Andreas’ Nacht

Nach Ludwig Bechstein · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Mann im Monde

Es war an einem Sonntagmorgen mitten im Winter, und über dem Dorf lag der Frost so dicht, dass die Luft aussah, als sei feiner Staub darin. Die Glocke fing an zu läuten, und der Ton ging weit über die verschneiten Felder, bis an den Waldrand und wieder zurück. Aus allen Türen kamen die Leute, klopften sich die Schuhe ab und gingen den ausgetretenen Pfad zur Kirche hinauf, einer hinter dem anderen, und die Hunde blieben an den Höfen zurück.

In der Kirche war es voll und darum bald warm. Die Kerzen an den Bänken standen ruhig, denn niemand ließ die Tür lange offen. Es roch nach Wachs und nach nasser Wolle, und wenn die Gemeinde sang, stieg ihr Atem in kleinen Wolken zum Gewölbe hinauf und wurde dort oben unsichtbar. Die Kinder saßen vorn und drehten sich um. Draußen vor den blinden Fenstern stand der Tag hell und still, und im ganzen Dorf rührte sich niemand. Vorn sang der Küster jede Zeile vor.

Nur einer war nicht mitgegangen. Er hatte am Abend zuvor nachgesehen, wie es um sein Holz stand, und es stand schlecht, und er dachte sich, ein Tag sei so gut wie der andere und ein Sonntag genau so lang wie ein Werktag. Also nahm er das Beil, Strick und den Stock, machte die Tür hinter sich zu und ging über die Wiese auf den Wald zu, und hinter ihm blieben seine Fußstapfen im Schnee stehen, die einzigen an diesem Morgen. Die Glocke läutete noch, als er schon zwischen den Feldern war.

Er war kein böser Mensch, und im Dorf hatte niemand etwas gegen ihn. Er wohnte am Ende der Reihe in einem kleinen Haus mit einem schiefen Schornstein, und er tat, was getan werden musste, und meistens tat er es allein. Wenn die anderen sonntags in ihren guten Röcken die Gasse hinaufgingen, sah er ihnen vom Zaun aus nach und nickte ihnen zu und blieb dann stehen, wo er stand. Sein Ofen zog schlecht, und Holz brauchte er immer. Zum Reden kam er selten.

Im Wald war es kälter als draußen auf dem Feld. Der Reif saß auf den Zweigen wie ein zweites, feineres Geäst, und wo er von einem Ast fiel, blieb ein dunkler Streifen zurück. Der Mann suchte sich das dürre Holz zusammen, und jeder Schlag mit dem Beil war weithin zu hören, viel weiter als sonst, denn es war ja kein anderer Laut da, gegen den er hätte anstehen müssen. Ein paar Krähen strichen ab und setzten sich weiter hinten wieder.

Er trug alles auf einen Haufen und band eine Welle daraus, so groß, wie er sie eben noch heben konnte. Dann schob er seinen Stock zwischen die Zweige, hob sich das Bündel auf die Schulter und machte sich auf den Heimweg. Die Glocke hatte längst aufgehört. Der Weg lief über das offene Feld, der Schnee knirschte, und die Last drückte ihm den Stock in die Schulter, aber er dachte an den Ofen zu Hause und ging schneller. Der Himmel war blass und ohne eine einzige Wolke.

Mitten auf dem Feldweg kam ihm ein Mann entgegen. Er war gut gekleidet, wie einer, der noch zur Kirche will, und er war ohne Mantel, obwohl es ein Tag zum Frieren war. Weißt du nicht, sagte er und blieb stehen, dass auf Erden heute Sonntag ist, der Tag, an dem alle Menschen von ihrer Arbeit ruhen. Er sagte es nicht laut und nicht scharf, sondern so, wie man jemanden an etwas erinnert, von dem man annimmt, dass er es kennt.

Der Mann mit dem Bündel blieb ebenfalls stehen und rückte den Stock auf der Schulter zurecht. Sonntag auf Erden oder Mondtag im Himmel, sagte er, was geht das mich an, und was geht es dich an. Und weil er meinte, damit sei die Sache erledigt, wollte er weitergehen und trat schon zur Seite, um an dem Fremden vorbeizukommen. Der Schnee unter seinen Schuhen gab nach, und irgendwo hinter ihm ließ ein Ast seine Last fallen, und sonst rührte sich nichts auf dem ganzen Feld.

Da sagte der Fremde, so sollst du deine Welle tragen ewiglich. Und weil dir der Sonntag auf Erden nichts gilt, so sei bei dir von nun an immer Mondtag. Es donnerte nicht dabei, und es wurde auch nicht dunkel. Der Mann fühlte nur, dass ihm das Bündel leichter wurde, und gleich darauf, dass ihm der Boden leichter wurde, und als er hinuntersah, lag das Feld schon ein Stück unter ihm und wurde kleiner, und er stieg weiter, ohne einen Schritt zu tun.

Er stieg über die Wiese hinaus und über den Zaun und über die Wipfel, und alles unter ihm ordnete sich zu Flächen. Das Dorf wurde ein Häufchen dunkler Dächer mit einem Turm dazwischen, der Wald ein schwarzer Streifen, das Feld eine helle Bahn mit einer einzigen Spur darin, seiner eigenen. Die Luft wurde dünn und roch nach nichts mehr. Das Bündel lag noch auf seiner Schulter, und er hielt es fest, weil ihm nicht einfiel, dass er es hätte loslassen können.

Im Dorf hatte niemand etwas bemerkt. Die Leute kamen aus der Kirche, redeten am Brunnen miteinander und gingen zum Essen in ihre Häuser, und der Nachmittag verging wie jeder Sonntagnachmittag im Winter, mit Suppe und Wärme und früher Dämmerung. Erst als es dunkel geworden war, trat einer vor die Tür, um nach dem Wetter zu sehen, und blieb länger stehen, als er vorgehabt hatte, und rief dann die anderen heraus. In den Ställen wurde gefüttert, dann wurde es still.

Über dem Wald war der Mond aufgegangen, groß und weiß und ganz rund, wie er im Winter aufgeht, wenn die Luft rein ist. Sein Licht lag auf dem Schnee und machte die Felder heller, als sie am Tag gewesen waren, und die Schatten der Zäune fielen lang und scharf darüber hin. Die Leute standen in ihren Türen, ohne die Mützen zu holen, sahen hinauf und sagten wenig, und die Wärme aus den Stuben zog hinter ihnen ins Freie. Es war so hell, dass die Scheunen Schatten warfen.

Denn im Mond war etwas zu sehen, das vorher nicht darin gewesen war. Es stand da wie eine kleine dunkle Gestalt, ein wenig vornübergebeugt, mit einem Stock über der Schulter, und an dem Stock hing ein Bündel Reisig, und man konnte die einzelnen Zweige daran zählen, wenn man lange genug hinsah. Es bewegte sich nicht. Der Mond zog über das Dorf hinweg, über die Scheunen und über den schwarzen Wald, und die Gestalt darin ging mit.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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