Andreas’ Nacht

Nach Ludwig Bechstein · 9 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Mann ohne Herz

Sieben Brüder wohnten allein in einem Haus am Rand eines Waldes, und sie hatten weder Vater noch Mutter mehr und auch keine Schwester. Im Winter saßen sie eng um den Herd, weil das Holz knapp war, und jeder flickte, was zu flicken war. Eines Abends legte der älteste sein Messer weg und sagte, so gehe das nicht weiter, in diesem Haus fehle es an Frauenhänden. Sie beschlossen, in die Fremde zu ziehen und sich Bräute zu suchen, sechs von ihnen, und für den siebenten sollte eine mitgebracht werden.

Der Jüngste war noch schmal in den Schultern und blieb zu Hause bei der Kuh und den Ziegen. Er stand am Morgen im Tor, als die sechs über den gefrorenen Acker gingen, einer hinter dem anderen, und ihre Schritte klangen hart, wie Schritte auf Holz. Sorge dich nicht, riefen sie zurück, wir bringen dir die schönste mit. Dann waren sie hinter dem Hügel, und er ging in die Stube zurück und legte einen Scheit nach. Im Stall nebenan atmete die Kuh so laut, dass er es durch die Wand hörte.

Sie wanderten zwei Tage durch den Wald. Am zweiten Abend stand mitten zwischen den Bäumen ein niedriges Häuschen, aus dessen Schornstein Rauch stieg, und vor der Tür ein alter Mann mit einem weißen Stab in der Hand. Wohin des Weges, fragte er. Als sie es ihm sagten, nickte er und bat, sie möchten ihm auch eine Braut mitbringen, eine junge und hübsche. Die Brüder sagten weder ja noch nein, und als sie um die Ecke waren, lachten sie und fragten sich, was so ein eisgrauer alter Mann wohl mit einer jungen hübschen Braut anfangen wolle. Dann dachten sie nicht mehr daran.

In der Stadt kehrten sie in ein Haus ein, in dem sieben Schwestern lebten. Es dauerte nicht lange, und es waren sechs Paare beisammen, und die jüngste Schwester sagte zu, mit ihnen zu gehen und den siebenten Bruder zu nehmen, den sie noch nie gesehen hatte. Sie packte ein Bündel und band sich ein warmes Tuch um. So zogen dreizehn Menschen aus dem Stadttor, und es fing an zu schneien, und der Weg zurück in den Wald war weiß und still.

Vor dem niedrigen Häuschen stand der Alte und wartete. Er sah die Reihe an und deutete auf die Jüngste und sagte, das lobe ich, dass ihr mir eine so junge hübsche Braut mitgebracht habt. Die Brüder schoben sie hinter sich, und der Älteste sagte, die sei nicht für ihn, die sei ihrem Bruder zu Hause versprochen. Versprochen, sagte der Alte, so will ich euch auch etwas versprechen. Da hob er den weißen Stab. Es geschah ohne Lärm. Wo eben zwölf Menschen im Schnee gestanden hatten, standen zwölf graue Steine am Wegrand, und der Schnee fiel darauf und blieb liegen.

Die Jüngste nahm er mit ins Haus. Sie musste ihm kochen und die Stube kehren und das Feuer halten, und weil sie sonst nichts tun konnte, tat sie es gut. Am Abend saß der Alte am Ofen und sah ins Feuer, und in der Stille fragte sie ihn einmal, warum sein Herz nie schlage, wenn er atme. Da lachte er und sagte, mein Herz trage ich nicht im Leibe, das ist längst anderswo. Draußen strich der Wind an den Wänden entlang und fand keine Ritze, durch die er hereingekommen wäre.

Wo denn, fragte sie. In der Bettdecke steckt es, sagte er. Am nächsten Tag nähte sie Blumen aus buntem Garn in die Decke, und als er es sah, fragte er, was das solle. Da steckt ja dein Herz, sagte sie, das soll es schön haben. Er lachte, bis ihm die Augen liefen, und sagte, es sei ihm nur so herausgefahren, in Wahrheit stecke sein Herz in der Stubentür. Sie merkte sich das Lachen und sagte nichts dazu, und am Abend legte sie die Decke ordentlich zurecht.

Auch die Stubentür bekam am nächsten Morgen ihren Schmuck, grüne Zweige und Bänder und alles, was der Winter hergab. Der Alte wurde still, als er hereinkam. Dann setzte er sich und sagte ihr die Wahrheit, weil ihn wohl niemand je so gefragt hatte. Weit von hier stehe eine sehr alte Kirche, verwahrt wie eine Festung, und um sie herum ein tiefer Wassergraben ohne Brücke. In der Kirche fliege ein Vogel, und in diesem Vogel wohne sein Herz.

