Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Der Morgen am leeren Grab
Es war noch dunkel, als die Frauen sich auf den Weg machten. Die Nacht lag noch über Jerusalem, über den Gassen und den Dächern, über den Hügeln und den Gärten vor der Stadt, und nur im Osten, ganz am Rand der Welt, begann der Himmel sich zu verändern, ein erstes, kaum sichtbares Grau, das von dem Morgen wusste, der kommen würde. Die Frauen gingen leise durch die schlafenden Straßen. Maria aus Magdala war unter ihnen, und mit ihr andere, die ihm nahegestanden hatten, und sie trugen wohlriechende Öle bei sich, wie es der Brauch war, um einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.
Die Tage zuvor waren die schwersten ihres Lebens gewesen. Der, dem sie gefolgt waren durch Galiläa und Judäa, der die Stürme gestillt hatte und die Kinder gesegnet, der von dem guten Hirten erzählt hatte und vom verlorenen Sohn — er war gestorben, und mit ihm schien alles gestorben, was sie gehofft hatten. Man hatte ihn in ein Grab gelegt, das in den Felsen gehauen war, in einem Garten vor der Stadt, und einen großen Stein vor den Eingang gewälzt. Und dann war der Sabbat gekommen, ein Tag der erzwungenen Stille, an dem die Trauer im Haus saß wie ein Gast, der nicht geht.
Nun aber, am ersten Tag der Woche, in der frühesten Frühe, gingen sie hinaus. Es war jene Stunde, in der die Welt am stillsten ist, die Vögel noch nicht erwacht, der Tau noch auf den Gräsern, die Luft kühl und rein wie Wasser aus einer tiefen Quelle. Die Frauen sprachen leise miteinander, während sie gingen, und ihre Sorge war eine ganz und gar praktische: Wer wälzt uns den Stein vom Eingang des Grabes? Denn der Stein war groß und schwer, schwerer als die Kräfte einiger Frauen, und sie wussten keine Antwort. Aber sie gingen trotzdem. So ist die Liebe: Sie geht auch dann, wenn sie nicht weiß, wie es weitergehen soll.
Der Garten lag still im ersten Dämmerlicht, als sie ihn erreichten. Die Olivenbäume standen dunkel und ruhig, und der Pfad zwischen ihnen war schmal und feucht vom Tau. Und dann sahen sie es, und blieben stehen, alle zugleich, als hätte eine Hand sie angehalten. Der Stein war fort. Der große, schwere Stein, um den sie sich gesorgt hatten, war vom Eingang gewälzt, und das Grab lag offen, still und dunkel in der Dämmerung des Gartens. Sie traten näher, zögernd, Schritt für Schritt, das Herz laut in der Brust. Und sie beugten sich in das Grab hinein, und es war leer. Die Tücher lagen dort, sorgsam zusammengelegt, als wäre jemand in aller Ruhe aufgestanden. Aber der, den sie suchten, war nicht da.
Und dann war da ein Licht. Es kam nicht von der aufgehenden Sonne, denn die stand noch unter dem Horizont — es war ein anderes Licht, sanft und groß zugleich, und in ihm eine Gestalt in einem Gewand, weiß wie Schnee. Die Frauen erschraken und neigten ihre Gesichter zur Erde. Aber die Stimme, die zu ihnen sprach, war voller Güte, und ihre ersten Worte waren dieselben Worte, die in den großen Augenblicken dieser Geschichten immer zuerst gesprochen werden: Fürchtet euch nicht.
Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Die Worte standen im stillen Garten wie das erste Licht des Tages, zu groß, um sie sofort zu fassen, und doch unüberhörbar wahr. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Die Frauen hoben langsam die Gesichter, und die Gestalt sprach weiter, ruhig und klar: Sie sollten hingehen und es seinen Jüngern sagen, dass er lebe, und dass er ihnen vorausgehe nach Galiläa, dorthin, wo alles begonnen hatte, an den See, zu den Hügeln, in das Licht der ersten Tage.
Wie beschreibt man, was in diesen Frauen vorging, als sie den Garten verließen? Es war Furcht darin und große Freude zugleich, ineinander verwoben wie zwei Fäden eines einzigen Tuches. Sie liefen — sie gingen nicht, sie liefen, durch den erwachenden Morgen, zurück zur Stadt, und während sie liefen, stieg im Osten die Sonne über die Hügel, und ihr erstes Licht fiel golden auf die Mauern Jerusalems, auf die Dächer und die Türme, auf die Straßen, durch die sie eilten. Es war derselbe Sonnenaufgang wie an jedem Morgen, und doch war es der erste Morgen einer neuen Welt.
Sie kamen zu den Jüngern, atemlos, und erzählten alles, den Stein, das leere Grab, das Licht, die Worte. Und die Männer hörten zu, und manche glaubten und manche zweifelten, und einige liefen selbst hinaus zum Grab und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten: offen und leer, die Tücher still an ihrem Ort. Sie standen in dem Garten, in dem nun die Vögel sangen, und wussten nicht, was sie sagen sollten. Manche Wahrheiten brauchen Zeit, um in einem Menschen anzukommen, wie das Morgenlicht, das langsam in ein Tal sinkt, Hang um Hang, bis alles hell ist.
Aber die Botschaft jenes Morgens ließ sich nicht mehr aufhalten. Sie wanderte von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, leise zuerst, wie alle großen Dinge leise beginnen: Er lebt. Das Grab ist leer. Der Tod hat nicht das letzte Wort behalten. Und noch am Abend desselben Tages sollten zwei Wanderer auf einer staubigen Straße nach Emmaus erfahren, wie wahr diese Worte waren, doch das ist die nächste Geschichte, die schon wartet.
Der Garten vor der Stadt aber lag nun im vollen Licht des Morgens. Der Tau verdunstete auf den Gräsern, die Olivenbäume glänzten silbern, und der große Stein lag still neben dem offenen Grab, von der Sonne gewärmt. Und wer an jenem Tag durch den Garten ging, der spürte vielleicht, dass dieser Ort kein Ort der Trauer mehr war, sondern der stillste, hellste Ort der ganzen Welt. Und so begann der Morgen, von dem alle Morgen seither erzählen: mit Frauen, die in der Dunkelheit aufbrachen, mit einem Stein, der fortgewälzt war, und mit Worten, die seit jenem Tag durch alle Zeiten klingen, ruhig und unerschütterlich wie das Licht selbst: Fürchtet euch nicht. Er ist auferstanden.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.