Nach Arthur Conan Doyle · 15 Minuten zu lesen
Der Hund von Baskerville — Vierter Teil
Am Abend nach jener dunklen Nacht standen Holmes und ich in der großen Halle von Baskerville Hall, wo die alten Ahnenbilder der Familie in langer Reihe an den Wänden hingen. Holmes betrachtete sie eines nach dem anderen mit aufmerksamem Blick. Vor einem der dunkelsten und ältesten blieb er stehen, dem Bildnis eines Mannes in der Tracht einer fernen Zeit, mit hartem, finsterem Gesicht. Das, Watson, sagte er leise, ist Hugo Baskerville, der böse Ahnherr, mit dem die alte Sage begann. Ich betrachtete das mürrische Antlitz und meinte, es liege nichts Besonderes darin.
Sehen Sie genauer hin, sagte Holmes, und mit der Hand verdeckte er den breiten Hut und die langen Locken des Gemäldes, sodass nur das bloße Gesicht übrig blieb. Da fuhr ich zusammen. Denn unter seiner Hand, von Hut und Haar befreit, blickte mich aus dem uralten Bild ein wohlbekanntes Gesicht an: die Züge des Naturforschers Stapleton. Sie sehen es, sagte Holmes ruhig. Dasselbe Gesicht über die Jahrhunderte hinweg. Stapleton ist ein Baskerville, Watson, ein Spross dieses alten Geschlechts, der seine wahre Herkunft verbirgt.
Er erklärte mir, was er ermittelt hatte: Stapleton war in Wahrheit der Sohn eines jüngeren Bruders des alten Sir Charles, eines Mannes, der einst in Schande ins Ausland gegangen war und den man für kinderlos verstorben hielt. Und nun begreifen Sie das Ganze, sagte Holmes. Stünden Sir Charles und Sir Henry nicht im Wege, so fiele das ganze Erbe der Baskervilles, das Gut, das Vermögen, der Name, an eben diesen Stapleton. Das, Watson, ist sein Beweggrund: die Gier nach einem reichen Erbe.
Den alten Sir Charles hat er mit dem Schrecken des Hundes ins Grab getrieben, fuhr Holmes fort. Nun trachtet er Sir Henry nach dem Leben, um der Letzte zu sein, der den Anspruch erheben kann. Die alte Familiensage von dem Höllenhund kam ihm dabei wie gerufen; sie lieferte ihm das vollkommene Werkzeug. Niemand würde einen Mord vermuten, wo doch ein uralter Fluch am Werk schien. Und der Hund selbst, fragte ich. Ein Tier aus Fleisch und Blut, sagte Holmes, so groß und furchtbar wie nur möglich, das er heimlich hält und auf seine Opfer hetzt. Wir werden es bald genug zu sehen bekommen, fürchte ich.
Nun ging Holmes daran, die letzten Maschen seines Netzes zu knüpfen. Er ließ den guten Inspektor Lestrade aus London kommen, einen verlässlichen Mann für den entscheidenden Augenblick. Dann suchte er Laura Lyons auf, jene unglückliche Frau in Coombe Tracey. Als er ihr eröffnete, dass der Mann, der ihr die Ehe versprochen hatte, in Wahrheit längst verheiratet war, dass die angebliche Schwester Beryl seine Frau sei, da brach ihr ganzer Glaube an Stapleton zusammen.
Bitter enttäuscht und empört gestand sie nun alles: Stapleton habe sie dazu gebracht, jenen Brief an Sir Charles zu schreiben und ihn ans Moortor zu bestellen; im letzten Augenblick aber habe er sie überredet, selbst fernzubleiben, sodass der alte Herr allein und schutzlos in der Nacht dort wartete. Ich ahnte nichts von alldem, sagte sie unter Tränen. Ich war nur ein Werkzeug in seiner Hand. Damit hatte Holmes die Aussage, die er brauchte.
Nun fehlte nur noch eines: Stapleton auf frischer Tat zu fassen, mit seinem Hund, ehe ein Richter ihn überführen konnte. Dazu ersann Holmes einen kühnen, doch gefährlichen Plan. Es gibt nur einen Weg, sagte er ernst. Wir müssen Stapleton dazu bringen, seinen Hund noch einmal loszulassen, vor unseren Augen. Und dazu, Watson, brauchen wir einen Köder. Sir Henry, so war es eingefädelt, war zum Abendessen nach Merripit House geladen, zu den Stapletons. Holmes wies ihn an, der Einladung zu folgen und danach allein und zu Fuß über das Moor heimzukehren, scheinbar arglos.
