Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen

Der Mann mit der entstellten Lippe

Eines späten Abends, ich, Doktor Watson, saß bereits friedlich mit meiner Frau daheim, klopfte es unerwartet, und eine bekümmerte Nachbarin bat mich um Hilfe. Ihr Mann, ein gutmütiger, aber leider dem Opium verfallener Herr, sei seit Tagen verschwunden, und sie wisse ihn in einer üblen Rauchhöhle unten am Fluss. Aus alter Freundschaft erklärte ich mich bereit, ihn von dort heimzuholen. So fuhr ich in jener Nacht in einen finsteren Winkel der Stadt, in eine enge Gasse nahe den Docks, wo hinter einer niedrigen Tür eine jener traurigen Stätten lag, in denen die Menschen ihren Kummer im Rauch ertränken.

Im trüben Licht und beißenden Qualm fand ich den Vermissten und schickte ihn in einer Droschke nach Hause. Doch als ich mich zum Gehen wandte, sprach mich ein gebeugter alter Mann an, der in einer dunklen Ecke kauerte — und zu meinem größten Erstaunen war es kein anderer als Sherlock Holmes selbst, auf das vollkommenste verkleidet. Pst, Watson, flüsterte er und lächelte fein. Nicht so laut. Ich bin hier in einer Sache unterwegs. Kommen Sie, lassen Sie uns gemeinsam hinausgehen, dann erzähle ich Ihnen alles. Draußen in der kühlen Nachtluft schälte er sich aus seiner Verkleidung, und wir fuhren zusammen hinaus aufs Land, wo der Fall ihn hingeführt hatte.

Unterwegs legte mir Holmes das Rätsel dar. Es gehe, sagte er, um einen Herrn namens Neville St. Clair, einen angesehenen, wohlhabenden Mann, der mit Frau und Kindern in einem hübschen Landhaus lebe und werktäglich in die Stadt zur Arbeit fahre. Eines Tages nun sei seine Frau zufällig durch eben jene üble Gasse am Fluss gekommen — und habe zu ihrem Schrecken ihren Mann an einem oberen Fenster jener Rauchhöhle erblickt. Er habe verstört und erschrocken ausgesehen, habe die Arme nach ihr ausgestreckt, sei dann aber wie von unsichtbarer Hand zurückgerissen worden und verschwunden. Die erschrockene Frau habe um Hilfe gerufen, man habe die Polizei geholt und das Haus durchsucht.

Was man fand, war höchst verwirrend. Von Neville St. Clair fehlte jede Spur — doch in jenem oberen Zimmer lagen seine Kleider, bis hin zum Rock, dessen Taschen man mit Münzen vollgestopft hatte. Das Fenster ging auf den Fluss hinaus. Man fürchtete das Schlimmste. In dem Zimmer aber hauste ein abstoßend hässlicher Bettler, bekannt als Hugh Boone, ein Mann mit feuerrotem Haar und einer schauerlich entstellten, verzerrten Oberlippe, der tagsüber in der City sein Almosen erbettelte. Diesen Boone habe man verhaftet, denn man verdächtigte ihn, dem verschwundenen Herrn etwas angetan zu haben. Und doch, sagte Holmes nachdenklich, will mir die Sache nicht recht einleuchten.

Wir kamen zum Landhaus der St. Clairs, wo uns die geängstigte Frau empfing. Sie hielt einen Brief in der Hand, einen Brief, der eben erst eingetroffen war, von der Hand ihres Mannes geschrieben, der ihr versicherte, es gehe ihm gut und sie solle sich nicht sorgen. Sehen Sie, Holmes, sagte ich, wenn der Mann noch schreiben kann, dann lebt er ja. Holmes betrachtete den Brief lange und schweigend; etwas daran schien ihn zu beschäftigen, doch er sagte nichts.

