Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen

Der Kaufmann und der Dschinn

In jener Nacht, als der Mond über den Minaretten von Bagdad stand und die Stadt im silbernen Licht schlummerte wie ein müdes Kind, da begab es sich, in alter Zeit, dass ein reicher Kaufmann seinen langen Weg nach Hause antrat. Seine Karawane war schwer beladen mit Seide und Gewürzen, mit Bernstein und getrocknetem Safran, und die Kamele schritten ruhig durch die kühle Wüstennacht, als wüssten auch sie, dass bald Rast und Wasser warteten.

Der Kaufmann, sein Name war Faruq, und man kannte ihn in drei Königreichen als ehrlichen Mann, saß auf seinem weißen Kamel und ließ den Blick über den weiten Sternenhimmel wandern. Die Welt war still, und das Herz des Kaufmanns war es auch. Als sie eine Oase erreichten, deren Palmen im Nachtwind sanft rauschten und deren Brunnen klar und kühl war wie Mondlicht, beschloss Faruq, hier zu rasten.

Die Treiber schliefen bald, die Kamele kauten zufrieden, und nur Faruq blieb wach, denn er hatte eine Dattel gegessen, und den Kern, ohne nachzudenken, auf den Boden geworfen. Eine kleine, unbedachte Geste. Und doch würde sie alles verändern. Denn kaum berührte der Kern die Erde, da erzitterte der Boden, sanft zunächst, wie ein schlafendes Tier, das sich im Traum bewegt. Dann stieg aus der Tiefe ein Licht auf, golden und warm, und mit dem Licht kam eine Gestalt: größer als ein Mensch, gekleidet in Rauch und Feuer, die Augen leuchtend wie zwei Lampen in einem dunklen Gemach. Es war ein Dschinn, und sein Blick ruhte schwer auf dem Kaufmann.

O Kaufmann, sprach der Dschinn, und seine Stimme war wie das Rollen ferner Donner über der Wüste, du hast einen Kern geworfen und meinen Sohn erschlagen, der in jener Erde schlief. Faruq erbleichte. Er öffnete den Mund, doch kein Laut kam heraus, denn was sagt ein Mensch, wenn ein Dschinn vor ihm steht und Klage erhebt? Er wusste von diesem Sohn nichts, hatte nichts Böses gewollt, und doch stand da die Schuld zwischen ihnen, schwer wie ein Stein. Der Kaufmann faltete die Hände und sprach schließlich, und seine Stimme zitterte nur ein wenig: O mächtiger Herr, wisse, ich wusste es nicht.

Ich bin ein ehrlicher Mann und habe in meinem Leben niemandem wissentlich Unrecht getan. Doch wenn ich schuldig bin, so nimm, was dir gebührt, mein Leben liegt in deinen Händen. Der Dschinn betrachtete ihn lange. In seinem Blick war Schmerz, und auch etwas anderes, etwas, das einem Menschen ähnelte, der nachdenkt, der abwägt, der nicht nur Zorn kennt, sondern auch Vernunft.

Weil du ehrlich gesprochen hast, sagte der Dschinn schließlich, und weil dein Herz frei von Arglist ist, werde ich dir nicht nehmen, was du fürchtest. Aber du schuldest mir eine Schuld, und eine Schuld muss beglichen werden, so ist es seit Anbeginn der Zeit. Faruq nickte langsam. Er verstand. Eine Schuld, auch eine unbewusste, trägt man mit sich, bis sie gelöst ist — das wusste er als Kaufmann besser als die meisten Menschen. So schlossen sie einen Pakt, der Kaufmann und der Dschinn, dort in der Oase unter dem Sternenhimmel, während die Palmen rauschten und die Kamele schliefen. Faruq würde in einem Jahr an diesen Ort zurückkehren, und dann würde der Dschinn über seine Seele richten. Nicht mit Zorn, sondern mit Gerechtigkeit.