Es war ein schwerer Gang, den man da von dem jungen Mann verlangte. Doch Sir Henry, tapfer wie immer, willigte ohne Zögern ein. Wenn es hilft, diesen Schurken zu fassen, sagte er fest, so gehe ich, und wenn der Teufel selbst auf dem Moor lauert. Holmes und ich aber, mit Lestrade, würden uns nahe dem Pfad verbergen und im rechten Augenblick zuschlagen. So war alles bereitet, das Netz gespannt, die Falle gestellt. Es blieb nur, die Nacht abzuwarten und zu hoffen, dass unser Plan gelänge und der mutige Sir Henry heil aus der Gefahr hervorginge.
Mir war das Herz schwer vor Sorge, doch die ruhige Entschlossenheit meines Freundes gab mir Halt. Morgen Nacht, Watson, sagte er leise, wird sich alles entscheiden. Für diesen Augenblick aber ist noch nichts geschehen, und alles ist still. Die Pläne sind geschmiedet, das Haus liegt ruhig unter dem Abendhimmel, und draußen dehnt sich das Moor friedlich und leer. In einer Geschichte wenden sich die Dinge, und diese hier wartet geduldig, bis sie weitergeht.
Der Abend der Entscheidung kam, und mit ihm zog vom Moor her dichter, weißer Nebel auf, der sich langsam über die Heide wälzte. Holmes blickte besorgt in die wabernden Schwaden. Der Nebel ist das Einzige, was uns gefährlich werden kann, Watson, sagte er leise. Er kommt zur Unzeit. Doch nun ist es zu spät, etwas zu ändern. Wir hatten uns, Holmes, Lestrade und ich, hinter einigen Felsen und Büschen nahe dem Pfad verborgen, der von Merripit House über das Moor führte. Die Revolver lagen bereit in unseren Händen.
Drüben, im erleuchteten Fenster von Stapletons Haus, sahen wir die Schatten der Männer beim Essen. Und wir warteten, mit klopfenden Herzen, auf den Augenblick, da Sir Henry sich auf den Heimweg machen würde, allein, durch den Nebel. Endlich öffnete sich die Tür, und Sir Henry trat heraus in die Nacht. Wir hörten seine festen Schritte auf dem Pfad näher kommen, sahen seine Gestalt undeutlich im treibenden Nebel. Er ahnte, dass wir in der Nähe waren, und ging tapfer voran, wie ein Mann, der weiß, dass Freunde über ihn wachen, und der dennoch seinen Mut zusammennehmen muss.
Näher und näher kam er. Und da, plötzlich, hörten wir es: ein rasches, federndes Tappen, das aus dem Nebel heranjagte. Im nächsten Augenblick brach es hervor. Aus den wallenden Schwaden schoss eine ungeheure Gestalt, ein Hund, ein riesiges, schwarzes Untier, größer als jeder Hund, den ein Mensch je gesehen hatte. Und das Entsetzlichste war: Sein Maul, seine Augen, sein ganzer Kopf schienen in einem fahlen, unirdischen Feuer zu glühen, als loderte eine geisterhafte Flamme über ihm.
Lautlos, mit langen Sätzen, jagte das leuchtende Untier hinter Sir Henry her, der mit einem Schrei zur Seite taumelte. Einen Augenblick lang waren auch wir wie gelähmt vor diesem schaurigen Anblick. Doch Holmes fand zuerst seine Fassung. Schießen Sie, Watson, rief er, und im selben Augenblick krachten unsere Revolver. Wieder und wieder feuerten wir auf das ungeheure Tier. Ein wütendes Heulen zerriss die Nacht; das Untier war getroffen. Es wankte, drehte sich, stürzte und blieb endlich reglos liegen, dort im Nebel auf dem Pfad.
Holmes leerte seine Trommel in das Tier, bis es sich nicht mehr rührte. Dann eilten wir hinzu. Sir Henry lag am Boden, bleich und am ganzen Leib zitternd vor Schreck, doch unverletzt, lebendig, gerettet. Wir richteten ihn auf, und nach und nach kehrte das Leben in seine Glieder zurück. Nun beugten wir uns über das gefallene Untier, und das Geheimnis des höllischen Hundes löste sich in nichts auf. Es war ein gewaltiger Hund, gewiss, ein riesiges, kräftiges Tier, aber ein Tier aus Fleisch und Blut, kein Gespenst.
Sein Fell aber war über und über mit einer leuchtenden Masse bestrichen, mit Phosphor, der im Dunkeln glomm und ihm jenen höllischen Schein verlieh. Eine grausame, sinnreiche List, sagte Holmes leise und strich dem toten Tier fast mitleidig über den Kopf. Ein abgerichteter Hund, bemalt, um wie der Höllenhund der Sage zu erscheinen, ausgehungert, um wild zu sein, und auf Sir Henrys Geruch gehetzt, vom gestohlenen Stiefel. Sehen Sie, Watson, wie das ganze schaurige Rätsel auf einen kalten, durchdachten Plan hinausläuft. Da lag er nun, der gefürchtete Hund von Baskerville, kein Dämon, nur das traurige Werkzeug eines bösen Mannes.
