Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen
Der Prinz und die Sklavin
In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch im Glanz seiner goldenen Tage erstrahlte und die Nacht sich wie ein bestickter Samtmantel über die Minarette legte, da begab es sich, dass ein junger Prinz namens Dschafar in den Gemächern seines Vaters saß und auf den Mond starrte. Die Öllampen warfen zitternde Schatten auf die Mosaikwände, und der Duft von Jasmin und Sandelholz lag schwer in der warmen Luft, so schwer, dass man ihn beinahe schmecken konnte.
Der Prinz hatte alles, was ein Mensch sich wünschen mochte: seidene Gewänder, edle Pferde, Gärten voller Granatapfelbäume. Und doch lag eine Schwere auf seinem Herzen, die er sich selbst nicht zu erklären wusste. An jenem Abend hatte sein Vater, der Kalif, eine neue Sklavin in den Palast gebracht, eine Frau, die Layla hieß und deren Stimme klang wie Wasser über Kieselsteine.
Sie hatte nicht die Augen gesenkt, als man sie durch den großen Säulensaal führte, sondern ruhig und klar um sich geblickt, als betrachte sie nicht einen Palast, dem sie nun gehörte, sondern eine Welt, die sie noch nicht ganz kannte. Dschafar hatte diesen Blick gesehen, und dieser Blick hatte sich in ihm festgesetzt wie ein Dorn, nicht schmerzhaft, aber unübersehbar, spürbar bei jedem Atemzug.
Die Gemächer, in denen Layla untergebracht wurde, lagen jenseits der großen Gärten, hinter einem Tor aus geflochtenem Eisen und Rosenholz. Es hieß, sie sei die Tochter eines persischen Gelehrten, der seine Bibliothek verloren und danach alles verloren hatte, sein Haus, sein Ansehen, schließlich sein Leben. Layla aber hatte das Wissen ihres Vaters geerbt wie andere Töchter Schmuck erben: sie trug es in sich, unsichtbar und unzerstörbar. Sie kannte die Sterne mit ihren arabischen Namen, sie kannte Gedichte, die tausend Jahre alt waren, und sie verstand die Sprache der Vögel, zumindest glaubten das jene, die sie beobachtet hatten, wenn sie am frühen Morgen im Garten stand und lauschte. Dschafar begann, Wege durch den Palast zu wählen, die ihn an jenem Rosenholztor vorbeiführten.
Er sagte sich, es sei der kürzere Weg zur Bibliothek seines Vaters, was nicht stimmte — es war in Wahrheit ein längerer Umweg, den er jedoch mit leichtem Herzen ging. Manchmal hörte er ihre Stimme, die leise ein Gedicht sprach oder summte, und dann blieb er stehen, die Hand auf dem warmen Stein der Mauer, und lauschte, bis die Stimme verstummte. Er hätte sich geschämt, wäre jemand dabei gewesen. Aber die Gärten schliefen noch, und der Morgen gehörte nur ihm und ihr, auch wenn eine Mauer zwischen ihnen stand.
Eines Abends, als ein starker Wind vom Wüstenrand herüberwehte und die Palmwedel rauschten wie flüsternde Stimmen, öffnete sich das Rosenholztor. Layla trat heraus, einen Wasserkrug auf der Schulter, und sah Dschafar, der dort stand wie jemand, der zufällig vorbeigegangen war und nun keine Erklärung für sein Verweilen hatte. Sie sah ihn an, wieder mit diesem ruhigen, klaren Blick, und sagte: O Prinz, der Mond ist heute Nacht besonders hell.
Siehst du die drei Sterne dort, jene kleine Kette? Mein Vater nannte sie die Halskette der Trauernden. Dschafar blickte hinauf, und zum ersten Mal in seinem Leben betrachtete er den Nachthimmel nicht als Dekoration, sondern als etwas, das Namen trug und Geschichten kannte. Von jenem Abend an sprachen sie miteinander, wenn die Wächter schliefen und der Palast in seiner Stille ruhte.
Layla erzählte ihm von den Büchern ihres Vaters, von Dichtern aus Persien und Andalusien, von Sternenkarten und der Kunst, aus dem Flug der Zugvögel das Wetter zu lesen. Dschafar erzählte ihr von den Karawanen, die er als Kind beobachtet hatte, wie sie durch das Stadttor zogen, beladen mit Gewürzen und Seide und dem Versprechen ferner Länder. Sie sprachen über Dinge, über die er mit niemandem gesprochen hatte, nicht mit seinem Vater, nicht mit den Wesiren, nicht mit den Gefährten seiner Jugend.
Aber es gab eine Wahrheit, die zwischen ihnen lag wie ein Stein mitten auf einem Weg: Layla gehörte dem Harem seines Vaters, des Kalifen. Sie war nicht frei. Sie konnte nicht frei sein, solange der Kalif lebte und der Palast sich um sie schloss wie eine steinerne Hand. Diese Wahrheit sprachen sie nie aus, aber sie wussten beide darum, und manchmal war sie spürbar in einem kleinen Schweigen, das zwischen zwei Sätzen entstand und dann wieder verging. Dschafar begann, seinen Vater auf neue Weise zu betrachten, nicht als mächtigen Herrscher, dem Ehrerbietung gebührt, sondern als Menschen, dem es möglich sein musste, Gnade zu zeigen.
