Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 12 Minuten zu lesen

Der Hund von Baskerville — Zweiter Teil

Doktor Mortimer hatte seine Geschichte beendet, und eine Weile herrschte Stille in unserem Zimmer in der Baker Street. Sherlock Holmes saß nachdenklich da, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Ich gestehe, sagte er endlich, dass mich der Fall in hohem Maße reizt. Sagen Sie mir, Doktor, als Sie jene Spuren entdeckten, war der Hund da, der sie hinterließ, von dieser Welt oder von jener anderen? Mortimer zögerte. Ich weiß es nicht zu sagen, Herr Holmes. Es lag etwas Unirdisches über der ganzen Sache. Und doch, sagte Holmes ruhig, hat ein Wesen aus Fleisch und Blut diese Abdrücke gemacht, denn ein Gespenst hinterlässt keine Fußspuren. Ich neige dazu, das Übernatürliche beiseitezulassen und nach einer irdischen Erklärung zu suchen. Solange diese nicht erschöpft ist, gibt es keinen Grund, zum Übersinnlichen Zuflucht zu nehmen.

Doch das Dringendste zuerst, fuhr Holmes fort. Sie sagten, es gebe einen Erben. Gewiss, sagte Mortimer. Sir Henry Baskerville, ein junger Mann, der Sohn von Sir Charles’ verstorbenem Bruder. Er hat lange in Übersee gelebt, in Kanada, und kommt nun nach England, um das Erbe und das alte Gut anzutreten. Heute Vormittag bereits trifft er in London ein. Und Sie fürchten um sein Leben, sagte Holmes. Ich fürchte es sehr, sagte Mortimer ernst. Sir Charles ist tot. Wenn nun auch dem letzten Baskerville etwas zustößt, darf ich dann den jungen Mann ahnungslos in jenes düstere Haus auf dem Moor ziehen lassen? Und doch: Jeder Baskerville, der dort wohnt, tut viel Gutes für die ganze arme Gegend. Ziehe ich Sir Henry ab, so verliert das ganze Moorland seinen Wohltäter. Sie sehen meine Zwickmühle.

Holmes überlegte eine Weile. Im Kern liegt die Frage so, sagte er. Entweder ist die Sache wirklich übernatürlich, dann können wir ohnehin nichts ausrichten. Oder es steckt ein Mensch dahinter, der aus irdischen Gründen den Baskervilles nach dem Leben trachtet, und dann können und müssen wir den jungen Erben schützen. Ich neige zur zweiten Annahme. Bedenken Sie: Wer hätte einen Vorteil vom Tod der Baskervilles? Wer erbt, wenn die Linie erlischt? Solche nüchternen Fragen führen oft weiter als alle Schauergeschichten. Er bat Mortimer, am nächsten Tag mit dem jungen Sir Henry wiederzukommen. Bringen Sie ihn her, sagte Holmes. Bis dahin will ich nachdenken. Lassen Sie mich allein mit meiner Pfeife und diesem hübschen Rätsel.

Als Mortimer gegangen war, versank Holmes in tiefes Grübeln. Den ganzen Tag über saß er in dichten Tabakwolken, wog jede Einzelheit, ordnete die Tatsachen. Am Abend, als ich heimkam, empfing er mich mit klarem Blick. Ich war im Geiste den ganzen Tag über auf dem Moor, Watson, sagte er. Ich habe mir die Karte der Gegend beschafft und sie studiert, bis ich jeden Pfad, jedes Gehöft kenne. Es ist ein wilder, einsamer Landstrich, durchzogen von gefährlichem Sumpf, mit nur wenigen verstreuten Häusern und Bewohnern. Und welchen Schluss ziehen Sie, fragte ich. Nur diesen, sagte Holmes: dass irgendwo dort, zwischen all der Einsamkeit, ein Mensch wohnt, der mehr weiß, als er sagt. Es liegt eine kühle Berechnung hinter diesem Schrecken, Watson, ich spüre es.

Am nächsten Morgen kam Doktor Mortimer zurück, und mit ihm der junge Erbe: Sir Henry Baskerville. Er war ein kräftiger, frischer junger Mann mit wettergegerbtem Gesicht und festen, klaren Augen, ein Mann, dem man die gesunden Jahre im freien Land Kanadas ansah, gutmütig und doch von entschlossenem Wesen. Er begrüßte uns herzlich, doch sogleich zeigte sich, dass auch ihm bereits Sonderbares widerfahren war. Herr Holmes, sagte er stirnrunzelnd und zog einen Briefumschlag hervor, kaum bin ich in London angekommen, da erhalte ich diese seltsame Botschaft. Er reichte Holmes ein Blatt. Darauf waren, aus einer Zeitung ausgeschnitten und einzeln aufgeklebt, Worte zu einer Warnung zusammengesetzt: Wenn Ihnen Ihr Leben und Ihr Verstand lieb sind, so halten Sie sich fern vom Moor.

