Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen

Der Kalif als Kaufmann verkleidet

In jener Nacht, als der Mond über den Minaretten von Bagdad stand und der Jasmin in den Gärten des Palastes seinen süßen Atem in die warme Luft hauchte, da saß Harun ar-Raschid, der Kalif der Gläubigen, allein in seinem Gemach und konnte nicht schlafen. Die Lampen warfen goldenes Licht auf die Mosaikwände, auf die seidenen Kissen, auf die Schalen mit Granatäpfeln und kandierten Früchten, doch all diese Pracht vermochte ihn nicht zu trösten.

Denn es hatte ihn jenes Unbehagen ergriffen, das manchmal über Herrscher kommt wie ein leiser Wind in der Nacht: das Gefühl, dass die Welt jenseits der Palastmauern anders sei als die Worte, die seine Wesire ihm brachten. Er rief nach Masrur, seinem treuen Kämmerer, und nach Dscha’far, dem weisesten seiner Wesire. Die beiden Männer traten ein, verneigten sich tief, und der Kalif sprach zu ihnen mit ruhiger Stimme:

Heute Nacht werden wir die Kleider der Einfachheit anlegen und durch meine Stadt gehen, als Kaufleute verkleidet, als Reisende ohne Namen. Ich will mit meinen eigenen Augen sehen, was in den Gassen von Bagdad geschieht, wenn der Kalif schläft. Dscha’far wollte behutsam einwenden, dass dies gefährlich sei, doch ein Blick des Kalifen brachte ihn zum Schweigen. So zogen die drei Männer Gewänder aus grobem Leinen an, hüllten sich in einfache Mäntel, und als sie durch eine verborgene Pforte den Palast verließen, waren sie nichts weiter als drei müde Kaufleute auf dem Heimweg vom Basar. Die Stadt empfing sie mit ihrer nächtlichen Wärme, dem Geruch von Rauch und Gewürzen, dem Plätschern der Brunnen, dem fernen Ruf eines Nachtwächters.

Bagdad lebte auch in der Dunkelheit, und Harun ar-Raschid öffnete die Augen weiter als er es im Palast je getan hatte. Sie wanderten durch Gassen, die wie Adern durch den Leib der Stadt liefen, vorbei an Bäckern, die noch beim Mondlicht ihre Öfen befeuerten, vorbei an Webern, deren Lampen bis tief in die Nacht brannten, vorbei an einem alten Mann, der vor seiner Tür saß und leise ein Gebet sprach. Der Kalif sah und hörte, und mit jedem Schritt wuchs in ihm etwas, das schwer zu benennen war: eine Verbundenheit mit diesen Menschen, die seinen Namen nicht kannten und ihn doch trugen in ihrer Mitte, ohne es zu wissen.

An einer Wegbiegung, wo zwei Gassen sich kreuzten, hörten sie Musik, das sanfte Klagen einer Laute, zart wie ein Seufzen. Das Licht eines Festes drang unter einer niedrigen Tür hervor, und Dscha’far legte seinen Kopf schräg. O mein Herr, flüsterte er, vielleicht sollten wir vorsichtig — Doch der Kalif hatte bereits die Tür berührt, und sie öffnete sich wie von selbst, einladend in das warme Innere. Ein Mann saß dort, umgeben von Gästen, und an seiner Seite befand sich eine Erzählerin, eine alte Frau mit silbernem Haar und Augen, die glänzten wie zwei dunkle Steine im Mondlicht. Sie hob die Hand, als die drei Fremden eintraten, und sprach ohne Zögern: Seid willkommen, ihr Reisenden.

Setzt euch, denn ich habe eine Geschichte zu erzählen, und jedes Ohr, das sie hört, wird bereichert sein. Der Kalif setzte sich auf einen einfachen Teppich, und zum ersten Mal seit langer Zeit war er nicht der Herrscher der Gläubigen — er war einfach ein Mann, der lauschen wollte. Die Erzählerin sprach von einem Kalif, der sein Volk nicht kannte, von einem Herrscher, der hinter seinen Mauern saß und Gerechtigkeit zu verteilen glaubte, ohne je das Gesicht der Ungerechtigkeit gesehen zu haben.

Ihre Worte flossen wie Wasser über Steine, und der Kalif hörte zu, und sein Herz zog sich zusammen, sanft wie eine Faust, die sich langsam öffnet. Er dachte an die Petitionen, die er ungelesen zurückgeschickt hatte. An die Namen auf Papieren, hinter denen Menschen standen. Dscha’far beobachtete seinen Herrn aus den Augenwinkeln und sah, wie das Licht der Lampen sich in seinen Augen spiegelte, nachdenklich, stiller als gewöhnlich. Masrur hielt die Hände ruhig im Schoß.