Er beobachtete ihn beim Morgenempfang, wenn die Wesire mit ihren Bittgesuchen kamen, und er sah, dass sein Vater kein grausamer Mann war, nur ein müder. Ein alter König, dem die Welt viel abverlangt hatte und der nun in seinen Palästen saß wie ein Tier, das vergessen hat, warum es einst laufen gelernt hatte. Diese Erkenntnis machte Dschafars Plan nicht einfacher, aber sie gab ihm Mut.
An einem Abend, als das Licht des Sonnenuntergangs die Mosaikböden in rotes und goldenes Feuer tauchte, trat Dschafar vor seinen Vater und verneigte sich tief. O mein Vater und Herr, sprach er, ich komme vor dich mit einem Wunsch, der töricht klingen mag, aber aus dem tiefsten Teil meines Herzens stammt. Der Kalif hob die Hand, ein Zeichen des Zuhörens. Dschafar richtete sich auf und sah seinem Vater in die Augen. Ich bitte dich um Layla, die Tochter des Gelehrten Farid. Nicht als Sklavin, als freie Frau, die ich zur Gefährtin meines Lebens nehmen möchte, wenn sie es wünscht.
Ein langer Moment der Stille fiel über den Saal. Die Wesire hielten den Atem an. Die Öllampen flackerten im warmen Abendwind, der durch die hohen Bogenfenster strich. Der Kalif betrachtete seinen Sohn lange, dieses Gesicht, das er kannte seit dem ersten Atemzug, und das nun einen Ausdruck trug, den er nicht ganz einordnen konnte: kein Trotz, keine Kindheit mehr, sondern etwas Ruhiges und Entschlossenes, das aus einer Tiefe kam, die er bisher nicht in Dschafar gesehen hatte. Du liebst sie, sagte der Kalif schließlich. Es war keine Frage. Dschafar antwortete nicht sofort. Dann nickte er.
Wisse, o mein Vater, ich weiß nicht, ob das, was ich fühle, den Namen Liebe verdient. Ich weiß nur, dass sie mir zeigt, wie die Welt aussieht, wenn man wirklich hinsieht, und dass ich die Welt nicht mehr anders sehen möchte. Der Kalif schwieg eine Weile, und in diesem Schweigen schienen viele Dinge zu liegen: Erinnerungen an seine eigene Jugend, an eine Frau, die er einst geliebt hatte, an Entscheidungen, die er anders getroffen hätte, wenn er damals schon so gesehen hätte wie sein Sohn es jetzt tat.
Dann, langsam, nickte der alte Kalif. Er ließ Layla rufen. Sie kam durch die hohen Türen des Saales, ruhig wie immer, den Blick klar und wach, und sie stand vor dem Thron ihres Herrn und wartete. Der Kalif sprach zu ihr mit einer Stimme, die weicher war, als Dschafar sie je von ihm gehört hatte: Du bist frei, o Layla, Tochter des Farid. Ich gebe dir die Freiheit als Geschenk, nicht als Tausch. Was du damit tust, ist deine Entscheidung und keine andere.
Layla senkte kurz den Blick, nicht aus Unterwürfigkeit, sondern wie jemand, der einen Moment braucht, um etwas sehr Großes in sich aufzunehmen. Dann hob sie die Augen und sah Dschafar an. Kein Lächeln, noch nicht, aber etwas in ihrem Blick öffnete sich, wie sich eine Blüte öffnet, wenn der Morgen kommt: langsam, sicher, unaufhaltsam. In den Wochen danach veränderte sich der Palast, oder vielleicht veränderten sich nur jene, die in ihm lebten.
Dschafar und Layla gingen gemeinsam durch die Gärten, und sie lehrte ihn die Namen der Sterne, und er zeigte ihr die Wege durch die Stadt, die er als Junge erkundet hatte, verkleidet als Kaufmannssohn. Der Kalif saß manchmal an seinem Fenster und beobachtete sie von ferne, und die Wesire sagten später, sie hätten in diesen Momenten ein Lächeln in seinem Gesicht gesehen, das sie lange nicht dort gesehen hatten.
Und so geschah es, wie es in jenen Zeiten manchmal geschah: dass das Schicksal zweier Menschen sich ineinander fügte wie zwei Hälften eines Mosaiks, das jemand vor langer Zeit entworfen hatte, ohne dass die Steine es wussten. Die Nacht, die alles begonnen hatte, die Nacht mit dem bestickten Samtmantel und dem Jasmin und dem Blick einer Frau, die eine Mauer nicht als Ende, sondern als Anfang gesehen hatte, diese Nacht war längst in die Stille versunken. Und über den Gärten des Palastes lag ein ruhiges Licht, und die Palmen rauschten sanft, und irgendwo sang eine Nachtigall ihr altes, altes Lied, als hätte sie schon immer gewusst, wie diese Geschichte enden würde.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.