Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen
Der Riese und die sieben Meere
In den Zeiten der alten Könige, als die Meere noch keine Namen trugen und die Sterne den Seemännern den Weg wiesen wie treue Freunde, da lebte in der Stadt Basra ein junger Seemann namens Tariq. Er war nicht reich und nicht arm, nicht weise und nicht töricht, aber er liebte das Meer so sehr, dass er manchmal glaubte, es rausche auch in seinen Träumen, selbst wenn er weit vom Wasser schlief. Sein Schiff war klein und alt, seine Mannschaft bestand aus drei erfahrenen Männern, die mehr Geschichten kannten als Knoten, und gemeinsam fuhren sie hinaus, Nacht für Nacht, dem Horizont entgegen.
Es heißt, und Allah weiß es besser, dass es sieben Meere gibt, die die Welt umschließen wie die Finger einer Hand einen Stein umschließen. Das erste Meer ist blau wie der Tageshimmel. Das zweite ist grün wie junges Gras nach dem Regen. Das dritte ist so schwarz, dass die Sterne sich darin spiegeln wie in einem Spiegel aus Ebenholz. Das vierte Meer riecht nach Zimt und Kardamom, das fünfte nach warmem Regen auf heißem Sand. Das sechste ist so still, dass man die eigenen Gedanken darin hören kann wie Flüstern in einem leeren Saal.
Und das siebte Meer, das siebte Meer hat noch kein Auge gesehen und noch kein Schiff befahren, seit der Wächter dort seinen Platz einnahm, in einer Zeit, an die sich selbst die ältesten Männer nicht erinnern konnten. Tariq hatte von dem Wächter gehört, noch als Kind auf dem Schoß seines Großvaters. Die alten Männer auf den Docks flüsterten von ihm: ein Wesen so groß wie ein Minarett, mit Augen wie zwei silberne Monde, das seit dem Anbeginn der Zeit auf dem Felsen am Eingang des siebten Meeres saß und wartete.
Worauf es wartete, darüber waren sich die alten Männer nie einig gewesen. Manche sagten, es wartete auf einen würdigen Seemann. Manche sagten, es wartete auf das Ende der Welt. Manche sagten, es wartete einfach, weil Warten seine Natur war, so wie es die Natur des Meeres ist, ewig zu atmen. In jenem Jahr, als Tariq dreißig Sommer alt wurde, beschloss er, die sieben Meere zu befahren.
Nicht aus Gier nach Gold und nicht aus Ruhmsucht, sondern weil ihn nachts, wenn das Schiff schaukelte und die Sterne zogen, eine Sehnsucht erfasste, die er nicht benennen konnte. Eine Sehnsucht nach dem Rand der Welt, nach dem Ort, wo das Wasser aufhört und das Schweigen beginnt. Seine drei alten Gefährten nickten, als er es ihnen sagte, denn sie kannten diese Sehnsucht. Jeder Seemann kennt sie, irgendwann in seinem Leben.
Das erste Meer durchquerten sie bei ruhigem Wind und klarem Himmel, und das Wasser war so blau, dass Tariq meinte, in den Himmel zu blicken. Das zweite Meer begrüßte sie mit sanftem Regen und grünen Wellen, die das Schiff wie Hände eines Riesen wiegten. Das dritte Meer lag in ewiger Nacht, und die Sterne spiegelten sich so vollkommen darin, dass oben und unten sich verloren, als führen sie nicht mehr durch Wasser, sondern durch das Firmament selbst.
Das vierte Meer duftete so süß nach Zimt und Kardamom, dass die Männer träumten, während sie wachten, und lächelten, ohne zu wissen warum. Das fünfte Meer brachte ihnen Regen, der nach warmem Sand roch, und Tariq stand am Bug und schloss die Augen und atmete tief ein. Das sechste Meer war so still, so vollkommen still, dass die Männer anfingen, leise zu sprechen und dann zu flüstern und schließlich gar nicht mehr, sie saßen auf dem Deck und lauschten dem Schweigen, und das Schweigen war so voll und warm wie eine Umarmung.
Hier vergaßen sie für einen Moment, wohin sie fuhren. Hier wollten sie bleiben. Aber Tariq stand auf, und seine Gefährten standen mit ihm, und das Schiff fuhr weiter. Dann, an einem Abend, als die Sonne tief und rot stand und das Wasser sich verfärbte wie schmelzendes Gold, da sahen sie ihn. Den Wächter. Er saß auf einem Felsen, der aus dem Meer ragte wie ein vergessener Berg, und er war so groß, dass sein Kopf in den Wolken verschwand. Seine Haut war grau wie alter Stein, seine Hände ruhten auf seinen Knien wie zwei kleine Inseln, und seine Augen, seine Augen waren geschlossen.
