Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Der Olymp in der Abenddämmerung
In jenen alten Tagen, als die Welt noch ihre erste Gestalt trug und die Götter ihren Berg bewohnten wie ein Heim, das niemals vergehen würde, neigte sich ein langer Tag über Hellas seinem Ende. Die Sonne hatte die weißen Küsten gestreift, das weinrote Meer hatte geschimmert, und nun sank das Licht in ruhigen Bahnen hinter die fernen Inseln. Über dem Olymp aber begann die Dämmerung auf eine Weise, die kein Sterblicher je sah, nicht als Dunkel, sondern als ein Vergolden, als würde das Licht nicht vergehen, sondern sich verwandeln.
Der Berg selbst ragte weit über die Wolken der Welt, und seine Gipfel lagen in einem ewigen Abend, der weder kalt noch finster war. Die Paläste der Götter standen dort oben, aus Stein gebaut, den keine Menschenhand behauen hatte, und zwischen ihren Säulen wehte ein Wind, der nach Ambrosia duftete, nach jenem süßen Hauch, den man nur dort oben kennt, hoch über allem Vergänglichen. Die goldenen Türen der Götterburg standen in der Abenddämmerung weit offen, und das Licht, das aus den Hallen fiel, war heller als das der Sonne.
Zeus, der wolkenversammelnde Vater der Götter, saß auf seinem Thron am höchsten Punkt des Olymp, von wo aus sein Blick die ganze Erde umfasste. Er ruhte, so wie nur ein Wesen ruhen kann, das Vergangenheit und Zukunft in sich trägt, still, aber nicht untätig, schwer, aber nicht müde. Neben ihm stand Hera, seine Gemahlin, die goldbekrönte Königin des Himmels, und blickte hinab auf die dunkler werdenden Ebenen Griechenlands, auf die kleinen Lichter der Feuerstellen, die dort unten eines nach dem anderen aufflackerten.
Weiter unten, in den Hallen und Gärten des Götterberges, bewegte sich das Leben der Unsterblichen in seinem ewigen Rhythmus. Hephaistos, der kunstfertige Gott des Feuers, trat aus seiner Schmiede, und das Glühen des Metalls, das er den ganzen Tag bearbeitet hatte, lag noch auf seinem Gesicht. Er hatte etwas Neues geschaffen, ein Werk, so fein, dass selbst die Götter daran hängenbleiben würden, und nun trug er es in die großen Hallen, wo das Abendmahl der Götter bereitet wurde. Hephaistos war nicht schön wie Apollon, doch seine Hände kannten Geheimnisse, die kein anderer auf dem Olymp besaß.
Apollon selbst stand an einem der Säulengänge und ließ seine Lyra klingen. Er spielte leise, fast für sich, und die Töne breiteten sich aus wie Ringe auf stiller Wasserfläche, erst über den Olymp, dann hinab in die Wolken, dann weiter bis in die Täler, wo schlafende Menschen träumten, ohne zu wissen, woher die Melodie in ihre Nacht gekommen war. Er spielte von der Sonne, die er am Tag gelenkt hatte, von den Küsten, über die sein Wagen gefahren war, von den Tempeln, in denen man ihm Kränze gebracht hatte. Und während er spielte, lauschten die Musen, neun Schwestern, die sich im Halbkreis um ihn versammelt hatten wie Sterne um einen hellen Mittelpunkt.
Artemis kehrte in dieser Stunde vom Gebirge zurück. Sie trat aus dem Waldgürtel des Olymp, ihr silberner Bogen über der Schulter, und hinter ihr liefen ihre Hunde in die Hallen, müde von der Jagd, aber zufrieden. Die eulenäugige Athene begegnete ihr auf dem Weg und neigte kurz den Kopf, und Artemis erwiderte den Gruß mit einem Blick, der so klar war wie Quellwasser. Die beiden Göttinnen tauschten keine vielen Worte, sie brauchten es nicht, denn zwischen ihnen lag ein altes Verstehen, das keine Sprache braucht.
Hermes, der Götterbote mit den geflügelten Sandalen, saß auf einem niedrigen Mauervorsprung am Rand des Olymp und ließ die Beine baumeln, oder es schien so, denn er saß selten wirklich still. Er hatte den ganzen Tag Botschaften zwischen den Welten getragen, zwischen Göttern und Sterblichen, zwischen Licht und Dunkel, und nun gönnte er sich einen Augenblick des Schauens. Tief unter ihm erloschen die letzten Streifen des Sonnenlichts über dem Meer, und die ersten Sterne zündeten sich an, einer nach dem anderen, als entzünde eine unsichtbare Hand Lampen in einem unermesslichen Raum.
