Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen

Der Papagei und der König

In den Zeiten der Kalifen, als die Nächte noch tiefer waren und die Sterne heller leuchteten als heute, lebte in einer Stadt am Rande der großen Wüste ein König, dessen Name wie Gold auf der Zunge lag. Sein Palast war ein Wunder aus weißem Stein und blauem Mosaik, seine Gärten dufteten nach Rosen und feuchter Erde, und in den Innenhöfen plätscherten Brunnen, deren Klang so stetig und beruhigend war wie ein leises Lied.

Der König war gerecht und weise, er liebte die Künste und die Gelehrten, und doch fehlte ihm an manchem Abend etwas, ein Begleiter, der ihm die Wahrheit sagte, ohne Angst vor seiner Macht zu haben. Es begab sich, dass ein Händler aus fernen Ländern an den Hof kam und mit sich brachte, was er sein kostbarstes Gut nannte: einen Papagei von seltener Schönheit.

Das Gefieder des Vogels schimmerte in tausend Grüntönen, von dem tiefen Dunkel der Wälder bis zu dem hellen Leuchten junger Blätter im Frühling, und sein Schnabel war so rot wie eine reife Granate. Doch was diesen Papagei von allen anderen unterschied, war seine Stimme, nicht nur nachahmend, nicht nur schön, sondern klug. Er sprach in vollendeten Sätzen, erzählte Geschichten, und was noch merkwürdiger war: Er kannte die Wahrheit, wenn er sie hörte, und er erkannte die Lüge, bevor sie ausgesprochen war. Der König kaufte den Vogel und ließ ihm einen Käfig aus vergoldetem Holz anfertigen, mit Stäben aus poliertem Silber und einem Dach aus rotem Samt.

Der Papagei saß darin wie ein weiser Richter auf seinem Thron, neigte den Kopf und betrachtete alles mit einem Auge, das zu viel zu wissen schien. Von jenem Tag an stand der Käfig in den Gemächern des Königs, und der Vogel wurde sein Vertrauter, sein Ratgeber in kleinen Dingen, sein Unterhalter in langen Nächten, sein stiller Zeuge in allen Stunden. Nun hatte der König auch eine Gemahlin, schön wie der aufgehende Mond, mit Augen so dunkel wie der Nachthimmel und einem Lächeln, das jeden Raum erwärmen konnte.

Doch in ihrem Herzen lebte eine Unruhe, die der König nicht sah, oder nicht sehen wollte. Sie fühlte sich allein in den langen Stunden, da ihr Gemahl auf Jagd ritt oder Rat hielt, und ihre Gedanken wanderten zu einem jungen Edelmann des Hofes, dessen Lachen hell und dessen Worte süß waren wie Honig aus dem Bergstock. Der Papagei sah alles. Er saß in seinem silbernen Käfig und schwieg, vorerst. Denn er war klug genug zu wissen, dass es Momente gibt, in denen Schweigen mehr schützt als Sprechen, und Momente, in denen das Gegenteil gilt.

Er beobachtete, wie die Königin lächelte, wenn der junge Edelmann den Saal betrat, wie ihre Finger unbewusst das seidene Tuch an ihrem Gewand glätteten, wie ihr Blick ihm folgte, wenn er sich entfernte. Und der Papagei dachte nach, mit jenem tiefen, stillen Nachdenken, das Vögeln eigen ist, die mehr wissen als sie zeigen. Als der König eines Abends zurückkehrte von der Jagd, müde und staubbedeckt, das warme Licht der Öllampen auf seinem Gesicht, setzte er sich neben den Käfig und sprach: Nun, mein weiser Freund, was hat die Welt heute getan, während ich fort war?

Der Papagei neigte den Kopf und antwortete mit einer Geschichte. Nicht mit einer Anklage, nicht mit einem Vorwurf, sondern mit einer Geschichte, wie es die Art kluger Wesen ist, die Wahrheit sagen, ohne zu verletzen. Es war einmal ein Garten, begann der Papagei, in dem der Gärtner jeden Morgen zur Arbeit ging und jeden Abend zurückkehrte. Und der Garten war schön, voller Rosen und Granatäpfeln und duftender Kräuter.

