Frei nach Hans Christian Andersens Kometen · 4 Minuten zu lesen
Der Komet
Am Himmel stand ein Komet, mit einem Schweif wie aus feinem Silberstaub, und das ganze Land sah hinauf: die Herrschaften von den Schlossterrassen, die Leute aus den Türen der kleinen Häuser, die Hirten von der Heide. In einer Stube stand ein kleiner Junge am Fenster, neben ihm die Mutter, und auf dem Tisch stand eine Schale Seifenwasser, denn der Junge hatte Seifenblasen gemacht, ehe der große Stern kam. Die Mutter legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte: Blas nur weiter. Gott schenke dir so viele Jahre auf der Erde, wie du Blasen machst. Und der Junge blies, und die Blasen stiegen am Fensterkreuz vorbei dem Kometen entgegen, jede mit allen Farben der Welt darin, und sie zählten nicht mit, weder er noch die Mutter. Es waren viele.
Der Komet zog vorüber und kam nicht wieder; solche Gäste haben lange Wege. Der Junge aber wuchs heran und wurde ein Schulmeister in einer kleinen Stadt, ein guter, dessen Kopf voller Wissen war — er kannte die Geschichte der Völker und die Namen der Sterne — und dessen Herz trotzdem Platz behielt. Die Kinder vieler Jahrgänge lernten bei ihm lesen und staunen, beides gleich gründlich, und wenn abends die Sterne aufgingen, stand er oft am Fenster, wie damals als Junge, und wusste zu jedem etwas — nur auf einen wartete er im Stillen sein Leben lang.
Von seiner Mutter hatte der Schulmeister übrigens mehr behalten als den Segen mit den Seifenblasen. Er hatte ihre Art behalten, aus wenig viel zu machen: Aus einem Winterabend hatte sie ein Fest machen können, mit nichts als Bratäpfeln und einer Geschichte, und aus einem aufgeschlagenen Knie eine Heldensache, auf die man am Ende stolz war. Diese Kunst gab er weiter, sein Lehrerleben lang, und sie ist das eigentliche Erbstück dieser Geschichte — mehr noch als der Komet. Kometen kommen von selbst wieder. Die Kunst, aus wenig viel zu machen, muss einer dem anderen beibringen, sonst stirbt sie aus. Sie ist bis heute nicht ausgestorben. Irgendwer hat sie also immer weitergegeben, und auch das kann man einen Schweif nennen.
Was für ein Schulmeister er war, davon erzählten seine Schüler noch als Großväter. Er konnte den Sternenhimmel an die Tafel zeichnen, frei aus der Hand, und zu jedem Bild die Geschichte; er ließ an Wintertagen die Landkarten liegen und erzählte stattdessen von den Ländern, dass die Stube nach Meer roch; und wer etwas nicht begriff, wurde nicht kleiner gemacht, sondern bekam es anders erklärt, so lange, bis es saß. Nur eines duldete er nicht: wenn einer sagte, etwas sei langweilig. Langweilig, pflegte er zu sagen, ist ein Wort für Leute, die nicht richtig hingesehen haben. Seht richtig hin. Und dann sahen sie richtig hin, und siehe: Er hatte immer recht. Sogar der Kalkfleck an der Decke hatte eine Geschichte.
Und der Komet hielt Wort, wie Kometen es auf ihre langsame Art tun: Nach mehr als sechzig Jahren stand er eines Abends wieder am Himmel, derselbe Silberschweif über denselben Dächern. Da saß der alte Schulmeister an seinem Klavier und spielte leise die Lieder seines Lebens, eines nach dem anderen, und bei jedem stieg ihm eine Erinnerung auf wie damals die Seifenblasen: rund, leuchtend, mit allen Farben der Welt darin — die Mutter am Fenster, die Schulstube, ein Sommer, ein Gesicht. Er sah hinauf zu seinem alten Bekannten, und es war ihm, als hätten sie einander etwas mitzuteilen, das sechzig Jahre Zeit gehabt hatte.
In dieser Nacht schlief der alte Schulmeister ein, ruhig und ohne Beschwerde, die Hände noch wie über den Tasten. Und die Leute der kleinen Stadt sagten hinterher, es sei kein trauriger Anblick gewesen, sondern ein sehr friedlicher — als sei einer nur mit einem Freund weitergereist, der ihn seit der Kindheit abholen wollte und endlich Zeit hatte. Der Komet zog seine große stille Bahn weiter, hinaus zwischen die Sterne, und nahm den Silberschweif mit. Unten auf der Erde aber machten an jenem Abend irgendwo wieder Kinder Seifenblasen, und die stiegen am Fensterkreuz vorbei in den Himmel, jede mit allen Farben der Welt darin. Es waren viele. Es sollen immer viele sein.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.