Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Nissen og Madamen · 3 Minuten zu lesen

Der Kobold und die Madame

Du kennst ja nun den Wichtel beim Krämer. Dies hier ist ein anderer aus derselben Verwandtschaft, und er wohnte beim Gärtner, in einem Haus mit einem großen Garten — und mit einer Madame, der Frau des Gärtners, die eine Besonderheit hatte: Sie dichtete. Sie konnte Verse machen, geläufig und mit Schwung, und der junge Seminarist Kisserup, der öfter zu Besuch kam, sagte, sie habe Geist, wahrhaftigen Geist, und die Madame errötete dann und dichtete noch ein wenig geläufiger. Nur der Gärtner brummte, Geist sei schön und gut, aber die Suppe koche davon nicht, und der Kobold in der Küche — der war gekränkt.

Gekränkt war der Kobold, weil die Madame nicht an ihn glaubte. Sie hatte es selbst gesagt, beim Abendessen, mit einem Lachen: An Kobolde, lieber Kisserup, glaube ich nun wirklich nicht. Und das muss man sich vorstellen — da schleppt einer jahraus, jahrein im Verborgenen mit: hält die Mäuse von der Speisekammer fern, sorgt, dass die Milch nicht umsteht und das Feuer nicht ausgeht, und dann sitzt die Herrschaft am Tisch und glaubt nicht einmal, dass es einen gibt! Der Kobold beschloss Rache, gründliche Koboldsrache: Morgen sollte der Grützetopf überkochen, die Sahne sauer werden und der Besen umfallen, wenn die Madame vorbeiging. Man muss sich Respekt verschaffen, sagte er zur Katze, und die Katze blinzelte, was bei Katzen alles Mögliche heißen kann.

Am Abend aber saß die Gesellschaft wieder beisammen, und die Madame las aus ihrem grünen Heft vor, ihre neuesten Verse. Der Kobold lauerte hinter dem Ofen und wartete auf seinen Auftritt — da hörte er seinen Namen. Der kleine Kobold, las die Madame, so hieß das Gedicht, und es handelte davon, dass in jedem rechten Haus ein guter Geist wohne, still und fleißig, den niemand sehe und dem doch alles Gedeihen zu danken sei. Der Kobold stand hinter dem Ofen und wurde ganz warm. Sie weiß es, dachte er, sie weiß es also doch! Das Gedicht handelt von mir, das ist sonnenklar — so fleißig und so unsichtbar bin nur ich. Dass die Madame mit dem guten Geist die Poesie gemeint hatte, wie der Seminarist mit glänzenden Augen erläuterte — das überhörte der Kobold großzügig. Man überhört ja gern, was einem das Lob verdirbt.

Von diesem Abend an war der Kobold wie umgewandelt. Die Rache wurde abgeblasen, der Grützetopf kochte brav, und der Kobold tat noch ein Übriges: Er passte auf, dass der Wind nicht durchs Schlüsselloch pfiff, wenn die Madame dichtete, und wenn ihr ein Reim nicht einfallen wollte, pustete er ihr durch den Ofen ein wenig warme Luft zu, denn bei warmen Füßen, das wusste er, reimt es sich besser. Er beschloss sogar, die Madame künftig bei den Wirtschaftsrechnungen heimlich zu unterstützen, damit der Gärtner nichts mehr zu brummen hätte. So viel kann ein einziges Gedicht ausrichten, wenn es an den Richtigen gerät — oder an den, der sich dafür hält.

Nur die Katze wusste, wie es sich wirklich verhielt, denn Katzen wissen so etwas immer. War die Madame nun schlau gewesen, oder hatte sie einfach Glück gehabt? Ach, sagte die Katze zu sich selbst und leckte sich die Pfote, die Madame war gar nicht schlau. Aber der Kobold war wie die Menschen: Er hörte aus allem am liebsten das heraus, was ihm wohltat. Und wenn er damit glücklich wurde und das Haus dazu — wem sollte das schaden? Im Gärtnerhaus jedenfalls kochte fortan keine Grütze mehr über, die Verse wurden immer geläufiger, und hinterm Ofen schlief ein zufriedener Kobold, dem man sein Gedicht nicht mehr nehmen konnte. Die Moral erkläre ich nicht. Die Katze hat es auch nicht getan.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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