Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen
Der Mann der nie schlief
In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch vom Duft des Sandelholzes durchzogen war und die Nacht sich weich wie Seide über die Minarette legte, lebte in einer stillen Gasse nahe dem großen Basar ein Mann, den die Menschen nur den Schlaflosen nannten. Sein wahrer Name war Harun ibn Yusuf, und er war ein Schreiber von feinem Ansehen, seine Hand kannte keine Zitterung, sein Kalligraphiepinsel bewegte sich mit der Ruhe eines Schilfrohrs im stillen Wasser.
Doch seit vielen Jahren hatte kein Schlaf seine Augen berührt, kein Traum seine Seele besucht, kein sanftes Dunkel seinen Geist umfangen. Er lag Nacht für Nacht auf seinem Lager, die Decke aus weichem Wollstoff über die Brust gezogen, und starrte in die Schwärze der Decke, während die Stadt um ihn herum in tiefen, träumenden Atem versank. Die Ärzte hatten ihn untersucht, die Weisen hatten ihm geraten, die Kräuterkundigen hatten ihm Tränke gebraut aus Lavendel und Baldrian, aus Mohnsaft und dem Tau von Rosenblättern, die man nur bei Neumond sammeln darf.
Doch kein Mittel half. Harun trank, wartete, und öffnete die Augen wieder, hellwach, während die Kerze neben ihm ruhig niederbrannte und die Gasse draußen in vollkommener Stille schlummerte. Eines Abends, als die Muezzine verstummt waren und der Mond wie eine silberne Schale über den Palmdächern stand, beschloss Harun, durch die Stadt zu gehen. Er tat dies öfter in solchen Nächten — er kannte jede Gasse, jeden Brunnen, jeden schlafenden Händler unter seinem Plane, jede Katze auf jedem Mäuerchen.
Die Stadt bei Nacht war seine Welt geworden, sein stilles Reich, das kein anderer Mensch so kannte wie er. Doch an diesem Abend führten ihn seine Schritte weiter als sonst, hinaus aus den engen Gassen des Bazarviertels, vorbei an den Brunnen mit den blauen Kacheln, bis er an eine Stelle kam, die er noch nicht kannte, einen kleinen Platz, auf dem ein einziger alter Feigenbaum stand, und unter dem Feigenbaum ein alter Mann auf einem Stein saß.
Der alte Mann war in ein Gewand gekleidet, das die Farbe des Mondlichts hatte, weder weiß noch grau, sondern beides zugleich. Seine Augen leuchteten wie zwei ruhige Lampen, und als er Harun erblickte, lächelte er, als hätte er auf ihn gewartet. Wisse, o Schlafloser, sprach der Alte, und seine Stimme war warm wie der Atem einer Sommernacht, ich habe dich schon viele Male hier vorbeigehen sehen. Setz dich zu mir. Harun setzte sich, denn er fürchtete den Alten nicht — er war zu müde zum Fürchten, zu ruhig nach so vielen Nächten der Einsamkeit.
Wer bist du?, fragte er. Ich bin der Hüter des Schlafs, antwortete der Alte einfach, als wäre dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich trage den Schlaf durch die Nacht und lege ihn in die Augen derjenigen, die ich besuche. Doch dich habe ich nie besucht, und das hat einen Grund. Harun betrachtete den Alten, und zum ersten Mal seit Jahren spürte er etwas, das er fast vergessen hatte, eine leise Neugier, warm wie eine Öllampe, die hinter einem Vorhang brennt.
Welchen Grund?, fragte er. Der Alte faltete die Hände in seinem Mondlichtgewand und sah Harun ruhig an. Du trägst einen Traum in dir, sagte er, der noch nicht geträumt wurde. Er wartet. Und solange er wartet, kann der Schlaf nicht kommen. Einen Traum der noch nicht geträumt wurde? Harun wiederholte die Worte langsam, als würde er sie wie Perlen auf einer Schnur befühlen.
Das ist möglich? — Es ist nicht nur möglich, sprach der Alte und hob eine Hand, es ist deine Bestimmung. Es gibt Menschen, in deren Seelen ein Traum ruht, der so groß ist, dass er sich nicht in eine gewöhnliche Nacht fügt. Er muss erst seinen richtigen Augenblick finden, und du musst ihm entgegengehen. Der Alte erhob sich von seinem Stein, und Harun bemerkte, dass er keine Schatten warf, obwohl der Mond hell stand.
Was muss ich tun?, fragte Harun. Gehe nach Osten, antwortete der Alte, folge dem Weg, der nach dem Morgenrot riecht. Am dritten Tag wirst du eine Karawane treffen. Unter den Händlern reist ein Kind, das eine Holzschatulle bei sich trägt. In der Schatulle liegt das, was du zurückgegeben hast, ohne es zu wissen. Bevor Harun noch eine Frage stellen konnte, war der Alte verschwunden, nicht plötzlich, nicht mit einem Knall, sondern so leise wie der Schlaf selbst aus einem Zimmer entschwindet, wenn jemand darin zu laut atmet.