Doch der Mann selbst, Stapleton, war noch zu fassen. Wir eilten durch den Nebel hinüber nach Merripit House. Die Tür stand offen, die Zimmer waren leer; Stapleton war geflohen, hinaus in die Nacht. Doch in einem oberen Zimmer fanden wir die arme Beryl. Man hatte sie gefesselt und geknebelt; sie hatte sich am Ende geweigert, bei dem letzten, furchtbaren Verbrechen mitzuwirken, und ihr Mann hatte sie gebunden, um sie zum Schweigen zu bringen.
Wir befreiten sie, und unter Tränen der Erleichterung und der Scham erzählte sie uns alles und wies uns den Weg: Stapleton sei, sagte sie, in sein geheimes Versteck im Herzen des Grimpener Moors geflohen, dorthin, wo er den Hund verborgen gehalten hatte, auf einer kleinen Insel inmitten des tückischen Sumpfes, erreichbar nur über einen schmalen, mit Stäben markierten Pfad. Im ersten Morgengrauen, als sich der Nebel ein wenig lichtete, machten wir uns auf, ihn zu verfolgen.
Doch der Sumpf, der schon manchem zum Verhängnis geworden war, ließ keinen über sich, der nicht den verborgenen Weg genau kannte. Wir fanden Stapletons Spuren, die in den Nebel und den weichen Grund hineinführten, und dann verloren sie sich. In seiner Flucht, in Dunkelheit und Nebel, musste er den schmalen Pfad verfehlt haben. Das große Grimpener Moor, das so viele verschlungen hatte, hatte auch ihn genommen. Am Rand des Sumpfes fanden wir nur ein letztes Zeichen: einen alten schwarzen Stiefel, jenen gestohlenen Stiefel Sir Henrys, mit dem er den Hund auf die Spur gesetzt hatte.
Dort, an dieser Stelle, hatte das Moor sich über dem Mann geschlossen, der so viel Unheil ersonnen hatte. So endete Stapleton, gerichtet von der Wildnis, die er für seine finsteren Pläne missbraucht hatte. Der Fluch der Baskervilles war gebrochen. Der furchtbare Hund war tot, der Schurke dahin, und Sir Henry, erschüttert, doch lebendig, durfte fortan in Frieden das Erbe seiner Väter antreten. Wir aber kehrten müde, aber erleichtert von dem Moor zurück, während die Morgensonne langsam über die weite, stille Heide stieg und allen Schrecken der Nacht hinwegnahm.
Nun ist alles überstanden, und tiefer Friede liegt über dem Moor. Die Gefahr ist vorüber, der Morgen ist hell und ruhig, und alles hat sich zum Guten gewendet. Das Heidekraut glänzt vom Tau, die Nebel sind fort, und über den grauen Felsen steht ein weiter, heller Himmel. Von dem Schrecken der Nacht ist nichts geblieben als das Schweigen einer sehr alten Landschaft, die still geworden ist wie der Rest der Geschichte.
Es war einige Wochen später, an einem ruhigen Abend in der vertrauten Baker Street, als Sherlock Holmes und ich, Doktor Watson, am Kamin saßen und auf das ganze dunkle Abenteuer von Baskerville zurückblickten. Erklären Sie mir alles von Anfang bis Ende, Holmes, bat ich. So manches ist mir noch immer rätselhaft. Holmes lehnte sich behaglich zurück, zündete seine Pfeife an und begann mit ruhiger Stimme, die einzelnen Fäden zu einem klaren Bild zu verknüpfen.
Der Mann, den wir als Stapleton kannten, begann Holmes, war in Wahrheit ein Baskerville, der Sohn jenes jüngeren Bruders des alten Sir Charles, der einst in Schande nach Übersee gegangen war und von dem man glaubte, er sei kinderlos gestorben. Doch er hatte einen Sohn, und dieser Sohn wuchs in der Ferne auf, ein kluger, doch kalter und gewissenloser Mensch. Unter wechselnden Namen schlug er sich durchs Leben; eine Zeit lang führte er sogar eine kleine Schule, die unter unglücklichen Umständen einging.
Schließlich kam er mit seiner Frau nach England, ließ sich auf dem Moor nieder und gab sich als der harmlose Naturforscher Stapleton aus. Und seine Frau, die schöne Beryl, gab er als seine Schwester aus, um freie Hand zu haben. Und bald, fuhr Holmes fort, erkannte er, wie nahe er dem großen Erbe der Baskervilles stand. Nur zwei Menschen trennten ihn davon: der alte Sir Charles und, nach diesem, der junge Sir Henry. Da reifte in ihm sein finsterer Plan.
