Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 4 Minuten zu lesen

Der Kaufmann aus Bagdad und die Gaunerin

In jener Nacht, als der Mond sich hinter einem Schleier aus Wolken verbarg und die Gassen von Bagdad nur noch vom flackernden Licht der Öllampen erhellt wurden, da begab es sich, dass ein reicher Kaufmann namens Harun ibn Mansur durch das Gewirr des nächtlichen Basars schritt. Er hatte an diesem Abend einen guten Handel gemacht, Seide gegen Gewürze, Safran gegen Bernstein, und sein Beutel war schwer vor lauter Golddinaren.

Er war zufrieden, wie ein Mann es sein kann, der glaubt, die Welt zu verstehen, und er schritt mit breiten Schultern durch die engen Gassen, als gehörten sie ihm. An einer kleinen Brunnennische, wo das Wasser leise plätscherte und der Duft von Jasmin aus einem nahen Garten wehte, saß eine Frau im Schatten. Sie trug ein einfaches Gewand, doch ihre Augen glänzten wie polierter Onyx, und um ihre Lippen spielte ein Lächeln, das Harun ibn Mansur sogleich bemerkte.

O Herr, sprach sie mit einer Stimme weich wie Seidenstoff, du siehst wie ein weiser Mann aus, einer der vieles gesehen und noch mehr verstanden hat. Wäre es dir möglich, einer armen Fremden zu helfen, die den Weg zum Haus des Goldschmieds Rashid verloren hat? Harun ibn Mansur blieb stehen, denn er kannte Rashid den Goldschmied gut — er war sein Nachbar.

Und weil er sich für einen gütigen und klugen Mann hielt, nickte er freundlich und sagte: Ich kenne diesen Weg sehr wohl. Komm, ich zeige ihn dir. Die Frau erhob sich, dankte ihm mit einer kleinen Verbeugung, und sie gingen gemeinsam durch die Gassen. Sie sprach angenehm, fragte ihn nach seiner Arbeit, nach den Waren, die er handelte, nach den Städten, die er bereist hatte. Und Harun ibn Mansur, der es liebte, von sich selbst zu erzählen, redete und redete, und merkte dabei nicht, wie geschickt ihre Hände arbeiteten. Als sie vor dem Haus des Goldschmieds ankamen, verbeugte die Frau sich tief. Du bist wahrhaftig ein edler Mann, o Kaufmann, sagte sie, möge Allah dein Haus mit Segen füllen.

Und dann verschwand sie durch eine schmale Seitengasse, so lautlos wie ein Schatten, der vom Mondlicht verschluckt wird. Harun ibn Mansur sah ihr nach, ein wenig verwundert über ihr plötzliches Verschwinden, und dann griff er nach seinem Gürtel, wo sein Beutel gehangen hatte. Der Beutel war fort. Er rief, er suchte, er fragte die Nachtwächter an der Ecke, doch die Frau war wie ein Traum, der sich auflöst, wenn man nach ihm greift.

Harun ibn Mansur setzte sich auf die Stufen des Goldschmiedehauses und dachte lange nach. Dann musste er, wer weiß warum, lachen, ein leises, erstauntes Lachen. Denn er erkannte: Diese Frau hatte ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Er hatte geglaubt, er sei der Kluge, der Weise, der Erfahrene. Und sie hatte seinen Hochmut benutzt wie ein Werkzeug. Am nächsten Morgen erzählte er die Geschichte seinem alten Freund, dem Wesir Kamāl, der die ganze Zeit schweigend zuhörte und dann sprach: Wisse, o Harun, List schlägt Stärke, und Bescheidenheit schützt besser als jeder Gürtel.

Und Harun ibn Mansur nickte, denn er wusste, dass er mit diesem Verlust mehr gewonnen hatte als mit manchem Geschäft. Er ließ fortan seinen Beutel innen im Gewand tragen, und was noch wichtiger war, er hörte fortan mehr zu, als er redete. Viele Nächte später, so sagt man, sah Harun ibn Mansur dieselbe Frau wieder, diesmal auf dem großen Basar, wo sie mit einem Tuchhändler über den Preis von Leinen verhandelte.

Ihre Augen trafen sich für einen Atemzug lang. Sie lächelte kaum merklich, er neigte den Kopf wie zu einer stillen Verbeugung. Dann gingen beide ihrer Wege, ohne ein Wort. Und in dieser kleinen Geste, sagen die Weisen, lag mehr Verständigung als in tausend langen Reden. So endet die Geschichte des Kaufmanns Harun ibn Mansur und der listigen Frau aus den Gassen von Bagdad, in einer Stadt, die niemals schläft, unter einem Himmel voller Sterne, die alles sehen und nichts verraten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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