In jener Nacht tat Holmes, was er oft tat, wenn ein Fall ihn nicht losließ. Er legte sich nicht schlafen, sondern türmte alle Kissen und Polster zu einem Sitz auf, setzte sich im Schneidersitz darauf, eine Pfeife im Mund, und versank stundenlang ins Grübeln. Reglos saß er da, eine schweigende Gestalt im Mondlicht, und dachte und dachte. Ich schlief darüber ein, und als ich im ersten Morgengrauen erwachte, saß er noch immer dort — doch nun lag ein helles, zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. Watson, rief er munter, ich glaube, ich habe es. Stehen Sie auf, wir fahren zur Stadt. Und reichen Sie mir bitte jenen großen Schwamm dort.

Verwundert folgte ich ihm. Wir fuhren zur Polizeiwache, wo der hässliche Bettler Hugh Boone in seiner Zelle noch schlief. Holmes ließ sich einlassen, trat leise an den schlafenden Mann heran, tauchte den großen Schwamm in Wasser und fuhr ihm damit kräftig über das Gesicht. Und vor unseren Augen geschah etwas Erstaunliches: Die schauerlich entstellte Lippe, die rote Narbe, all die Hässlichkeit, sie wischten sich ab wie Farbe, denn nichts davon war echt. Auch das feuerrote Haar war eine Perücke. Und als der Mann erschrocken erwachte und sich aufrichtete, da saß dort kein abstoßender Bettler mehr, sondern ein bleicher, betretener, durchaus gepflegter Herr: Neville St. Clair selbst.

Nun kam die ganze, wunderliche Wahrheit ans Licht. In jungen Jahren, so gestand St. Clair, sei er Zeitungsmann gewesen, und einmal habe er sich für einen Bericht als Bettler verkleidet, um das Leben auf der Straße aus eigener Anschauung zu schildern. Dabei habe er zu seinem Erstaunen entdeckt, dass er als geschickter, mitleiderregender Bettler an einem einzigen Tag mehr verdiene als in einer ganzen Woche ehrlicher Schreibarbeit. So sei er, kaum dass er einmal Geld gebraucht habe, in Versuchung geraten — und schließlich bei diesem heimlichen Doppelleben geblieben: daheim der ehrbare Herr St. Clair, in der City der entstellte Bettler Hugh Boone. In jenem Zimmer über der Rauchhöhle habe er sich stets verwandelt, vom einen ins andere.

Als nun, an jenem verhängnisvollen Tag, seine Frau ihn plötzlich am Fenster erblickte, gerade mitten in der Verwandlung, da habe ihn die nackte Angst gepackt, entdeckt zu werden. In der Hast habe er seine Herrenkleider versteckt und, um die Spur zu verwischen, den schweren Rock mit den Münzen aus dem Fenster in den Fluss geworfen; rasch habe er wieder die Bettlergestalt angenommen. Es war also gar kein Verbrechen geschehen, kein Mord, kein Raub, sondern nur die verzweifelte Vertuschung eines beschämenden Geheimnisses. Mehr steckte nicht dahinter, sagte Holmes ruhig. Nur die Scham eines Mannes, der nicht wollte, dass die Welt und vor allem seine Familie erfuhr, womit er sein behagliches Leben verdiente.

Der zuständige Polizeibeamte, ein vernünftiger Mann, sah ein, dass kein Verbrechen vorlag, das man verfolgen müsse. Und so kam man überein, die Sache still ruhen zu lassen, unter der einen Bedingung, dass Hugh Boone, der Bettler, für immer von den Straßen verschwinde und Neville St. Clair künftig als ehrlicher Mann seinen Unterhalt verdiene. St. Clair gelobte es von Herzen, erleichtert und beschämt zugleich, und durfte zu seiner Frau und seinen Kindern heimkehren. Sehen Sie, Watson, sagte Holmes auf der Heimfahrt mit einem milden Lächeln, nicht jedes Rätsel verbirgt ein finsteres Verbrechen. Manchmal ist es nur die menschliche Schwäche, die sich hinter einer Maske versteckt.

So endete der seltsame Fall vom Mann mit der entstellten Lippe, ohne Bösewicht, ohne Gewalt, nur mit einem gelüfteten Geheimnis und einer Familie, die wieder vereint war. Es ist nun ganz still geworden, der Morgen dämmert sanft, und alle Sorge hat sich aufgelöst.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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