Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Der kleine Klaus und der große Klaus · 8 Minuten zu lesen

Der kleine Klaus und der große Klaus

In einem Dorf wohnten zwei Männer, die trugen denselben Namen: Beide hießen Klaus. Der eine besaß vier Pferde, der andere nur ein einziges, und damit die Leute sie auseinanderhalten konnten, nannten sie den mit den vier Pferden den großen Klaus und den mit dem einen Pferd den kleinen Klaus. Die ganze Woche über musste der kleine Klaus für den großen pflügen und ihm sein einziges Pferd leihen. Dafür bekam er sonntags alle vier Pferde des großen Klaus — und der Sonntag war darum der schönste Tag seiner Woche.

Wie knallte der kleine Klaus dann mit der Peitsche über allen fünf Pferden! Die Sonne schien, die Glocken läuteten zur Kirche, die Leute gingen festlich gekleidet vorbei, und der kleine Klaus pflügte sein kleines Feld und rief vergnügt: Hü, alle meine Pferde! Das darfst du nicht sagen, brummte der große Klaus, der des Weges kam. Nur das eine Pferd ist deins. Aber wenn wieder jemand vorüberging und dem kleinen Klaus freundlich zunickte, vergaß er es, und wieder rief er über das Feld: Hü, alle meine Pferde!

Nun sage ich es dir zum letzten Mal, sprach der große Klaus, und sein Gesicht wurde dunkel wie ein Gewitter über flachem Land. Doch das Herz des kleinen Klaus war an diesem Morgen zu leicht, und das Wort rutschte ihm noch einmal heraus. Da geschah, was nicht wieder gutzumachen war: Der große Klaus fuhr in seinem Zorn auf das eine Pferd des kleinen Klaus los, und das Tier stürzte in die Furche und stand nicht mehr auf. So stand der kleine Klaus da, ohne Pferd, und weinte eine Weile still vor sich hin.

Dann zog er dem Pferd die Haut ab, ließ sie im Wind trocknen, steckte sie in einen Sack und machte sich auf den Weg in die Stadt, um sie zu verkaufen. Der Weg war weit, er führte durch einen großen dunklen Wald, und unterwegs zog ein Unwetter auf, sodass sich der kleine Klaus verirrte. Als er wieder auf die Straße fand, war es Abend geworden — zu spät, um die Stadt zu erreichen, und zu spät, um heimzukehren. Am Weg aber lag ein stattlicher Bauernhof, und hinter den Fensterläden schimmerte Licht.

Die Bäuerin öffnete ihm, doch beherbergen wollte sie ihn nicht; ihr Mann sei nicht daheim, und Fremde nehme sie nicht auf. So legte sich der kleine Klaus auf den Schuppen neben dem Haus, wo das Heu duftete, und über dem Schuppendach konnte er gerade in die Stube sehen. Und was er da sah, machte ihn sehr wach: Die Bäuerin hatte den Küster zu Gast, den ihr Mann nicht leiden konnte, und auf dem Tisch standen Braten und Fisch und Wein und ein Kuchen, als wäre Festtag mitten in der Woche.

In diesem Augenblick klapperten Hufe auf der Straße — der Bauer kam früher heim als gedacht. Da wurde es eilig in der Stube: Die Bäuerin schob den Braten, den Fisch, den Wein und den Kuchen geschwind in den großen Backofen, und der Küster stieg in eine leere Truhe, die in der Ecke stand, und der Deckel fiel zu. Als der Bauer eintrat, war der Tisch leer, und seine Frau setzte ihm einen Napf Grütze vor, denn etwas anderes, sagte sie, sei nicht im Haus.

Der Bauer aber hatte den kleinen Klaus auf dem Schuppen gesehen und holte ihn herein; ein Wandersmann solle nicht draußen liegen, wenn drinnen Grütze reiche. Der kleine Klaus setzte sich, und unter dem Tisch stand sein Sack mit der trockenen Pferdehaut. Und als er mit dem Fuß daran stieß, knarrte die Haut. Still, sagte der kleine Klaus zu seinem Sack — aber so, dass der Bauer es hörte. Was hast du denn da, fragte der Bauer. Einen Zauberer, sagte der kleine Klaus, und der sagt eben, wir sollen keine Grütze essen; er habe den ganzen Backofen voll Braten und Fisch und Kuchen gezaubert.

Der Bauer öffnete den Ofen, und da stand alles, was die Frau versteckt hatte, warm und duftend, und der Bauer wurde vor Freude ganz laut. Die Bäuerin sagte kein Wort und trug auf, und die beiden Männer aßen wie Könige. Dann kniff der kleine Klaus seinen Sack noch einmal, dass es knarrte. Was sagt er jetzt, fragte der Bauer. Er sagt, sprach der kleine Klaus, er habe auch den Bösen herbeigezaubert, der sitze in der Truhe dort in der Ecke — aber man solle ihn lieber nicht ansehen. Der Bauer wollte natürlich erst recht, hob den Deckel einen Fingerbreit und schlug ihn gleich wieder zu. Wahrhaftig, flüsterte er, ich habe ihn gesehen — und er sah ganz aus wie unser Küster.