Dionysos brachte Wein. Er kam lachend durch die Hallen, eine Amphore in der Hand, und die Luft um ihn roch nach reifen Trauben und warmem Herbst. Wo immer er erschien, wurden die Stimmen lauter, die Schultern leichter, und selbst die ernste Hera lächelte ein wenig, als er an ihr vorbeitanzte und ihr eine Schale reichte. Hephaistos nahm dankbar einen Schluck und trug sein Werk zur Mitte der Halle. Die Götter traten heran und betrachteten es, und ein Murmeln der Bewunderung lief durch den Raum, so wie es unter Menschen geht, wenn etwas Schönes zum ersten Mal das Licht erblickt.
Poseidon war an diesem Abend vom Meer heraufgekommen. Er saß am großen Tisch mit seinem Dreizack, den er wie einen Stock neben sich lehnte, und der Geruch des Salzwassers lag noch in seinem Haar und Bart. Er erzählte von einem Sturm, den er am Morgen gelenkt hatte, von einem Schiff, das er hatte ziehen lassen, und von den Tiefen seines Reiches, in denen Dinge schliefen, die selbst er nicht immer weckte. Die anderen Götter hörten ihm zu, denn Poseidon sprach selten auf dem Olymp, und wenn er es tat, war es der Klang einer anderen Welt, die mit der ihren nur durch Küstenlinien verbunden war.
Demeter hatte Blumen mitgebracht, nicht als Zierde, sondern weil sie immer etwas aus der Erde bei sich trug, irgendeinen kleinen Beweis dafür, dass das Wachsen und Reifen und Ruhen seiner Jahreszeiten fortging. Sie hatte sie in eine Schale gelegt, mitten auf den Tisch, und die Blüten dufteten so frisch, als wäre es Frühling und nicht Abend. Neben ihr saß Hestia, die stille Göttin des Herdfeuers, die selten sprach und selten fehlte. Hestia hütete das Feuer im Herzen des Olymp, und solange dieses Feuer brannte, war der Berg ein Heim.
Zeus erhob sich von seinem Thron und trat in die Hallen. Sein Schritt war schwer und doch ruhig, und wenn er durch einen Raum ging, richteten sich die Augen auf ihn, nicht aus Furcht, sondern aus jenem alten Erkennen, das unter Göttern lebt wie unter Sterblichen: dass in manchen Wesen etwas wohnt, das größer ist als sie selbst. Er blickte auf seine Kinder und Geschwister, auf die Unsterblichen, die mit ihm diesen Berg bewohnten, und sein Gesicht trug an diesem Abend keinen Zorn und keine Entschlossenheit, sondern etwas Selteneres. Er setzte sich zu ihnen, und das genügte.
Was sie an jenem Abend besprachen, ist nicht überliefert, oder vielleicht gehört es zu jenen Dingen, die die Götter für sich behalten. Man weiß, dass Apollon weiter spielte, leiser nun, und dass seine Musik durch die Hallen zog wie Rauch durch einen Tempel. Man weiß, dass der Wein getrunken wurde und das Feuer brannte und Hermes schließlich aufgehört hatte, mit den Beinen zu baumeln, und einfach saß. Die Nacht stieg über dem Olymp auf, aber die Götter kannten keine Dunkelheit wie die Sterblichen, bei ihnen war Nacht nur ein anderes Licht, ruhiger und kühler, ein Vorhang aus Sternen.
Tief unten, am Fuß des Berges, schliefen die Menschen in ihren Häusern und unter ihren Oliven. Die Zikaden schwiegen. Das Meer bewegte sich in langen, gleichmäßigen Atemzügen. Und wer in jener Nacht zufällig aufblickte, sah weit oben am Himmel ein Leuchten, das kein Stern war und keine Wolke, nur das Licht der ewigen Feuer des Olymp, das durch die Nacht fiel wie eine Erinnerung daran, dass die Götter wachten.
So war der Abend auf dem Olymp: kein großes Ereignis, kein Kampf und kein Orakelspruch, nur das ewige Beisammensein der Unsterblichen am Ende eines langen Tages. Und wer die griechischen Mythen kennt, weiß, dass auch das Elysium, das Reich der Seligen in der Tiefe der Erde, an diesem Abend ruhte, dass die Seelen dort unten ihren Frieden hatten, so wie die Götter dort oben den ihren. Zwei Welten, eine oberhalb der anderen, beide still in der Abenddämmerung.
Der Olymp in der Nacht war still wie ein Tempel nach dem letzten Gebet, und das Feuer im Herzen des Berges brannte ruhig weiter, durch alle Zeitalter, durch alle Geschichten, durch alle Nächte, die noch kommen würden. Die Götter ruhen nun, und der Olymp liegt still unter den Sternen, und Hypnos und seine Träume gehen ihren alten Weg durch die Nacht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.