Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen

Der Prinz und der Dschinn

In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne noch Namen trugen und die Nacht selbst eine Sprache sprach, lebte in der großen Stadt Bagdad ein junger Prinz namens Tamir. Er war der einzige Sohn des Kalifen, aufgewachsen zwischen Marmorsäulen und seidenen Vorhängen, umgeben von Weihrauch und dem leisen Plätschern der Springbrunnen, doch sein Herz war unruhig, rastlos wie eine Flamme im Nachtwind, die keine Stille kannte. Sein Vater, der Kalif, betrachtete ihn mit einer Mischung aus Stolz und Sorge, denn Tamir fragte nach Dingen, die keine seiner Gelehrten beantworten konnten: Woher kommt der Wind? Was liegt jenseits des letzten Meeres? Und warum träume ich jede Nacht von einer Stimme, die meinen Namen ruft?

Es begab sich, dass in jener Stadt eine alte Frau lebte, die die Menschen nur die Sterndeuterin nannten. Sie bewohnte ein kleines Haus am Rande des Basars, wo Gewürze und Seide den Abend parfümierten und die Händler ihre Laternen löschten, eine nach der anderen. Die Sterndeuterin saß stets am Fenster, ihr Gesicht faltig wie altes Pergament, die Augen jedoch klar wie Bergwasser, und wenn Tamir an ihr Haus vorbeizureiten pflegte, rief sie ihm nach: O Prinz, die Antwort, die du suchst, liegt nicht in Büchern, sie liegt in der Wüste, drei Tagesmärsche südlich, wo eine einsame Palme wächst und darunter ein Stein liegt, den kein Mensch je umgedreht hat.

Tamir hatte diese Worte lange Zeit als das Gerede einer alten Frau abgetan. Doch in der Nacht, als der Mond voll und golden über den Kuppeln des Palastes stand, träumte er wieder von der Stimme, und diesmal war sie klar genug, um Worte zu formen: Komm zu mir, Tamir. Ich warte. Er erwachte schweißgebadet im Dunkel seines Gemachs, das Herz klopfend, und noch ehe die erste Gebetsstunde des Morgens erklang, hatte er sein Pferd gesattelt, Datteln und Wasser eingepackt und die schlafende Stadt durch das südliche Tor verlassen, lautlos wie ein Schatten.

Die Wüste empfing ihn wie eine schlafende Riesin, weit, still, und von einer Schönheit, die der Atem stocken ließ. Der Sand war rosa im ersten Morgenlicht, die Dünen warfen weiche Schatten, und über allem wölbte sich ein Himmel von einem Blau, das Tamir nie zuvor gesehen hatte, satt und tief wie das Meer. Er ritt den ersten Tag durch die Hitze, das zweite durch einen sanften Wüstenwind, der nach Salz und fernen Regen roch, und in der zweiten Nacht schlief er unter dem Sternenzelt, eingehüllt in seinen Mantel, mit dem Gefühl, dass das Universum ihn kenne und bewache. Am Morgen des dritten Tages erblickte er sie, die einsame Palme, genau wie die Sterndeuterin gesagt hatte.

Sie stand allein in einem kleinen Talbecken, ihre Wedel reglos in der Morgenstille, und darunter lag ein runder, grauer Stein, glatt wie von Wasser poliert, obgleich weit und breit kein Wasser zu sehen war. Tamir stieg vom Pferd, kniete nieder und legte beide Hände auf den Stein. Er war warm, nicht von der Sonne, denn die stand noch tief, sondern mit einer eigenen, inneren Wärme, wie Haut oder Atem. Als er den Stein umwandte, fuhr ein Leuchten aus der Erde, golden und weich, und der Boden öffnete sich nicht mit Getöse, sondern wie ein Seufzen, als hätte die Wüste selbst auf diesen Moment gewartet. Aus der Tiefe stieg Rauch, zunächst blau, dann weiß, dann golden, und er verdichtete sich zu einer Gestalt:

groß wie ein Turm, gekleidet in Gewänder, die aus Mondlicht und altem Sternenstaub gewebt schienen, das Gesicht edel und ernst und uralt, die Augen wie zwei Bernsteinsteine, in denen Jahrtausende ruhten. Ich bin Murad, sprach der Dschinn, und seine Stimme war das Echo von Wind in Bergspalten, warm wie eine Feuerstelle in der Nacht. Und du bist Tamir, der Sohn des Tamir, des Sohnes des Tamir, ich kenne dein Geschlecht seit dreizehn Generationen.