Einen so mächtigen Zauberer wollte der Bauer um jeden Preis besitzen, und er bot dem kleinen Klaus ein ganzes Scheffelmaß voll Geld für den Sack. Der kleine Klaus ließ sich bitten, wie es sich gehört, und schlug dann ein — doch die Truhe, sagte er, die nehme er mit, damit der Böse aus dem Haus komme. So bekam er das Geld und zog davon, die Truhe auf einem Schubkarren. Am Fluss blieb er stehen und sagte laut zu sich selbst: Die alte Truhe ist mir zu schwer, ich werfe sie am besten ins Wasser. Da rief es von innen ganz jämmerlich: Lass mich heraus, ich gebe dir ein ganzes Scheffelmaß Geld! Das ließ sich hören. Der Küster stieg heraus, blass wie Quark, gab dem kleinen Klaus das Geld und lief nach Hause, so schnell ihn die Beine trugen.

Daheim maß der kleine Klaus sein Geld mit dem Scheffel, und es war ein hübscher Haufen. Der große Klaus, der ihm das Maß geliehen und vorher heimlich Pech auf den Boden gestrichen hatte, um zu sehen, was da gemessen würde, fand ein Silberstück daran kleben und kam sofort herüber. Woher hast du all das Geld? Für meine Pferdehaut, sagte der kleine Klaus freundlich, ich habe sie gestern Abend verkauft. Da lief der große Klaus heim, ließ alle seine vier Pferde schlachten, zog ihnen die Häute ab und fuhr damit zur Stadt. Häute, Häute, wer kauft Häute, rief er — und verlangte für jede ein Scheffelmaß Geld. Die Gerber lachten ihn aus, die Schuster jagten ihn mit den Schürzen davon, und der große Klaus kam zorniger nach Hause, als er je gewesen war.

Was er sich in seinem Zorn ausdachte und wie er den kleinen Klaus dafür in einen Sack steckte, um ihn im Fluss zu versenken — das ging beinahe böse aus. Der Weg zum Fluss aber führte an der Kirche vorbei, und drinnen sang die Gemeinde so schön, dass der große Klaus den Sack am Wegrand abstellte und hineinging, um erst noch eine Andacht mitzunehmen. Der kleine Klaus im Sack seufzte tief. Da hörte er Schritte und das Klappern vieler Hufe: Ein alter Viehtreiber kam mit einer ganzen Herde prächtiger Rinder des Weges.

Ach, klagte der kleine Klaus laut, ich bin noch so jung und soll schon in den Himmel fahren! Und ich, sagte der Alte, bin schon so alt und darf noch immer nicht hinein. So tauschen wir, rief der kleine Klaus, mach den Sack auf und kriech du hinein, dann fährst du geradewegs hin. Der Alte war es zufrieden — doch der kleine Klaus, der ein gutes Herz hatte, ließ ihn gar nicht erst hineinsteigen. Er sagte ihm, was in dem Sack in Wahrheit auf ihn wartete, und wies ihm den Weg zum nächsten Dorf. Den Sack füllte er mit schweren Feldsteinen. Die Rinder aber überließ ihm der Alte zum Dank, denn wozu, sagte er, brauche er noch Rinder, wenn er noch ein Weilchen bleiben dürfe.

Als der große Klaus aus der Kirche kam, hob er den Sack, wunderte sich, wie schwer der kleine Klaus geworden war, und warf ihn mit einem großen Bogen in den Fluss. Kaum war er auf dem Heimweg, da begegnete ihm — der kleine Klaus, mit einer ganzen Herde vor sich. Wie kommst du hierher, ich habe dich doch eben in den Fluss geworfen! Eben darum, sagte der kleine Klaus und tätschelte das nächste Rind. Auf dem Grund des Flusses weiden die schönsten Meerrinder, und wer hinabkommt, darf sich eine Herde aussuchen. Ich danke dir noch dafür.

Da wollte der große Klaus auch Meerrinder haben, und zwar eine größere Herde, und er lief zum Fluss und sprang hinein, ehe ihn jemand fragen konnte, ob er denn schwimmen könne. Der Fluss schloss sich über ihm, und im Dorf hat man ihn nicht wiedergesehen; ob er unten seine Herde gefunden hat, weiß niemand zu sagen. Der kleine Klaus aber trieb am Abend seine Rinder heim. Die Sonne stand tief und machte das Fell der Tiere kupferrot, die Glocken am Hals der Leitkuh läuteten leise wie zu einem kleinen Fest, und vor seinem Haus blieb der kleine Klaus stehen und sah zu, wie eines nach dem anderen durch das Gattertor in den Abend trottete.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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