Holmes betrachtete das sonderbare Schreiben mit lebhaftem Interesse. Höchst aufschlussreich, murmelte er. Jemand wünscht dringend, Sie vom Moor fernzuhalten, sei es, weil er Sie warnen, sei es, weil er Sie einschüchtern will. Schon das zeigt, Sir Henry, dass hier sehr irdische Kräfte am Werk sind, die mit großer Sorgfalt vorgehen. Mag sein, sagte der junge Mann fest, aber kein Hund und kein Teufel auf Erden wird mich davon abhalten, in das Haus meiner Väter zu ziehen. Das, meine Herren, ist beschlossen. Holmes lächelte anerkennend über so viel Mut. Wohlgesprochen, sagte er. Dann aber dürfen wir Sie nicht allein gehen lassen. Wir werden Sorge tragen, dass Ihnen ein wachsames Auge folgt.

Während wir noch über die geheimnisvolle Warnung sprachen, hatte Sir Henry noch von einem zweiten Ärgernis zu berichten. Es ist eine Lappalie, sagte er, und doch sonderbar. In meinem Hotel ist mir heute Morgen ein Stiefel abhandengekommen, ein nagelneuer brauner, den ich zum Putzen vor die Tür gestellt hatte. Einfach verschwunden. Holmes horchte auf. Ein einzelner Stiefel? Ein einzelner. Was soll man mit einem Stiefel anfangen? Ich vermute, es ist nur ein dummes Versehen des Hotelpersonals. Mag sein, sagte Holmes nachdenklich. Und doch, behalten Sie auch diese Kleinigkeit im Auge, Sir Henry. Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Dinge, die am meisten verraten.

Es kam noch sonderbarer. Wenig später meldete Sir Henry, der neue braune Stiefel sei wieder aufgetaucht, dafür aber sei nun ein alter schwarzer aus seinem Zimmer verschwunden. Erst der neue, dann der alte, murmelte Holmes und rieb sich die Hände. Das ist höchst lehrreich, Watson. Es zeigt, dass jemand einen getragenen Stiefel von Sir Henry haben wollte, einen, der bereits seinen Geruch angenommen hat. Den nagelneuen, der noch nach Leder und Wichse roch, gab man zurück, weil er nutzlos war. Aber wozu sollte jemand Sir Henrys Geruch an einem Stiefel wollen, fragte ich verwundert. Das, sagte Holmes leise, ist eine sehr gute Frage, deren Antwort mir noch nicht gefällt.

Als unsere Besucher aufbrachen, beschloss Holmes, ihnen unauffällig zu folgen. Und kaum waren Sir Henry und Doktor Mortimer ein Stück die belebte Straße hinabgegangen, da bemerkte Holmes etwas. Sehen Sie, Watson, flüsterte er, dort, in jener Droschke! In einer langsam folgenden Kutsche saß ein Mann mit einem buschigen schwarzen Bart, der die beiden scharf im Auge behielt. In dem Augenblick aber, als er bemerkte, dass auch wir ihn ansahen, rief er dem Kutscher etwas zu, und die Droschke jagte davon. Holmes stürzte hinterher, doch sie war zu schnell. Verflixt, sagte er nur. Doch ich habe mir die Nummer der Droschke gemerkt.

Diese Spur verfolgte Holmes mit gewohntem Eifer. Er machte den Kutscher jener Droschke ausfindig und befragte ihn. Was der Mann berichtete, war so dreist wie aufschlussreich: Der bärtige Fahrgast habe ihm aufgetragen, die beiden Herren zu beschatten, und auf die Frage nach seinem Namen habe er mit kühlem Spott geantwortet, er heiße Sherlock Holmes. Mein Freund lachte beinahe bewundernd. Ein guter Hieb, Watson! Unser Gegner ist kein Dummkopf. Er ist klug, kühn und treibt seinen Spott mit mir. Das macht ihn nur gefährlicher. Der schwarze Bart, sagte ich, könnte echt oder falsch sein. Vermutlich falsch, sagte Holmes. Ein kluger Mann, der eine so heikle Sache betreibt, trägt einen Bart nur zu einem Zweck: um sein Gesicht zu verbergen.

Nun stand der Entschluss fest, dass Sir Henry nach Devon ziehen werde, in das Haus seiner Väter; nichts konnte ihn davon abbringen. Es wäre mir das Liebste, selbst mitzukommen, sagte Holmes, doch wichtige Geschäfte halten mich hier in London fest. Darum bitte ich Sie, Watson, an meiner Stelle nach Baskerville Hall zu reisen, an Sir Henrys Seite zu bleiben und über ihn zu wachen wie ein treuer Schatten. Er sah mich ernst an. Berichten Sie mir alles, jede Kleinigkeit, mag sie noch so belanglos scheinen. Lassen Sie Sir Henry niemals allein über das Moor gehen, am wenigsten bei Nacht. Es geht um ein Menschenleben, mein Freund. Ich versprach es ihm von Herzen, stolz und zugleich beklommen über die Verantwortung, die er mir übertrug.