Niemand sprach, denn die Stimme der Alten füllte den Raum wie Weihrauch einen Tempel füllt, unsichtbar und doch überall. Als sie geendet hatte, war für einen Moment vollkommene Stille, so vollkommen, dass man das Knistern der Öllampe hören konnte. Der Gastgeber des Hauses, ein Händler mittleren Alters mit freundlichem Gesicht, bemerkte die drei Fremden und näherte sich mit einer Schale Datteln und einer Kanne Tee, der nach Kardamom und Rosen duftete. Wisse, o Reisender, sprach er zu Harun ar-Raschid, in meinem Haus ist jeder willkommen, der in Frieden kommt. Woher seid ihr?

Der Kalif antwortete, sie seien Händler aus dem Norden, auf der Durchreise, und der Mann nickte und fragte nicht weiter, denn Gastfreundschaft fragt nicht nach Namen, sondern nach dem Hunger des Gastes. Sie saßen lange in diesem Haus, tranken Tee und aßen Brot mit Honig, und der Kalif sprach mit den Menschen um ihn herum so, wie er es im Palast nie getan hatte, ohne die Last der Würde auf den Schultern, ohne die Angst, falsch verstanden zu werden. Ein junger Schreiber klagte ihm von einem Richter, dessen Urteile käuflich waren. Eine Frau mit müden Augen erzählte von Steuern, die erhoben wurden über das Maß des Gerechten.

Ein alter Schmied sprach von einer Straße, die seit Jahren verfallen war und auf deren Reparatur die Bewohner vergeblich warteten. Harun ar-Raschid hörte jedem zu. Er stellte Fragen, schlichte Fragen, und die Menschen antworteten ihm offen, denn er war nur ein Kaufmann in einem groben Mantel, und Kaufleute verstehen die Sorgen des einfachen Mannes. Dscha’far saß still dabei und prägte sich jedes Wort ein — er war ein Wesir, und Wesire vergessen nichts. Der Kämmerer Masrur hielt seinen Blick gesenkt und seine Hände verschränkt, denn er wusste, dass diese Nacht eine von jenen war, nach denen sich etwas ändert.

Als der Mond seinen höchsten Stand überschritten hatte und sanft in Richtung der westlichen Hügel sank, erhoben sich die drei Männer. Der Kalif dankte dem Gastgeber mit aufrichtigem Herzen, nicht mit den goldenen Phrasen des Palastes, sondern mit den schlichten Worten eines Menschen, dem etwas Gutes geschenkt worden war. Der Mann verbeugte sich und wünschte ihnen eine sichere Reise, und dann waren sie wieder in den Gassen von Bagdad, unter dem Himmel voller Sterne. Sie gingen schweigend zurück durch die schlafenden Straßen.

Der Kalif sprach erst, als die Lichter des Palastes vor ihnen auftauchten, goldene Punkte in der blauen Dunkelheit. Dscha’far, sagte er, morgen früh, wenn der Muezzin zum ersten Gebet ruft, wirst du mir die Akte des Richters bringen, dessen Name heute Nacht gefallen ist. Und dann wirst du mir sagen, welche Straße schon zu lange wartet. Dscha’far verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen, denn manche Momente sind größer als Sprache.

So kehrte der Kalif der Gläubigen in seinen Palast zurück, doch er trug etwas mit sich, das keine Mauer je hatte aufhalten können: das wirkliche Gesicht seiner Stadt, das Gewicht der kleinen Sorgen, die zusammen das Gewicht eines Volkes bilden. Er legte sich auf seine seidenen Kissen und schloss die Augen, und sein Atem wurde ruhig und tief. Die Lampen brannten noch, der Jasmin duftete noch, und irgendwo in der Stadt saß eine alte Frau mit silbernem Haar und erzählte vielleicht noch eine Geschichte, in der Gewissheit, dass jede Geschichte, die das richtige Ohr findet, die Welt ein wenig besser macht.

Und über den Dächern von Bagdad stand der Mond, rund und still, und wachte über alle, über den Kalif in seinem Gemach und den Schmied in seiner Werkstatt, über den Händler mit den freundlichen Augen und die Frau mit dem müden Blick, über alle, die schliefen, und alle, die noch lauschten, bis auch sie sanft die Augen schlossen und in die Stille der Nacht hinüberglitten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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