Er erfuhr von dem schwachen Herzen des alten Herrn und von dessen abergläubischer Furcht vor der alten Familiensage, und gerade diese Sage machte er sich zunutze. In London erwarb er heimlich einen gewaltigen Hund, ein riesiges, wildes Tier, und brachte ihn verborgen auf seine kleine Insel mitten im Grimpener Moor. Dort hielt er ihn versteckt, hungrig und scharf. Und er bestrich ihn mit leuchtendem Phosphor, damit er im Dunkeln wie der Höllenhund der Legende erscheine. So, sagte ich schaudernd, wurde aus dem alten Märchen eine tödliche Waffe.
Den alten Sir Charles brachte er mit Hilfe der ahnungslosen Laura Lyons ans Moortor, erzählte Holmes weiter. Dort ließ er in der Dunkelheit den leuchtenden Hund los. Der alte, herzkranke Mann erblickte das schaurige Untier, das auf ihn zukam, und das Entsetzen allein genügte. Sein Herz versagte, noch ehe ihn das Tier erreichte. So starb Sir Charles, scheinbar am Fluch, in Wahrheit an einem kalt berechneten Schrecken. Und der Hund berührte ihn gar nicht, fragte ich.
Nein, sagte Holmes. Darum fand Mortimer auch keine Wunde, sondern nur die Spuren des Tieres in einiger Entfernung. Es war die nackte Angst, die Sir Charles tötete. Als dann Sir Henry aus Kanada eintraf, fuhr Holmes fort, setzte Stapleton seinen Plan aufs Neue in Gang. Er reiste ihm heimlich nach London nach; das war der bärtige Mann in der Droschke. Er ließ sich aus Sir Henrys Hotelzimmer einen Stiefel stehlen, um den Hund auf dessen Geruch abzurichten; den neuen, ungetragenen gab er zurück und nahm dafür einen alten, getragenen, der den Geruch trug.
Seine Frau Beryl aber wurde im Laufe der Zeit von Abscheu und Mitleid ergriffen. Heimlich versuchte sie, Sir Henry zu warnen, mit der zusammengeklebten Botschaft, mit ihrem verzweifelten Zuruf auf dem Moor. Doch sie wagte nicht, ihren Mann offen zu verraten, denn sie fürchtete ihn. Die arme Frau, sagte ich. Ja, sagte Holmes leise. Sie war ein Opfer wie die anderen, gefangen im Schatten dieses Mannes.
Den Rest, sagte Holmes, kennen Sie selbst, Watson, denn Sie haben ihn miterlebt. Wie der Hund in jener Nacht zuerst den unglücklichen Selden traf, der Sir Henrys abgelegte Kleider trug. Wie wir das Netz knüpften und Sir Henry als Köder über das Moor schickten. Und wie wir das leuchtende Untier endlich stellten und Sir Henry retteten, während Stapleton selbst in dem Sumpf versank, den er für seine finsteren Zwecke missbraucht hatte.
Es bleibt nur ein dunkler Gedanke, sagte ich. Wie viele schlaflose Nächte muss dieser Mann seinen Opfern bereitet haben. Solche Menschen, sagte Holmes ruhig, spinnen ihr Netz oft jahrelang. Doch am Ende verfangen sie sich darin selbst. Und Sir Henry, fragte ich. Sir Henry wird genesen, sagte Holmes mild. Der Schrecken jener Nacht hat tief an seinen Nerven gezehrt, doch er ist ein kräftiger, junger Mann von gesundem Gemüt.
Der gute Doktor Mortimer wird ihn auf eine lange Reise um die Welt begleiten, damit er an fernen Gestaden Ruhe und Kräfte sammle. Wenn er zurückkehrt, wird er der Herr von Baskerville Hall sein, den kein Fluch und kein Hund mehr schreckt, ein freier Mann auf dem Erbe seiner Väter. Holmes lächelte still und klopfte seine Pfeife aus. So, mein lieber Watson, schließt sich der Kreis. Und nun, glaube ich, haben wir uns einen ruhigen Abend wahrlich verdient.
So endet die Geschichte vom Hund der Baskervilles, ein altes Familiengeheimnis, ein finsterer Plan und ein leuchtendes Untier, alles aufgelöst durch den klaren Verstand des Sherlock Holmes. Das Moor liegt nun fern und still, der Schrecken ist für immer vergangen, und in der warmen Baker Street brennt friedlich das Feuer. Die lange Geschichte ist zu Ende gewandert, und alles hat sich zum Guten gefügt. Es ist nichts mehr offen, nichts mehr zu bedenken; über der Baker Street liegt die Nacht, und im Kamin sinkt die letzte Glut ganz langsam in sich zusammen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.