So wurde alles bereitet für die Reise in den Westen. Sir Henry, frohgemut und unerschrocken, freute sich auf sein altes Erbe; ich aber dachte an die düstere Sage, an die Spuren am Tor, an den bärtigen Mann in der Droschke und an die geheimnisvolle Warnung, und mir war nicht ganz wohl ums Herz. Doch ich vertraute auf Holmes, der mir versicherte, dass er, auch wenn er in London bliebe, die Fäden fest in der Hand behalten werde. Gehen Sie ruhig, Watson, sagte er. Sie sind nicht so allein, wie Sie glauben.

Am festgesetzten Tag bestiegen wir den Zug nach Westen, Sir Henry, Doktor Mortimer und ich. Stunde um Stunde glitt die Landschaft sanfter und grüner vorüber, bis sie sich allmählich wandelte. Die freundlichen Felder wichen, und vor uns dehnte sich, weit und braun und einsam, das Moor von Devon, eine wilde, schwermütige Heide, über die ein kühler Wind strich und auf der nur hier und da ein zerklüfteter Felsen gegen den Himmel ragte. Da ist es, sagte Doktor Mortimer und deutete hinaus. Das Moor der Baskervilles. Sir Henry beugte sich vor, und in seinen Augen lag eine seltsame Mischung aus Ergriffenheit und Stolz, als er zum ersten Mal das Land seiner Vorfahren erblickte.

Am kleinen Bahnhof erwartete uns ein Wagen. Doch schon hier spürten wir, dass etwas in der Luft lag. Bewaffnete Männer hielten Wache, und auf unsere Frage erfuhren wir den Grund: Ein gefährlicher Sträfling sei aus dem nahen Gefängnis entflohen und halte sich irgendwo auf dem weiten Moor verborgen. Es handle sich um einen gewissen Selden, einen Mann von übelstem Ruf, vor dem die ganze Gegend in Furcht lebe. Seit Tagen suche man ihn, doch das Moor sei groß und voller Verstecke. So zogen wir denn in eine Landschaft ein, die ohnehin schon düster genug war, und nun wussten wir, dass sich darin überdies ein flüchtiger Verbrecher verbarg. Die Schatten des Abends senkten sich, als unser Wagen die letzte Anhöhe erklomm und Baskerville Hall vor uns auftauchte.

Das alte Herrenhaus war ein wuchtiger, ehrwürdiger Bau aus dunklem Stein, mit zwei alten Türmen und efeuüberwachsenen Mauern. Eine lange Allee uralter Eiben führte zum Tor; ihre Zweige wölbten sich düster über dem Weg, sodass man wie durch einen dämmrigen Tunnel fuhr. Es war eine prächtige, doch schwermütige Stätte, und ich begriff, dass ein Mann mit empfindsamen Nerven sich hier leicht von trüben Gedanken umfangen fühlen mochte. An der Tür empfing uns der Verwalter des Hauses, ein hochgewachsener Mann mit gepflegtem schwarzem Bart: der Butler Barrymore, und an seiner Seite seine stille, blasse Frau. Beide hatten der Familie lange treu gedient. Willkommen, Sir Henry, willkommen auf Baskerville Hall, sagte Barrymore mit ernster, gedämpfter Stimme.

Es war ein eigenartiger erster Abend. In der großen, alten Halle mit ihren dunklen Ahnenbildern und dem knisternden Kaminfeuer saßen wir beim Essen, und über allem lag etwas Gedrücktes. Barrymore eröffnete Sir Henry bald, dass er und seine Frau das Gut zu verlassen wünschten, sobald es sich einrichten lasse; der Tod des alten Sir Charles, dem sie so verbunden gewesen seien, habe ihnen den Ort verleidet, und das Haus sei ihnen seither nicht mehr lieb. Sir Henry nahm es freundlich auf, doch es trug zu der gedrückten Stimmung bei. Müde von der langen Reise und den vielen Eindrücken zogen wir uns früh in unsere Zimmer zurück.

Doch der Schlaf wollte sich mir nicht recht einstellen. Lange lag ich wach und lauschte den Geräuschen des alten Hauses, dem Ächzen des Gebälks, dem Seufzen des Windes um die Türme. Und tief in der Nacht, als alles still sein sollte, hörte ich deutlich ein anderes Geräusch: das gedämpfte, herzzerreißende Schluchzen einer Frau, irgendwo im Haus, leise und voller Kummer. Ich richtete mich auf und lauschte. Eine Weile dauerte es an, dann verstummte es. Wer weinte dort in der Nacht, und warum? Es war das erste der vielen kleinen Rätsel, die mir Baskerville Hall aufgeben sollte, und ich nahm mir vor, es Holmes getreulich zu berichten.

Am nächsten Morgen lag das Moor in mildem Licht, und vieles von der düsteren Schwere des Vorabends schien verflogen. Und doch wusste ich nun, dass hinter den stillen Mauern dieses Hauses Geheimnisse wohnten: das Schluchzen in der Nacht, der wortkarge Butler mit dem schwarzen Bart, der einem gewissen Schatten in London so auffällig glich. Ich beschloss, die Augen offen zu halten, gewissenhaft zu beobachten und alles, was mir auffiel, an meinen fernen Freund zu melden. Denn auch wenn Holmes weit weg in London war, ich fühlte mich seinem Auftrag verpflichtet und wollte ihn nicht enttäuschen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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