Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen
Der junge Kaufmann und das Meer
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über dem großen Meer funkelten wie Diamanten auf schwarzem Samt, lebte in der Stadt Basra ein junger Kaufmann namens Tariq. Sein Vater hatte ihm ein kleines Lager mit Gewürzen hinterlassen, Zimt und Kardamom, Kurkuma und getrocknete Rosenblätter, und Tariq saß jeden Abend bei der Öllampe und rechnete, wie viel er bräuchte, um endlich ein Schiff zu chartern und das Meer zu überqueren.
Die anderen Kaufleute im Basar lachten über ihn, denn er war jung und arm und träumte von Dingen, die nur den Reichen gehörten, Schiffen, fernen Inseln, dem Ruf des Windes. Eines Morgens, als Tariq seine Waren aufschichtete, trat ein alter Mann an seinen Stand. Er trug ein Gewand so weiß wie Salz, und seine Augen waren so ruhig wie tiefes Wasser.
Wisse, o junger Kaufmann, sagte der Alte, ich habe drei Schiffe und keine Söhne. Ich suche jemanden, dem ich vertrauen kann, der meine Waren über das Meer bringt und mir die Hälfte des Gewinns zurückbringt. Tariq stand lange still, dann neigte er den Kopf und sprach: O mein Herr, ich werde es tun. So geschah es, dass Tariq an einem Morgen im ersten Licht auf dem Schiff des alten Mannes stand, während Basra hinter ihm kleiner und kleiner wurde, bis nur noch die Minarette über dem Dunst der Küste zu sehen waren.
Das Schiff war groß und schwer beladen, mit Seide und Glas, mit Datteln und Olivenöl, mit feinen Messern aus Damaszener Stahl. Die Matrosen sangen beim Rudern, und der Wind war mild, und das Wasser war blau wie das Innere einer Muschel. Drei Tage und drei Nächte fuhren sie ruhig. Am vierten Tag aber begann der Himmel sich zu verfärben, erst gelb, dann grau, dann so dunkel wie altes Blei. Die Matrosen schwiegen. Der Kapitän trat zu Tariq und sprach leise: Es kommt ein Sturm, wie ich ihn in zwanzig Jahren nicht gesehen habe. Halte dich fest und bete.
Und dann kam er, der Sturm, der das Meer aufwarf wie kochendes Wasser, der die Segel zerriss und die Matrosen von den Tauen riss. Tariq klammerte sich an einen Mastbalken und schloss die Augen und sprach alle Namen Gottes, die er kannte. Als er die Augen wieder öffnete, war es still. Das Schiff trieb auf einem Meer, das glatt war wie ein Spiegel, und rings um ihn schliefen die Matrosen, und der Kapitän schlief, und alle schliefen tief und fest, als hätten sie nie in ihrem Leben so gut geschlafen. Nur Tariq war wach. Vor dem Bug lag eine Insel, die auf keiner Karte verzeichnet war, mit weißem Sand und Palmen, deren Blätter golden glänzten, obwohl kein Sonnenlicht auf sie fiel.
Tariq stieg ins flache Wasser und watete zur Insel hinüber. Der Sand war warm unter seinen Füßen, wärmer als er hätte sein sollen mitten in der Nacht. Zwischen den Palmen stand ein Brunnen aus blauem Stein, umrankt von Jasmin, dessen Duft so schwer und süß war, dass Tariq meinte, er träume schon. Er trat näher und blickte hinein, und aus dem dunklen Wasser des Brunnens sah ihn ein Gesicht an. Das Gesicht gehörte einer Frau, aber es war kein Spiegelbild, denn die Frau lächelte, wo Tariq ernst war, und sie bewegte sich nicht, wie er sich bewegte.
