Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Der junge David und die Schafe
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, voller weiter Hügel und tiefer Täler, lebte ein Junge namens David. Er war der Jüngste von vielen Brüdern, und während seine älteren Brüder stärker und lauter waren, war David von einer anderen Art, still, aufmerksam und voller innerer Wärme, wie eine Lampe, die ruhig brennt in einer windstillen Nacht. Sein Vater Isai, ein Mann aus der Stadt Bethlehem, gab David schon früh die Schafe in seine Obhut, denn er erkannte in dem Jungen etwas, das sich nicht leicht in Worte fassen ließ, eine Verlässlichkeit, die tiefer saß als Kraft oder Größe.
Und so zog David Tag für Tag mit der Herde aus. Die Schafe kannten seinen Schritt, noch bevor er sprach. Sie folgten ihm die staubigen Pfade hinauf, über die Hügel, die sich in der Morgenstunde golden färbten, hinunter zu den Tälern, wo das Gras feucht war vom Tau der Nacht. David kannte jedes Tier mit Namen, und wenn eines zurückblieb oder einen falschen Weg einschlug, rief er es leise, und es kehrte zu ihm zurück. Es war eine einfache Arbeit, sagten manche. Aber für David war sie alles, ein stilles Gespräch zwischen ihm und der Welt, die Gott geschaffen hatte.
Die Tage auf den Hügeln hatten ihren eigenen Rhythmus, langsam und verlässlich wie der Atem eines schlafenden Kindes. Am Morgen trieb David die Herde zu frischem Wasser, zu den Bächen, die leise über Steine rieselten und in denen sich der Himmel spiegelte. Am Mittag suchte er Schatten unter alten Olivenbäumen, deren silberne Blätter im heißen Wind zitterten. Und am Abend, wenn die Sonne tief stand und das Land in warmes Licht tauchte, führte er die Schafe zurück auf die Hügel, wo das Gras kühl und weich wurde unter den ruhenden Tieren. David setzte sich dann auf einen Stein und schaute über das weite Land, das sich bis zum Horizont dehnte, und sein Herz war voller Staunen.
In jenen Stunden der Stille, wenn nur das leise Blöken der Schafe und das Singen der Grillen zu hören war, griff David nach seiner Harfe. Er hatte sie sich selbst gebaut, mit geduldigen Händen, und er hatte die Saiten gestimmt, bis ihr Klang ihm gefiel wie der Klang des Windes in den Zweigen. Und er spielte. Er spielte Lieder ohne Worte, dann Lieder mit Worten, die aus ihm herausdrangen wie Wasser aus einer Quelle, Lieder des Staunens, Lieder der Dankbarkeit, Lieder in der Nacht, wenn der Himmel sich über ihm auftürmte wie ein dunkles, funkenübersätes Zelt. Die Schafe lagen ruhig dabei, und manchmal drehte eines seinen Kopf und schaute ihn an, als verstünde es.
Und die Nächte, die Nächte auf den Hügeln um Bethlehem waren von einer Tiefe und Stille, die David niemals vergaß. Kein Licht außer den Sternen, die in so großer Zahl leuchteten, dass der Himmel selbst zu leuchten schien wie ein weißes Tuch, das von innen erhellt wird. David lag auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, und zählte die Sterne nicht, denn das war unmöglich — er ließ sich von ihrer Unzahl überwältigen, und in diesem Überwältigtwerden war etwas, das sich anfühlte wie Geborgenheit. Als wäre er klein, ja, klein wie ein Körnchen Staub, aber als wäre dieses Körnchen Staub dennoch gesehen und gekannt und nicht vergessen.
Einmal, in einer dunklen Nacht, als ein Sturm heraufzog und die Schafe unruhig wurden und sich aneinanderdrängten, stand David auf und trat in den Wind. Er sprach ruhig in die Nacht hinein, zu den Schafen und zu dem, was jenseits der Nacht war, und seine Stimme zitterte nicht. Die Tiere beruhigten sich um ihn herum, eines nach dem anderen, und der Sturm zog vorüber, ohne dass eines verloren ging. Am nächsten Morgen zählte David die Herde, Tier für Tier, und als er das letzte gezählt hatte, setzte er sich ins Gras und lachte leise vor Erleichterung, ein Lachen, das niemand hörte außer den Schafen und dem weiten Himmel.
So wuchs David heran, Saison um Saison, Jahr um Jahr, auf den Hügeln um Bethlehem. Die Welt war oft laut und voller Hast, aber auf den Weiden war die Zeit anders, weiter, ruhiger, wie Wasser, das über flache Steine gleitet und nirgends eilt. Er lernte Geduld von den Schafen, die das Gras fraßen, ohne zu fragen, wohin es sie trug. Er lernte Wachsamkeit von der Nacht, die jeden Laut veränderte. Und er lernte, dass Stärke nicht immer sichtbar ist, dass sie manchmal aussieht wie ein Junge, der allein auf einem Hügel sitzt und spielt und aufpasst und wartet, ohne zu wissen, worauf er wartet.
In Bethlehem nannten die Leute ihn den kleinen David, den Jüngsten, den Hirten. Seine Brüder waren größer, breiter, bekannter. Aber David trug in sich etwas, das sich nicht messen ließ, eine Stille, die nicht Leere war, sondern Fülle. Wie ein tiefer Brunnen, dessen Wasser kalt und klar ist, auch wenn man von außen nur Stein sieht. Was aus diesem Brunnen noch fließen würde — das ahnte niemand in jenen stillen Tagen. Aber die Tage selbst, die langen und ruhigen Tage mit den Schafen, waren nicht Vorstufe und Warten allein. Sie waren vollkommen in sich.
Und wenn der Abend wieder kam und die Sterne über Bethlehem aufstiegen, einen nach dem anderen, wie Lichter, die jemand sanft entzündet, dann saß David bei seiner Herde und spielte, und seine Musik stieg auf in die kühle Nachtluft, leise und anhaltend, wie ein Gebet ohne Worte. Die Schafe schliefen. Das Land war still. Und der junge David wachte über sie alle, dort auf den Hügeln, unter dem unendlichen, sternerfüllten Himmel.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.