Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen
Der Ring des Königs Salomon
In den Zeiten, bevor die großen Kalifen regierten und bevor die Kuppeln von Bagdad den Himmel berührten, herrschte ein König, dessen Name noch heute in den Winden hallt, die über die Wüste streichen. Salomon, Sohn Davids, war dieser König, und seine Macht war nicht die Macht des Schwertes allein, sondern die Macht des Wissens, der Sprache und eines Ringes, den er am Finger trug wie andere Männer ihre Haut tragen: selbstverständlich, untrennbar, unverzichtbar.
Der Ring war aus Gold, das keiner kannte, eingraviert mit einem Siegel, das aus dem Licht selbst geschnitten schien, und wer ihn sah, spürte etwas, eine Wärme, eine Stille, als ob die Welt für einen Atemzug innehalten würde. Es heißt, Salomon hatte diesen Ring nicht von Menschenhand erhalten. In einer Nacht, in der kein Stern am Himmel stand und der Mond sich hinter Wolken verbarg, war ein Bote erschienen, weder Mensch noch Tier, weder ganz Licht noch ganz Schatten, und hatte den Ring vor dem schlafenden König niedergelegt wie eine Feder, die vom Himmel fällt.
Als Salomon erwachte und den Ring erblickte, verstand er sofort: Dies war kein Schmuck. Dies war eine Verantwortung. Mit dem Ring konnte Salomon sprechen, mit den Vögeln, die seine Botschaften trugen, mit den Winden, die seinen Befehlen gehorchten, mit den Dschinn, die in den Wüsten und Tiefen der Erde hausten und nun vor ihm erschienen wie Diener vor ihrem Herrn. Er sprach mit dem Adler über die Bewegung der Heere, mit der Ameise über die Geduld der kleinen Dinge, mit dem Wind über die Geheimnisse ferner Länder. Und alle antworteten ihm, denn der Ring war der Schlüssel zu einer Sprache, die älter war als jede menschliche Zunge.
Eines Tages, und es war ein Tag, an dem die Hitze über dem Land flimmerte wie ein zweiter Himmel, bat ein Kaufmann aus dem fernen Jemen um Audienz. Er trat in die Halle Salomons, die aus Glas gefertigt war, so durchsichtig und klar, dass Besucher glaubten, über Wasser zu gehen, und ihre Kleider hoben, wenn sie eintraten, und er verneigte sich tief. O mein Herr, sprach der Kaufmann, ich bin ein einfacher Mann und habe keine Schätze mitzubringen. Aber ich trage eine Frage mit mir, die mich seit dreißig Jahren nicht schlafen lässt, und man sagte mir, nur du könntest sie beantworten. Salomon bedeutete ihm aufzustehen und zu sprechen.
Wisse, o Weiser, begann der Kaufmann, dass mein Vater mir auf dem Sterbebett ein Rätsel hinterließ. Er sagte: Suche das Ding, das den Freudigen traurig macht und den Traurigen froh. Das den Hochmütigen demütigt und den Gebeugten aufrichtet. Das die Zeit selbst in Worte fasst und doch kleiner ist als deine Handfläche. Der Kaufmann breitete die Hände aus, leer, offen, ehrlich. Dreißig Jahre habe ich gesucht. In Bibliotheken und Basaren, in Gesprächen mit Weisen und in der Stille der Wüste. Und ich habe keine Antwort gefunden.
Salomon schwieg eine lange Weile. Er betrachtete den Ring an seinem Finger, und der Ring schien zu leuchten, ganz leise, ganz still, wie eine Kerze hinter einem Schleier. Dann lächelte der König, und sein Lächeln war nicht das Lächeln des Überlegenen, sondern das des Mannes, der eine alte Freude wiedererkennt. Er rief seinen Goldschmied, einen kleinen, ruhigen Mann mit Händen wie Baumwurzeln, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Goldschmied nickte, verneigte sich und verschwand in seiner Werkstatt, die in einem der hinteren Höfe des Palastes lag, umgeben von Feigenb äumen und dem leisen Klingen seines Hammers.
Drei Tage arbeitete der Goldschmied, und am Abend des dritten Tages brachte er Salomon einen Ring, einfach, schlicht, aus gewöhnlichem Silber, ohne Edelsteine, ohne Filigran. Nur innen, auf der glatten Innenseite, hatte er vier Worte eingraviert, so klein, dass man sie kaum sehen konnte, und doch waren sie tief in das Metall gedrückt wie Wurzeln in die Erde. Salomon nahm den Ring, betrachtete ihn, und reichte ihn dann dem wartenden Kaufmann.
Der Kaufmann nahm den Ring mit zitternden Händen. Er hob ihn ins Licht, drehte ihn, und las die vier Worte, die dort standen. Sein Gesicht veränderte sich, zuerst runzelte er die Stirn, dann öffneten sich seine Augen weit, dann kamen Tränen, leise und ohne Scham, und schließlich breitete sich ein Lächeln aus, das aussah wie Dankbarkeit und Frieden und Erschöpfung zugleich. O mein Herr, sprach er nach einer langen Stille, jetzt verstehe ich, was mein Vater meinte. Und ich verstehe auch, warum die Antwort dreißig Jahre dauern musste.
Die vier Worte auf dem Ring lauteten: Auch dies wird vergehen. Vier Worte, kleiner als eine Handfläche, und doch enthielten sie alles, was der Kaufmann gesucht hatte. Dem Traurigen sagten sie: Dein Schmerz ist nicht ewig, der Morgen kommt, die Welt dreht sich weiter. Dem Freudigen sagten sie: Halte diesen Moment fest, koste ihn aus, denn er ist kostbar gerade weil er vergeht. Dem Hochmütigen sagten sie: Deine Größe ist nicht von Dauer, und dem Gebeugten: Deine Last wird leichter werden.
Salomon ließ den Kaufmann mit Geschenken ziehen, Seide und Gewürze und einen Sack mit Goldmünzen, schwer genug für ein ruhiges Leben. Doch der Kaufmann trug den silbernen Ring an seinem Finger, und der war das einzige Geschenk, das er wirklich hütete. Man sagt, er lebte noch viele Jahre, und wann immer das Glück ihn zu überwältigen drohte oder der Kummer ihn zu Boden zu drücken schien, drehte er den Ring und las die vier Worte, und fand jedes Mal aufs Neue jene Stille, die dahinter wartete.
Was aber wurde aus Salomons eigenem Ring, dem goldenen, dem uralten, dem mit dem Siegel aus Licht? Die Geschichten darüber sind viele und einander widersprechend, wie Geschichten es nun einmal sind. Manche sagen, er ruht in einem Schrein tief unter der Erde, bewacht von Dschinn, die seit tausend Jahren nicht geschlafen haben. Andere sagen, er ging mit Salomon, als Salomon ging, dorthin, wohin Könige gehen, die mehr waren als Könige.
Und wieder andere flüstern, dass er noch immer im Umlauf ist, von Hand zu Hand wandernd, von Generation zu Generation, und dass jeder, der ihn einmal trägt, dieselbe Wärme spürt, dieselbe Stille, als ob die Welt für einen Atemzug innehalten würde. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Ringes: nicht die Macht über Dschinn und Winde, nicht die Sprache der Vögel, nicht das Siegel aus Licht. Sondern die einfache, schwere, tröstliche Wahrheit, die in vier Worten Platz hat und die kein Mensch vergessen sollte, wenn er nachts wach liegt und die Dunkelheit zu groß erscheint. Auch dies wird vergehen, und der Schlaf kommt sanft zu denen, die es wissen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.