, und was die Blütenseelen flüsterten, träumte der Bruder: die alte Linde, den Weg, alles, was dort geschehen war — bis er keinen Schlaf mehr fand. Beim ersten Licht eines Morgens verließ er Haus und Land, und niemand im Dorf hat je erfahren, wohin er gegangen ist. Der Elf aber erzählte die ganze Geschichte der Bienenkönigin, und die Bienen summen sie seither weiter, jeden Sommer, über allen Jasminblüten — denn hinter dem kleinsten Blatt wohnt einer, der alles sieht. Und im Garten blühte der Rosenstrauch weiter, Jahr um Jahr, als hätte er alle Zeit der Welt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.