Und so ritt Faruq weiter nach Hause, schwerer beladen als mit aller Seide der Welt, aber auch mit einer seltsamen Ruhe im Herzen, denn er wusste nun, was ihn erwartete, und das Wissen ist oft leichter zu tragen als die Ungewissheit. Das Jahr verging wie Wasser durch die Finger. Faruq kehrte heim, sah seine Frau und seine Kinder, aß und trank und lachte und weinte, und doch war da stets dieser eine Gedanke, ruhig und beständig wie ein tiefer Brunnen in der Mitte seines Lebens.

Er verschwendete keine Zeit mit Klagen. Stattdessen tat er, was ein guter Mann tut: Er verteilte sein Vermögen an die Armen seiner Stadt, sorgte dafür, dass seine Familie versorgt war, und sprach mit jedem, dem er je Unrecht getan hatte, ob bewusst oder nicht, und bat um Vergebung. Es waren manche, die staunten, und manche, die weinten, und manche, die lachten und sagten, er sei verrückt geworden. Faruq lachte mit ihnen. Als das Jahr sich dem Ende näherte, reiste der Kaufmann zurück zur Oase.

Die Palmen rauschten wie damals, der Brunnen plätscherte wie damals, und der Mond stand hoch und rund über der Wüste, als hätte er auf Faruq gewartet. Er setzte sich nieder und faltete die Hände und wartete, ruhig, ohne Zittern, wie ein Mann, der getan hat, was er tun konnte, und nun bereit ist für das, was kommt. Der Dschinn erschien. Wieder das goldene Licht, wieder die Gestalt aus Rauch und Feuer, und doch schien er diesmal kleiner, oder vielleicht nur: menschlicher. Er betrachtete Faruq lange, und Faruq hielt seinem Blick stand.

Dann sprach der Dschinn: Ich habe dich beobachtet in diesem Jahr, o Kaufmann. Ich habe gesehen, wie du gabst, was du hattest. Wie du um Vergebung batest, wo keine nötig gewesen wäre. Wie du lebtest, als sei jeder Tag ein Geschenk, und das, weil er es ist. Faruq schwieg und wartete. Wisse, o ehrlicher Mann, sprach der Dschinn leise, und seine Stimme hatte nun etwas von Herbstwind, von Stille nach dem Regen, mein Sohn ist nicht tot. Er schläft noch immer in der Erde, wie Dschinns-Kinder manchmal schlafen, tief und traumreich, für hundert Jahre. Der Kern hat ihn nicht verletzt. Ich habe dich geprüft.

Faruq öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Dann lachte er, ein leises, warmes Lachen, das sich in die Nacht hob wie Rauch von einem Feuer. O mächtiger Herr, sagte er schließlich, du hättest mir das auch gleich sagen können. Der Dschinn lächelte, soweit ein Wesen aus Feuer lächeln kann, und in seinem Blick lag etwas, das einem Funken Zuneigung glich. Nein, sagte der Dschinn, denn dann hätte ich nicht gesehen, wer du bist.

Und nun weiß ich es. Er streckte die große, leuchtende Hand aus, und in seiner Handfläche lag ein kleiner Stein, glatt und dunkel, warm von innen, wie von einem Herzen durchwärmt. Nimm diesen Stein. Er wird dein Haus schützen und deine Kinder und deine Kindeskinder. Solange er bei euch ist, wird kein Unglück über eure Schwelle treten. Faruq nahm den Stein und verbeugte sich tief.

Als er wieder aufblickte, war der Dschinn fort, nur ein letztes Leuchten stand noch im Sand, vergänglich wie ein Traum kurz vor dem Erwachen. Die Oase war still. Die Palmen rauschten. Der Brunnen plätscherte. Und der Kaufmann ritt heim, leichter als je zuvor, und der Stein in seiner Tasche war warm wie ein guter Gedanke, und der Mond begleitete ihn den ganzen Weg, still und beständig, bis die Lichter seiner Stadt am Horizont erschienen und ihn willkommen hießen wie ein alter Freund.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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