Nur der Feigenbaum stand noch da, und seine Blätter raschelten sanft in einem Wind, den Harun nicht spürte. Er kehrte nach Hause zurück und bereitete sich für eine Reise vor. Er nahm nicht viel mit, seinen Mantel, sein Schreibzeug, ein wenig Brot und getrocknete Datteln. Bevor er die Stadt verließ, stand er noch einmal am Brunnen mit den blauen Kacheln und sah in das dunkle Wasser hinab. Sein Spiegelbild sah müde aus, aber die Augen darin leuchteten zum ersten Mal seit Jahren mit einer stillen Erwartung.
Harun ging nach Osten. Der Morgen empfing ihn mit Rosalicht und dem leisen Duft von Thymian und warmem Sand. Die Wüste öffnete sich vor ihm wie ein ruhiges Meer, und er ging, ohne sich zu beeilen, einen Schritt vor den anderen, während die Sonne langsam stieg und die Schatten kürzer wurden. Am ersten Tag begegnete ihm niemand außer einem alten Kameltreiber, der ihn mit Wasser versorgte und schweigend weiterrritt.
Am zweiten Tag sah er in der Ferne Palmenhaine und hörte das ferne Rufen von Vögeln, die er nicht kannte. Und am dritten Tag, als die Sonne ihren höchsten Stand verlassen hatte und ein erstes Abendleuchten die Wüste in Kupfer und Gold tauchte, sah er eine Karawane, eine lange Reihe von Kamelen mit bunten Satteldecken aus Rot und Blau, beladen mit Körben und Truhen, und dazwischen, hoch oben auf dem Rücken eines weißen Kamels, ein Kind von vielleicht zehn Jahren.
Das Kind saß aufrecht wie ein kleines Fürstenkind, die Augen weit offen, eine hölzerne Schatulle auf den Knien. Als Harun näherkam, sah das Kind ihn an, und lächelte, als würde es einen alten Bekannten wiedersehen. Du bist der Schlaflose, sagte das Kind ohne Überraschung. Ich habe auf dich gewartet. Der Karawanführer, ein breitschultriger Mann mit einem Bart wie schwarze Wolle, gab Harun zu trinken und zuckte die Achseln, als Harun fragte, woher das Kind komme.
Das Kind kam zu uns am ersten Tag unserer Reise und bat um Mitnahme. Es zahlte in Gold, das wir nicht kannten, altertümliche Münzen mit einem Gesicht, das in keinem Königreich dieser Welt regiert. Er sprach es ruhig, denn Karawanenführer lernen früh, sich von Wundern nicht aufhalten zu lassen. Das Kind stieg vom Kamel, und Harun setzte sich mit ihm in den Schatten eines Palmstammes.
Das Kind öffnete die Schatulle, und darin lag nichts weiter als ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier. Das ist deins, sagte das Kind. Du hast es einst abgegeben., Wann?, fragte Harun. Als du noch sehr jung warst, antwortete das Kind, in einer Nacht, in der du sehr viel Angst hattest. Du hast deinen Traum weggegeben, damit du ihn nicht träumen musst. Aber er hat auf dich gewartet, denn er gehört dir. Harun nahm das Papier mit zitternden Händen.
Er faltete es auf, und es war leer. Doch kaum hielten seine Augen auf dem leeren Papier, da begann er etwas zu sehen, das nicht auf dem Papier stand, sondern dahinter, oder darunter, oder in ihm selbst. Er sah einen Garten, den er als Kind geliebt hatte, grüne Schatten, Wasserrauschen, den Geruch von Jasmin nach dem Regen. Er sah das Gesicht seiner Mutter, jung und lächelnd, wie er es kaum noch kannte. Er sah sich selbst als kleinen Jungen, der in diesem Garten schlief, vollkommen sorglos, die Wange auf dem weichen Moos.
Tränen liefen Harun über das Gesicht, aber es waren keine schweren Tränen — es waren die leichten Tränen der Wiederbegegnung. Das Kind legte eine kleine Hand auf seine, und die Berührung war kühl und sanft wie frisches Wasser aus einem Brunnen im Schatten. Als er aufsah, war das Kind verschwunden. Die Karawane zog weiter wie eine Schlange aus Seide und Staubwolken, und Harun stand allein im Abendlicht. Aber er fühlte sich nicht allein — er fühlte sich vollständig, zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren.
Er legte sich dort nieder, im Schatten des Palmbaums, den Mantel über sich, den Sand noch warm von der Tagessonne. Er schloss die Augen, und dieses Mal widersetzte sich nichts. Die Dunkelheit empfing ihn weich, wie Seide sich um die Schultern legt, wie warmes Wasser einen müden Körper aufnimmt. Und Harun ibn Yusuf, der Schreiber aus Bagdad, der jahrelang nicht hatte schlafen können, schlief ein, tief und ruhig und vollständig, und träumte von dem Garten, der auf ihn gewartet hatte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.