Sie hatte Augen wie zwei dunkle Sterne und Haare, die im Wasser schwebten wie schwarze Seide. Wisse, o Reisender, sprach sie, und ihre Stimme kam von weit unten, als käme sie aus dem Grund der Erde, du hast den Sturm überlebt, weil dein Herz rein ist und dein Wort ehrlich. Ich bin die Hüterin dieser Insel. Ich gebe dir eine Gabe, aber nur eine. Tariq dachte lange nach. Er dachte an Gold und Seide, an Schiffe und Paläste.
Er dachte an den alten Mann in Basra, der ihm vertraut hatte. Dann sprach er: O Hüterin, ich bitte dich um nichts für mich. Aber mein Schiff ist zerrissen und meine Matrosen schlafen. Gib mir die Kraft, sie sicher nach Hause zu bringen. Im Brunnen bewegte sich das Gesicht der Frau, und zum ersten Mal sah Tariq, dass sie weinte, aber es waren keine traurigen Tränen. Sie warf etwas aus dem Wasser: einen kleinen, glatten Stein, blau wie das Meer bei Windstille.
Lege diesen Stein an den Bug deines Schiffes, sprach sie. Er wird euch nach Hause führen. Dann verschwand das Gesicht, und der Brunnen war nur noch ein Brunnen, und der Jasminduft wurde schwächer, und die goldenen Palmen wurden wieder gewöhnlich grün. Tariq nahm den Stein und watete zurück zum Schiff. Er legte den Stein so leise er konnte an den Bug, ohne die schlafenden Matrosen zu wecken.
Und kaum hatte er das getan, da begann das Schiff sich zu bewegen, langsam, fast unmerklich, wie von einer sanften Hand geschoben. Kein Wind blies. Kein Ruder schlug ins Wasser. Aber das Schiff glitt durch die Nacht, und die Sterne standen klar, und vor dem Bug zog ein Streifen Mondlicht über das Wasser wie ein Weg. Am Morgen wachten die Matrosen auf, und keiner wusste, dass sie geschlafen hatten. Sie sahen Basra am Horizont, die weißen Mauern, die Minarette, den Rauch der Bäckereien, und sie jubelten und umarmten einander und priesen Gott und das Meer.
Nur Tariq stand still am Bug und sah zurück über das Wasser, dorthin, wo die Insel gewesen war. Er konnte sie nicht mehr sehen. Aber in seiner Hand lag der kleine blaue Stein, und er war noch warm. Der alte Kaufmann empfing Tariq am Hafen und weinte vor Freude, denn er hatte geglaubt, das Schiff sei verloren. Er wollte Tariq die Hälfte seines Reichtums geben, wie er versprochen hatte, aber Tariq schüttelte den Kopf. O mein Herr, die Waren sind vollständig und dein Schiff ist heil. Das ist Lohn genug. Da der alte Mann darauf bestand, nahm Tariq am Ende nur so viel, wie er brauchte, um sein eigenes kleines Schiff zu kaufen, nicht größer als nötig, aber seefest und gut.
In den Jahren, die folgten, fuhr Tariq viele Male über das Meer. Die Stürme mieden ihn, sagen manche, andere sagen, er wusste einfach, wann er segeln und wann er warten musste. Den blauen Stein trug er immer am Bug seines Schiffes, und wenn andere Schiffer ihn fragten, woher er komme, lächelte er nur und sagte: Von einer Insel, die auf keiner Karte steht. Er wurde ein reicher und geachteter Mann, aber er blieb bescheiden, wie er als junger Kaufmann bescheiden gewesen war.
Und wenn die Nächte warm waren und das Meer ruhig, dann saß er manchmal allein am Bug und blickte ins Wasser, als würde er nach einem Gesicht suchen zwischen den Spiegelungen der Sterne, zwischen dem Schweigen des Meeres und dem leisen Atmen der Wellen. Und vielleicht fand er es manchmal. Das Meer behält seine Geheimnisse, und die Nacht ist tief, und manches liegt zwischen dem Wachen und dem Schlafen, wo kein Wort es fassen kann.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.