Frei nach Hans Christian Andersens Det gamle Egetræes sidste Drøm · 5 Minuten zu lesen
Der letzte Traum der alten Eiche
Im Wald, hoch am Abhang über dem Meeresufer, stand eine wirklich alte Eiche, dreihundertfünfundsechzig Jahre alt — aber was ist das für einen Baum? So viele Jahre sind ihm kaum mehr, als uns die Tage eines einzigen Jahres sind. Ein Baumjahr ist ein Menschentag, so könnte man sagen: Der Frühling ist sein Morgen, der Sommer sein Mittag, der Herbst sein Abend — und der Winter ist seine Nacht, in der er schläft und träumt.
Die Eiche kannte ihre Küste wie ein alter Kapitän. Sie wusste, wie das Meer im März aussieht, wenn es Eisschollen Richtung Sund schickt, und wie im August, wenn es abends so glatt wird, dass die Segler flüstern; sie kannte die Fischer von drei Generationen am Gang, und die Vögel des Himmels kannten sie: In ihren Zweigen hatten Falken gehorstet und Ringeltauben, und der Kuckuck hatte in ihr sein Jahr ausgerufen. Die Schiffe draußen richteten sich nach ihr, denn ihre Krone stand als Landmarke auf allen Karten der Küstenfahrer. Sie wusste das nicht, oder doch — wer will sagen, was eine Eiche weiß. Jedenfalls stand sie so: wie einer, der gebraucht wird und es gewohnt ist.
An einem Sommertag hatte die Eiche einmal mit einer Eintagsfliege gesprochen, die um ihre Krone tanzte. Du armes kleines Ding, hatte die Eiche gesagt, ein einziger Tag ist dein ganzes Leben — wie kurz, wie traurig kurz. Kurz? hatte die Eintagsfliege geantwortet und einen Kringel in die Luft getanzt. Was heißt kurz? Dein Tag hat viele tausend Augenblicke, meiner auch. Ich bin froh und satt und fliege, und wenn mein Tag zu Ende geht, bin ich müde und lege mich ins weiche Gras, und das ist alles. Wo soll da die Trauer sitzen? Darauf hatte die Eiche lange geschwiegen, mehrere Wochen lang, was bei Eichen ein kurzes Schweigen ist, und dann gedacht: Das kleine Ding hat recht. Es kommt nicht auf die Länge an; es kommt darauf an, dass man geflogen ist.
Nun war wieder Winter, und es ging auf die Weihnacht zu, und die alte Eiche schlief ihren Winterschlaf. Da träumte sie ihren größten Traum. Ihr träumte, es sei ein Festtag, und alle ihre Jahre kämen zu Besuch: die Ritter der alten Zeit, die unter ihr geritten, die Wanderer, die in ihrem Schatten gerastet, die Vögel aller Jahrhunderte in ihren Zweigen. Und ihr träumte, sie wüchse — hoch und höher, ihre Wurzeln lösten sich leicht wie aus warmem Sand, und alles Grüne des Waldes wuchs mit ihr, die Buchen, die Anemonen, das Moos, der Waldmeister. Alle mit! träumte die alte Eiche. Keines soll fehlen, auch das kleinste Kraut nicht — alle mit!
Es war ein Traum von der Sorte, die alles versammelt, was ein Leben gut gemacht hat. Der Duft des Waldmeisters war da und der kühle Anemonenteppich ihrer Frühlinge, das Sommersummen ihrer Bienenjahre, das Rascheln der Igel in ihrem Herbstlaub — alles auf einmal und nichts durcheinander, wie es nur in den besten Träumen gelingt. Und je höher sie wuchs, desto leichter wurde ihr das Alte, das Schwere: der Blitzschlag ihres neunzigsten Jahres, die Dürre, die sie einst zwei Kronäste gekostet hatte — es fiel von ihr ab wie Borke, und darunter war alles jung. Zuletzt war ihr, als hörte sie über sich schon das Läuten, hell und nah, und sie dachte im Traum: So klingen also die Glocken, nach denen ich mich immer gereckt habe. Nun reiche ich hin.
In derselben Nacht ging ein gewaltiger Sturm über Land und Meer, der stärkste seit Menschengedenken. Und mitten in ihrem großen Traum hob es die alte Eiche aus dem Grund — sie fiel, wie Könige fallen, mit ihrem ganzen Dreihundertjahrleben auf einmal, und sie hat es selbst nicht mehr erlebt, denn sie war ja mitten im Steigen. Draußen auf dem Meer fuhren die Schiffe durch die wilde Weihnachtsnacht, und die Seeleute, die am Morgen die Küste absuchten, sagten: Die große Eiche ist gefallen, unser Landzeichen ist fort. Und es war ihnen, als hätten sie einen alten Bekannten verloren, und so war es ja auch.
Am Weihnachtsmorgen aber klang von den Kirchen der Küste das Lob über die Felder, und die Sonne stand still und mild über dem Wald, in dem nun eine große Lücke voller Himmel war. Die es sahen, sagten später: Es passte zueinander, das Fest und der Fall — als sei der alte Baum genau in dem Augenblick gegangen, in dem sein Traum ihn am höchsten trug. Mehr kann man sich für kein Leben wünschen, für kein langes und für kein kurzes: mitten im schönsten Traum am höchsten zu sein.
Aus den Eicheln der alten Eiche wachsen am Abhang längst die jungen Bäume, und die haben nun ihrerseits dreihundert Jahre Zeit — dreihundert Jahre voller Morgen, Mittage und Abende, und jeden Winter eine lange Nacht voller Träume. Man muss sich um Eichen keine Sorgen machen: Jede steht immer schon am Anfang einer langen, guten Nacht — und Nächte voller Träume, das wusste die alte, sind die beste Zeit im Leben eines Baumes.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.