Nicht lange danach klopfte es. Draußen stand ein junger Wandergeselle mit rotem Gesicht und nassen Schuhen, und die Frau erkannte ihn an den Augen, ehe er den Mund auftat, denn seine Brüder hatten dieselben gehabt. Sie zog ihn in die Küche, gab ihm heiße Milch und versteckte ihn unter dem Bett, ehe der Alte heimkam. So hörte der Jüngste alles noch einmal, Wort für Wort, und in der Nacht ging er wieder fort. Sie stand noch lange an der offenen Tür und sah ihm nach.

Am Mittag setzte er sich an einen Stein und packte sein Brot aus, und weil er allein war und die Stille ihm zu groß wurde, rief er in den leeren Wald hinein, es solle kommen, wer Hunger habe. Da knackte es im Dickicht, und ein roter Ochse kam heraus und stellte sich neben ihn, so nah, dass sie sich die Wärme teilten, und fraß ihm die halbe Rinde aus der Hand. Beim Weggehen drehte er den Kopf und sagte, brauchst du einmal Hilfe in Not, so denke an mich, dann bin ich da.

Kaum war der Ochse fort, brach ein wildes Schwein durch den Schnee, wühlte sich vor dem Stein einen Platz frei bis auf die schwarze Erde hinunter und fraß, was noch dalag, und es schnaufte dabei so laut, dass der Geselle sein eigenes Kauen nicht mehr hörte. Es roch nach Erde und nassem Fell. Auch dieses sagte beim Weggehen, brauchst du einmal Hilfe in Not, so denke an mich, und war zwischen den Stämmen verschwunden, ehe er aufstehen konnte.

Dann wurde es über ihm dunkel. Ein Greif kam herunter, so groß, dass der Schnee von den Zweigen ging, setzte sich auf den Stein und sah ihn aus gelben Augen an. Der Geselle gab ihm den letzten Bissen, und der Greif nahm ihn behutsam, wie ein sehr großes Tier eine sehr kleine Sache nimmt. Auch er sagte seinen Spruch. Dann stieg er auf, und der Wind von seinen Flügeln fuhr dem Gesellen ins Gesicht, und der Stein unter ihm war noch warm von den drei Gästen.

Die Kirche fand er am dritten Tag. Sie stand allein in einer Ebene, grau und ohne Fenster, und der Graben um sie herum war so breit, dass ein Stein nicht hinüberflog. An den Rändern lag Eis in dünnen Platten, in der Mitte ging das Wasser schwarz und ohne eine Falte. Er ging einmal ganz herum und fand keine Brücke und keine Furt und keinen Stein, der aus dem Wasser sah. Dann setzte er sich in den Schnee und dachte an den roten Ochsen.

Der Ochse kam über die Ebene gelaufen, stellte sich an den Rand und trank, und er trank so lange, dass das Wasser sank und der Grund hervorkam, Schlamm und alte Steine, und das Eis an den Rändern brach nach innen und klirrte leise. Der Geselle stieg hinunter und stand vor der Mauer, und die Mauer war glatt und ohne Fuge. Da dachte er an das Schwein, und das Schwein kam und wühlte, bis die Steine nachgaben und ein Loch offen stand.

Drinnen war es finster und sehr hoch, und oben unter dem Gewölbe hörte er einen Vogel fliegen, hin und her, immer wieder von einer Wand zur anderen, und der Ton der Flügel kam jedes Mal von einer anderen Seite zurück. Er konnte ihn nicht sehen und nicht fangen. Da dachte er an den Greif, und der Greif kam durch das Loch in der Mauer, füllte das ganze Schiff mit dem Schlagen seiner Flügel und holte den Vogel aus dem Dunkel herunter. Dann war es wieder still.

Der Vogel war warm in seinen Händen und leicht wie ein Bündel Federn. Er trug ihn unter dem Rock zurück durch den Wald, und als er am Abend an das Häuschen kam, ging er nicht durch die Tür, sondern kroch, wie beim ersten Mal, unter das Bett, wo es dunkel war. Die junge Frau saß bei dem Alten am Ofen, und der sah ins Feuer wie an jedem Abend. Da drückte der Geselle den Vogel ein wenig in seiner Hand. Der Alte fuhr auf und griff sich an die Brust und sagte, ach, Kind, es tut mir weh, der Tod kneift mich. Und der Geselle drückte noch einmal, fester, und der Alte sank in seinem Stuhl zurück und rührte sich nicht mehr, und es war ganz still in der Stube, nur das Feuer knisterte, und draußen stand der Wald schwarz und still um das Haus.

Die junge Frau nahm den weißen Stab, der neben der Tür lehnte, und ging mit ihm hinaus an den Weg. Sie berührte die grauen Steine, einen nach dem anderen, und einer nach dem anderen richtete sich auf und schüttelte sich den Schnee von den Schultern. Sie gingen alle zusammen zurück zu dem Haus am Rand des Waldes, wo die Kuh im Stall stand, und im Frühjahr wurde dort mehr als eine Hochzeit gehalten. Am Waldweg aber blieben zwölf Mulden im Schnee zurück, und der nächste Fall deckte sie zu.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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