Nach Wilhelm Hauff · 7 Minuten zu lesen
Der junge Engländer
Es war einmal ein kleines Städtchen namens Grünwiesel, eines jener stillen, ordentlichen Städtchen, wie es viele gibt. Die Häuser standen brav in Reih und Glied, die Gärtchen waren gepflegt, und die Leute kannten einander beim Namen, beim Beruf und bei allen kleinen Gewohnheiten. In Grünwiesel geschah selten etwas Außergewöhnliches — und wenn doch einmal etwas geschah, dann hatte die ganze Stadt für Wochen Stoff zum Reden. Denn was die guten Grünwieseler am allerliebsten taten, das war: über andere reden und ja nichts versäumen, was vornehm und neu und in der weiten Welt gerade Mode war.
Eines Tages nun zog ein fremder, alter Herr in die Stadt. Er mietete ein Haus am Rande des Marktes, lebte still und für sich, und niemand wusste so recht, woher er kam oder was er trieb. Er kochte sich sein Essen selbst, hielt nur einen alten, stummen Diener und einen schwarzen Pudel, ging kaum aus und lud niemanden ein. Das fanden die Grünwieseler höchst sonderbar, und weil sie nichts Genaues wussten, redeten sie um so mehr. Doch der alte Herr kümmerte sich nicht im Geringsten darum, was man über ihn flüsterte.
Nach einiger Zeit ließ der Fremde wissen, dass er Besuch erwarte: Sein Neffe werde kommen und eine Weile bei ihm wohnen, ein junger Mann aus England, ein vornehmer, gebildeter junger Engländer. Da spitzte ganz Grünwiesel die Ohren. Ein echter Engländer, in ihrem Städtchen! Man stellte sich einen feinen, weltgewandten jungen Herrn vor, und schon im Voraus war jede Familie begierig, ihn kennenzulernen und sich mit ihm zu schmücken.
Endlich kam der junge Engländer an. Und es muss gleich gesagt werden: Er war ein höchst seltsamer Gast. Er war groß und breit und ging ein wenig gebückt; sein Gesicht war über und über mit dunklem Flaum bewachsen, und seine Bewegungen waren ungelenk und wild. Bei Tisch benahm er sich erstaunlich: Er griff mit beiden Händen zu, schmatzte und schlang, warf Teller um, knurrte und brummte und stieß zuweilen einen schrillen Laut aus, der gar nicht wie menschliche Rede klang. Sprechen tat er kaum; nur ein paar gebrochene Worte brachte er heraus, und auch die klangen mehr nach Husten als nach Englisch.
Nun hätte man meinen sollen, die feinen Grünwieseler wären entsetzt gewesen über so wilde Manieren. Aber der alte Herr, sein Onkel, wusste das auf wunderbare Weise zu erklären. Seht, sagte er ernst, so ist es eben Sitte in England. Dort gilt das als das Allervornehmste und Gebildetste. Je freier und ungebundener ein junger Mann sich benimmt, desto höher steht er in der feinen Welt. Und siehe da — kaum hörten die Grünwieseler das, da schämten sie sich plötzlich ihrer eigenen, altmodischen guten Sitten. Sie wollten doch um keinen Preis als rückständige Kleinstädter dastehen.
Und so geschah das Erstaunlichste. Anstatt sich über den wilden jungen Engländer zu wundern, begannen die Leute, ihn zu bewundern. Was er auch tat, wenn er bei Tisch schmatzte, wenn er knurrte, wenn er einem die Perücke vom Kopf riss oder über die Sofas sprang, alle riefen: Wie originell! Wie englisch! Wie vornehm! Und nicht nur das: Sie fingen an, ihn nachzuahmen. Die jungen Herren der Stadt übten sich darin, bei Tisch zu schlingen und zu brummen. Die Damen fanden plötzlich Gefallen an ungelenken Sprüngen. Was gestern noch als unhöflich gegolten hätte, das war über Nacht die feinste Mode von Grünwiesel geworden.
Der junge Engländer wurde der gefeiertste Mensch der ganzen Stadt. Keine Gesellschaft, kein Fest, kein Tanz fand mehr ohne ihn statt. Der Bürgermeister lud ihn ein, die vornehmen Familien stritten sich um ihn, und wenn er irgendwo erschien und sich gleich auf den schönsten Stuhl fläzte oder vom Kuchenteller mit beiden Händen nahm, dann lächelten alle entzückt und sagten: Ach, dieser charmante junge Engländer. Der Tanzlehrer der Stadt war so kühn, einige seiner sonderbaren Sprünge zu einem neuen Tanz zu erklären, und alle wollten ihn lernen.