Doch in der Stille des Mittags, wenn der Gärtner fort war, kam manchmal der Wind, warm und süß und lockend, und die Blüten neigten sich ihm entgegen, wie Blüten es tun, weil sie nicht anders können als das Licht zu suchen, von welcher Seite es auch komme. Der König hörte zu, und sein Gesicht war still, aber in seinen Augen bewegte sich etwas, langsam und schwer, wie ein Stein, der auf dem Grund eines Brunnens sinkt.

Er fragte nicht weiter. Er stand auf und ging, und der Papagei saß in seinem Käfig und putzte ruhig sein Gefieder, als habe er nichts weiter getan als eine Nachtgeschichte erzählt. Was in jener Nacht zwischen dem König und der Königin gesprochen wurde, das weiß nur der Mond, der durch die geschnitzten Gitter des Fensters schaute. Doch am nächsten Morgen war die Unruhe aus den Augen der Königin gewichen, ersetzt durch etwas Ruhigeres, Tieferes, wie ein See nach dem Sturm, wenn das Wasser sich wieder glättet und den Himmel spiegelt. Und der junge Edelmann wurde in eine ferne Provinz gesandt, um dort als Verwalter zu dienen, eine Ehrung, wie es hieß, und niemand widersprach.

Die Tage vergingen, und der Palast atmete wieder gleichmäßig, wie ein Haus, in dem alle Türen schließen und alle Fenster dicht sind gegen den nächtlichen Wind. Der König saß häufiger bei dem Papagei als zuvor, und die beiden verbrachten die Abendstunden in jenem besonderen Schweigen, das zwischen Wesen entsteht, die einander verstehen ohne viele Worte. Manchmal erzählte der Papagei Geschichten von fernen Ländern, von Kaufleuten und Dschinnen, von Wüsten und Meeren, und der König hörte zu mit geschlossenen Augen, als reise er selbst durch jene Bilder.

Es heißt, dass der Papagei sehr alt wurde, älter als Papageien gewöhnlich werden, und dass er noch an dem Tag sprach, da seine Federn grau wurden und sein Blick sich trübte. Sein letztes Wort an den König war kein Rat und keine Geschichte, sondern eine einzige Frage: O mein Herr, weißt du, warum ich immer die Wahrheit gesprochen habe? Der König schüttelte den Kopf. Weil du mein König warst, sagte der Vogel, und weil ein König, dem niemand die Wahrheit sagt, allein ist in seiner Macht, und Einsamkeit ist die schwerste Krone von allen.

Der König ließ den Papagei in dem Garten begraben, unter dem ältesten Granatapfelbaum, dort, wo die Erde weich war und nach Regen und Rosenblättern duftete. Er ließ einen kleinen Stein setzen, ohne Namen, ohne Inschrift, nur ein Stein, glatt und rund, wie ihn der Fluss schleift in vielen stillen Jahren. Und es heißt, dass der Baum seither reicher trug als je zuvor, als trüge er in seinen Früchten etwas von der Weisheit dessen, der darunter ruhte. In den Nächten, wenn der Mond über den Minaretten stand und die Brunnen im Innenhof ihr leises Lied sangen, da setzte der König sich manchmal allein in den Garten und lauschte.

Vielleicht hörte er nur den Wind in den Blättern. Vielleicht hörte er mehr. Doch sein Gesicht war ruhig dabei, und seine Hände lagen entspannt in seinem Schoß, und wer ihn so gesehen hätte, der hätte gedacht: das ist ein Mann, der Frieden gefunden hat. Die Nacht breitete ihren dunklen Mantel über den Palast, über die Stadt, über die Wüste dahinter, und alles war still und geborgen, wie es sein soll, wenn eine Geschichte zu Ende geht und der Schlaf kommt, sanft und warm wie eine Hand, die sich über müde Augen legt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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