Bei Allah, flüsterte einer der alten Männer, und die anderen schwiegen. Tariq ließ das Schiff langsam näher treiben, so langsam wie ein Blatt auf einem stillen Teich. Er konnte hören, wie der Wächter atmete, ein tiefes, langsames Atmen wie das Atmen des Meeres selbst, ein Ein und Aus, das die Wellen um den Felsen herum sanft hob und senkte. Und Tariq erkannte, dass der Wächter schlief. Dass er vielleicht schon sehr lange schlief.
Was tun wir?, fragte der älteste der drei Männer mit leiser Stimme. Tariq schwieg eine lange Weile. Dann nahm er seine kleine Flöte, die er immer bei sich trug, und begann zu spielen, leise, fast unhörbar, eine Melodie, die er als Kind von seiner Mutter gelernt hatte, eine Melodie für die Nacht und den Schlaf und die Sterne. Der Wächter bewegte sich. Langsam, wie ein Berg sich bewegt wenn die Erde bebt, öffnete er die Augen.
Und seine Augen waren nicht bedrohlich und nicht zornig — sie waren wie zwei tiefe Brunnen, voll von allem, was die Welt je gesehen hatte, voll von tausend Jahren Einsamkeit und tausend Jahren Stille. Er betrachtete das kleine Schiff und den kleinen Mann mit der kleinen Flöte, und sein Gesicht, so groß wie eine Hauswand, wurde weich. Wisse, o Seemann, sprach der Wächter, und seine Stimme war wie rollender Donner, der von weit her kommt und sich bis er ankommt in etwas Sanftes verwandelt hat, ich bewache dieses Meer seit dem ersten Tag. Viele Schiffe kamen. Manche aus Neugier, manche aus Gier, manche aus Angst. Aber du bist der erste, der mir ein Schlaflied gespielt hat.
Tariq hielt die Flöte in beiden Händen und antwortete: O großer Wächter, wir wollten dich nicht stören. Wir wollten nur das siebte Meer sehen. Der Wächter betrachtete ihn lange. Dann hob er eine seiner riesigen Hände, so langsam, so bedächtig, und deutete hinter sich, wo das Meer sich öffnete wie ein Vorhang aus flüssigem Silber. Und Tariq sah das siebte Meer.
Es war nicht blau und nicht grün und nicht schwarz. Es hatte keine Farbe, die er benennen konnte — es war das Meer wie es gewesen sein musste, bevor die erste Welle je das erste Ufer berührt hatte. Vollkommen ruhig. Vollkommen still. Und an seinem fernen Ufer, kaum sichtbar im Mondlicht, lagen Gärten so grün wie der erste Frühling, und Lichter funkelten wie gefallene Sterne, und der Duft von Jasmin und Rosenwasser trug sich über das Wasser zu ihnen herüber, so zart und so fern wie eine Erinnerung an etwas sehr Schönes.
Darf ich fahren?, fragte Tariq leise. Der Wächter schüttelte langsam den Kopf. Noch nicht, o Seemann. Die Zeit des siebten Meeres ist noch nicht gekommen für dich. Aber du hast es gesehen, und das ist mehr, als die meisten je bekommen. Er senkte die Hand wieder. Fahre heim. Erzähle, was du gesehen hast. Und spiele manchmal deine Flöte, wenn die Nacht still ist, irgendwo auf dem Wasser werde ich es hören.
Dann schlossen sich seine Augen wieder, so langsam wie die Sonne hinter dem Horizont sinkt, und sein Atem wurde wieder tief und gleichmäßig, und die Wellen um den Felsen stiegen und sanken in seinem Rhythmus. Tariq stand lange am Bug und schaute, bis der Felsen klein wurde und kleiner und schließlich verschwand im Dunst der Nacht. Auf der Heimreise sprachen die vier Männer wenig.
Das erste Meer, das zweite, das dritte, sie fuhren durch sie hindurch wie durch Erinnerungen. In der Nacht saß Tariq manchmal am Bug und spielte seine Flöte, ganz leise, die Melodie seiner Mutter, und das Meer um ihn herum war dunkel und weit und vollkommen friedlich. Er wusste nicht, ob der Wächter es hörte. Aber irgendwie glaubte er es. Als sie Basra erreichten und die Lichter des Hafens im Morgengrauen auftauchten, da lehnte Tariq sich zurück und betrachtete den Himmel, in dem die letzten Sterne verblassten. Er dachte an das siebte Meer, an seine namenlose Farbe, an den Duft von Jasmin aus der Ferne.
Und er dachte: Es ist genug, es gesehen zu haben. Es ist mehr als genug. So kehrte Tariq nach Hause zurück, und er lebte noch viele Jahre und befuhr viele Meere, und in stillen Nächten, wenn das Wasser ruhig lag und die Sterne sich darin spiegelten, spielte er seine Flöte für den schlafenden Wächter am Ende der Welt, und der Wind trug die Melodie weit hinaus über das dunkle Wasser, bis alles still wurde und der Schlaf kam, sanft und tief wie das siebte Meer selbst.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.