Nur eines wunderte hin und wieder den einen oder anderen: dass der feine junge Herr so ungern in den Spiegel sah, so gerne nach hohen Schränken und Vorhängen griff und sich am liebsten an Nüssen und Früchten labte. Aber wer hätte gewagt, daran Anstoß zu nehmen? Es war ja englisch, und englisch war vornehm, und vornehm wollten sie alle sein. So redete man sich jede leise Verwunderung selbst wieder aus.
Nun aber nahte der Höhepunkt der Wintersaison: ein großes Konzert, das die ganze gute Gesellschaft von Grünwiesel im festlich geschmückten Saal versammelte. Natürlich durfte der junge Engländer nicht fehlen; man hatte ihm den Ehrenplatz bereitet. Die Lichter brannten, die Musiker stimmten ihre Instrumente, und alles war voll Erwartung.
Der junge Engländer saß zunächst ganz ruhig. Aber als die Musik recht laut und lebhaft wurde, da begann es in ihm zu arbeiten. Erst wippte er unruhig hin und her. Dann fing er an zu brummen und zu quietschen, immer lauter, im Takt der Geigen. Und schließlich hielt es ihn nicht mehr auf seinem Ehrenplatz. Mit einem einzigen wilden Satz sprang er auf, kletterte, zum Entsetzen der Damen, an den Vorhängen empor, schwang sich hinauf zum großen Kronleuchter und hangelte dort oben hin und her, so flink und behände, wie es nie und nimmer ein Mensch vermocht hätte.
Dabei verrutschte ihm die Perücke, das feine Halstuch löste sich, der Rock riss auf — und nun sah die ganze versammelte Stadt mit einem Mal, was da oben am Kronleuchter turnte. Es war gar kein junger Engländer. Es war ein Affe. Ein großer, brauner Affe, den der alte Fremde abgerichtet, in feine Kleider gesteckt und der staunenden Stadt als vornehmen Neffen vorgestellt hatte.
Einen Augenblick lang war es totenstill im Saal. Dann brach ein Geschrei los, ein Durcheinander, ein Lachen und Sichschämen, wie es Grünwiesel noch nie erlebt hatte. Und der alte Fremde? Den suchte man vergebens. Er hatte sein Haus schon still geräumt und die Stadt verlassen.
Zurück aber ließ er einen Brief, den man am nächsten Tag fand und in dem alles erklärt stand. Er habe, so schrieb er freundlich, den guten Grünwieselern nur einen kleinen Spiegel vorhalten wollen. Sie hätten einen Affen für den feinsten Herrn gehalten und seine wildesten Unarten als vornehme Mode bewundert, und das nur, weil man ihnen gesagt hatte, so sei es in der Fremde Sitte. Ob sie nun wohl, fragte der Brief, künftig ein wenig genauer hinschauen würden, ehe sie etwas bewunderten, bloß weil es neu und fremd und angeblich vornehm war?
Die Grünwieseler schämten sich gründlich, das ist wahr. Aber es war eine heilsame Scham, und unter all dem Gelächter über sich selbst wurden sie am Ende ein wenig klüger. Von da an, so erzählt man, ließ man sich in Grünwiesel nicht mehr so leicht etwas vormachen. Man prüfte erst, ehe man bewunderte, und man hielt wieder etwas auf die eigenen, schlichten guten Sitten — die, wie sich gezeigt hatte, gar nicht so altmodisch waren, wie man gefürchtet hatte.
Und der Affe? Der lebte fortan vergnügt und unbeschwert irgendwo in der Ferne, ganz ohne Perücke und feinen Rock, und war gewiss froh, wieder nichts weiter sein zu müssen als ein Affe. So endet die heitere Geschichte vom jungen Engländer. Sie lächelt ein wenig über uns alle, über die Lust, dazuzugehören, und über die Furcht, altmodisch zu erscheinen. Und sie flüstert uns sanft zu: Sei ruhig der, der du bist. Das Echte braucht keine fremde Perücke.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.