Tamir stand aufrecht, obwohl seine Knie schwankten, und er sprach mit einer Fassung, die ihm selbst überraschte: Wisse, o mächtiger Murad, ich bin gekommen, weil ich deinen Ruf hörte in meinen Träumen, und ich frage dich: Warum hast du mich gerufen? Der Dschinn betrachtete ihn lange, und in seinem Blick lag etwas, das kein Mensch je zuvor gesehen hatte, etwas zwischen Trauer und Erleichterung, wie das Gesicht eines, der lange allein war und nun Gesellschaft findet. Ich habe deine Väter und Großväter gerufen, sprach Murad, doch keiner fand den Weg. Du bist der erste, der kam.

Und so begann Murad zu erzählen, von einem Unrecht, das in der Zeit von Tamirs Ururgroßvater geschehen war, als ein voreiliger König einen unschuldigen Dschinn der Lüge beschuldigte und ihn in Stein bannte, hier unter dieser Palme, ohne Sprache und ohne Freiheit, gebunden durch ein Siegel aus bitterer Ungerechtigkeit. Dreizehn Generationen hatte Murad geschlafen und gewartet, hatte Träume geschickt wie Briefe in die Nacht, und dreizehn Generationen hatten sie nicht gehört oder nicht gewagt zu folgen. Tamir hörte zu, ohne zu unterbrechen, und mit jedem Wort des Dschinns wurde die Luft um ihn weicher, schwerer, erfüllt von dem süßen Gewicht alter Geschichten. Was brauchst du von mir? fragte Tamir, als Murad geendet hatte.

Nur dies, antwortete der Dschinn, und in seiner Stimme lag eine Stille, tiefer als die Wüste selbst: Dass du zurückgehst in den Palast deines Vaters und seinen ältesten Wächter fragst, der noch den Namen meines Unrechts kennt — er wird dir sagen, was auszusprechen ist. Nur ein Wort des Eingestehens, von einem aus dem Geschlecht des Königs gesprochen, kann das Siegel lösen. Es war eine kleine Bitte, und Tamir erkannte, dass alle großen Ungerechtigkeiten zuletzt auf kleine Wahrheiten warten.

Er ritt zurück, drei Tage durch die Wüste, das Leuchten von Murads Augen noch im Gedächtnis. Im Palast fand er den alten Wächter Hassan, der so alt war, dass seine Hände zitterten wie Blätter im Wind, aber dessen Gedächtnis klar war wie junges Wasser. Hassan kannte die Geschichte — er hatte sie als Kind von seinem Großvater gehört, und er flüsterte Tamir das Wort ins Ohr: Ungerechtigkeit. Nur das. Auf Arabisch gesprochen, mit aufrichtigem Herzen.

In der folgenden Nacht ritt Tamir wieder in die Wüste, stand wieder vor der Palme, und sprach laut in die Stille: Im Namen meines Geschlechts und aller, die vor mir waren, spreche ich aus: Es war Ungerechtigkeit. Wir haben Unrecht getan. Wir bitten um Vergebung. Die Erde zitterte sanft, die Palme neigte ihre Wedel, und der Stein, obwohl Tamir ihn nicht berührte, rollte von selbst beiseite. Aus der Erde stieg kein Rauch diesmal, nur Licht, golden und warm, das sich in den Nachthimmel ergoss wie Wasser in Sand. Murad erschien nicht mehr als mächtiger Geist, sondern als das, was er immer gewesen war: ein Wesen von unendlicher Würde und Güte, das Jahrtausende gewartet hatte, um diese eine einfache Wahrheit zu hören.

Er stand im Mondlicht, und Tamir sah, dass er lächelte, ein Lächeln, das wie eine Tür aufging, hinter der ein weites, friedliches Land lag. Du hast getan, was dreizehn Generationen nicht taten, sprach Murad, und dafür werde ich dir kein Gold geben und keine Wünsche erfüllen, denn du hast nicht aus Gier gehandelt, sondern aus Wahrhaftigkeit. Was ich dir gebe, ist schwerer als Gold: Wann immer du in der Nacht die Augen schließt und nicht schlafen kannst, werde ich dir Geschichten schicken, Geschichten aus allen Ländern und allen Zeiten, und sie werden dich tragen wie Wasser ein Boot.

Tamir kehrte nach Bagdad zurück, und von jener Nacht an war er ein anderer. Nicht ruhelos mehr, nicht suchend, sondern still, auf eine Art, die tiefer war als Stille. Er wurde mit den Jahren ein weiser Kalif, der seinen Untertanen zuhörte wie einem Freund und der niemals vergaß, dass hinter jedem Stein eine Wahrheit warten konnte, die nur darauf wartete, ausgesprochen zu werden. Und jede Nacht, wenn er die Augen schloss, kamen die Geschichten, leise, sanft, golden wie das Licht aus der Wüste. Und auch diese Nacht legt sich über uns wie ein milder Mantel, und die Geschichten fließen weiter, leise und endlos, in die ruhige Dunkelheit hinein.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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